„Mächtige der Welt, fürchtet mich, [denn] wenn ich vor Gott stehe, werde ich eure Sünden anzeigen“

Ich ging im Sommer durch Berlin spazieren und traf ein Kind. Es stand alleine am Straßenrand und sah sich manchmal um. Hatte es seine Eltern verloren?

„Was machst du hier alleine. Wo sind deine Eltern?“, fragte ich.

Es war ein kleiner Junge, etwa acht Jahre alt.

Erst sah er mich sehr mißtrauisch an. Er sah mir in die Augen. Dann lächelte er.

„Meine Mutter ist dort im Laden und kommt gleich wieder!“, antwortete der Junge