Wie weit können Sie sich zurück erinnern?

Manche Menschen behaupten, sie könnten sich an ihre Geburt erinnern. Andere sagen, dies sei unmöglich. Manche Menschen machen die Entwicklung des Bewusstseins an in psychologischen Versuchen messbaren Ereignissen fest und bestimmen ein Alter von zum Beispiel sieben, fünf oder drei Jahren, an das man sich frühestens bewusst zurück erinnern könnte. Andere gehen sogar noch weiter und behaupten, selbst vor der Geburt, im Bauch der Mutter besäße der Mensch bereits Bewusstsein. Ich will in diesem Artikel nicht tiefer auf verschiedene wissenschaftliche Glaubensrichtungen zu diesem Thema eingehen. So etwas führt aus Erfahrung zu nichts, außer vielleicht einigen interessanten Doktorarbeiten oder vielleicht einer neuen Professur an irgend einer Universität. Aber durch Titel oder Positionen kommt die Wissenschaft bekanntlich nicht weiter. Dies ist einer der Gründe, warum ich den Begriff ‚Science-Jazz‘ entwickelte.

Engel_Stiftskirche

Ich würde es an dieser Stelle lieber rein empirisch angehen und Sie, meine Leser fragen: was ist das früheste Ereignis, an das sie sich erinnern? Um zu erklären was ich genau meine, fange ich einfach selbst einmal an, zu erzählen:

Also, wie war es bei mir? Bis ich etwa zwanzig Jahre alt war, hatte ich mir noch nie in meinem Leben Gedanken über mich selbst, meine Seele, meine Psyche gemacht. In diesem Lebensjahr fing ich an, philosophische Bücher zu lesen, die hier und da regen Bezug auf die Psychologie nehmen. Und so kam ich in Berührung mit der Frage nach dem Selbst.

Das einschlagende Ereignis war, als ich kurze Zeit später meine erste feste Freundin hatte und sexuelle Erfahrungen machte. Bestimmte olfaktorische Impulse ließen mich eines morgens aus dem gemeinsamen Lager erschrocken auffahren.

„Was ist los?“, fragte mich meine junge Freundin.

„Ich weiß es nicht genau. Aber ich glaube, ich habe mich gerade an meine Geburt erinnert.“, antwortete ich verwirrt.

„Aber das ist doch wunderbar!“, meinte sie nur.

Ich habe diese Erinnerung lange Zeit ignoriert. Doch als dann später sogar Erinnerungen aus der Zeit vor meiner Geburt hinzu kamen, wurde ich nervös und ungeduldig. Eines Tages fragte ich einfach meine Mutter, wie meine Geburt ablief und was geschah. Als Mann dachte ich, dies sei der heilige Gral der Weiblichkeit und niemals würde mir davon erzählt werden. Erstaunlicherweise erzählte mir meine Mutter ganz selbstverständlich und frei von allem: von verlorenem Fruchtwasser vier Wochen zu früh, dem besonnenen Verhalten meines Vaters und von einer schrecklichen Zangengeburt, was gut zu meiner Erinnerung an den Schmerz in meinem Gesicht passte. Sie hatten mich wohl an der Oberlippe erwischt und daran heraus gezogen. Ich werde niemals die Kälte und Härte an meinem eigenen Körper vergessen, als ich aus dem weichen Körper meiner Mutter heraus fiel, die den Schmerz im Gesicht sofort weit übertrumpften und das grelle, weiße Licht in meinen Augen, das mich nichts sehen ließ außer einer Art rechteckigen Oberlicht-Fenster weit über mir. Mein erster Atemzug brannte wie Feuer in meinen Lungen und die Schmerzen waren unbeschreiblich groß. Aber das war nichts gegen die Kälte der Welt – eines der schlimmsten Gefühle, die ich jemals in meinem Leben hatte.

Da mein Vater durch einen Unfall früh verstorben war, übte ich mich in meinem Leben immer wieder in der Erinnerung an ihn, um ihn nicht zu vergessen. Er war ein Erfinder, wie er im Buche steht: mit Patenten, Werkstatt, Labor und Testaufbauten in Werkstatt, Garage und Keller. Eine seiner Maschinen stand in einer kleinen Kammer im Keller gleich unter unserem Bad im Erdgeschoss. Es war eine Wassersparanlage. Sie gluckerte und schlürfte, während sie das Brauchwasser von Dusche und Badewanne aufsog und in Wärmetauschern damit das Leitungswasser zum Beispiel für die Waschmaschine vorheizte. In diesem kleinen Raum stand ich zu jener Zeit oft und sah meinem Erfinder-Vater beim Schrauben und anpassen der Anlage zu. Eines Tages kam meine Mutter hinzu und die beiden unterhielten sich und lachten. Das klang sehr hohl und dumpf in dem kleinen Raum. Ich war damals etwa fünf bis sechs Jahre alt, kurz bevor ich zur Schule kam und ich rief aus:

„Ich kenne diesen Ort, ich war hier schonmal!“

„Nein, Bubi“, das kann nicht sein, antwortete mein Vater. „Wir sind doch erst vor kurzem hierher gezogen. Du warst hier noch nie – ganz sicher.“

Doch diese Erinnerung an dieses Deja-Vu war so eindringlich, dass ich mir es immer gemerkt habe, mein ganzes Leben lang und eines Tages erinnerte ich mich an die Wahrheit: ich erinnerte mich an die Stimmen meiner Eltern, an ihr Lachen, an das Gluckern und an den gedämpften, hohlen Ton – und an die Dunkelheit, die Wärme und das schwache Licht. Und ich erinnerte mich wie sehr ich ihre Stimmen mochte.

Ich begriff, dass ich als kleiner Junge ein Deja Vu meiner pränatalen Existenz hatte, weil ich mit fünf oder sechs zufälligerweise in exakt die selbe Geräuschkulisse geriet, in der ich vor meiner Geburt war, wenn ich meinen Eltern zuhörte. Aber durch diesen Eingang in die Erinnerungswelt eines Frühgeborenen – das war ich – vor seiner Geburt, gelang es mir, mich immer präziser an Episoden aus meiner Zeit im Bauch meiner Mutter zu erinnern.

Heute weiß ich, ich habe damals die meiste Zeit geschlafen. Ich muss nur hier und da wach gewesen sein und dann hörte ich der Stimme meiner Mutter zu und ganz besonders auch der Stimme meines Vaters, der einzigen Stimme eines anderen Lebewesens, das nicht meine Mutter war und doch so nah, dass ich mehr hören konnte als dumpfes Brummen oder Fiepen.

Eines Tages erinnerte ich mich intensiv daran, dass meine Eltern sich damals sehr lieb hatten. Ich erinnerte mich, ich spürte wieder ihre Stimmen und ihr Lachen und wie ich damals merkte, das Lachen etwas sehr schönes war. Ich erinnerte mich, wie ich versuchte zu lachen oder zu sprechen. Aber es funktionierte nicht, mit all dem Wasser in den Lungen ohne Funktion.

Ich erinnere mich daran, wie es allmählich eng wurde. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl von Unzufriedenheit: alles drückte und meine Glieder waren mir selbst im Wege. Ich erinnerte mich zum ersten mal daran, dass es früher einmal besser war. – Wenn ich auch nicht wusste, was der Grund für mein Unbefinden war: mein Wachstum.

Besonders erinnere ich mich heute daran, dass ich über längere Zeiträume geistig komplett weg war und nur hier und da kurze Zeiträume in meiner Mutter wach war, meistens um meine Eltern intensiv zu belauschen. Ich erinnere mich an das Gefühl, mich für meine Eltern emotional äußerst interessiert und auch entschieden zu haben, weil sie mir voller Liebe erschienen. Ich erhoffte mir davon so etwas, wie selber geliebt zu werden. Ich erinnere mich an eine Art weißen Vorhang in so etwas wie einem Raum, durch den ich regelmäßig hindurch trat um dann in der Dunkelheit und Wärme zu schweben. Und ich erinnere mich an das Gefühl, als ich spürte, dass es kein Zurück mehr gab. Und ich erinnere mich an ein Gefühl von Abschied. Das war aber lange bevor es für mich zu eng wurde. Die Zeit kurz vor meiner Geburt verbrachte ich vor allem mit Schlafen. Derselbe Schlaf, den auch die Neugeborenen kennen.

Soweit der empirische Teil meines Textes. Es handelt sich um meinen persönlichen Erlebnisbericht. Nun folgt reine Spekulation.

All meine Erinnerungen führen mich zu folgenden Erklärungsversuchen: Sind wir vierdimensionale Wesen, die von Leben zu Leben durch die Raumzeit reisen? Wenn wir durch die Raumzeit reisen, indem wir uns in Lebewesen, also in biologischen Wirten, einnisten, dann tun wir dies aufgrund von Entscheidungen, die nur mit Liebe und mit Menschlichkeit, also Wesenheit, zu tun haben. Ein sogenannter ‚Mensch‘ ohne Seele ist nur eine biologische Maschine, weniger als ein seelenbehaftetes Tier, denn er besitzt keinen liebenden Symbionten, also den eigentlichen Menschen in ihm. Ein Mensch ohne Seele ist wohl das, was die Religion einen Teufel nennt. Jemand wie Hitler oder Stalin oder der Nazi-Peter von nebenan. Ja, sie sind rein biologisch Menschen. Sie sehen zumindest so aus. Aber das wesentliche fehlt: der Symbiont, das liebende Wesen aus der vierdimensionalen Welt.

Vergleichbar mit Hitler oder Stalin oder anderen Teufeln ist auch eine künstliche Intelligenz, ein hochentwickelter Computer, ein menschenähnlicher Roboter. Auch diese besitzen reine dreidimensionale Strukturen, aber keinen liebenden Symbionten, der sich in ihnen anscheinend nicht einnisten kann (Interessant ist hier die Frage, wie es mit biologischen Maschinen aus der Retorte, also von mir sogenannten ‚Monstermaschinen‘ aussieht.).

Was ist die Seele? Die Seele ist wahrscheinlich eine Projektionsfläche, nämlich die dreidimensionale Projektion des vierdimensionalen Wesens, des Symbionten im biologischen dreidimensionalen Wirt. Die Seele besitzt dabei keine vierdimensionale Erinnerung mehr und kann sich nur bis an die Grenze der Projektion in den dreidimensionalen Raum erinnern (der Vorhang). Leider ist alle Erinnerung an Früher und vor dem Leben vierdimensional und damit für die projizierte dreidimensionale Seele nicht zugreifbar. Nur das ehrliche, tiefe Gefühl lässt eine sehr schmalbandige Verbindung zu der vierdimensionalen Welt zu (die Ahnung an den Schöpfer).

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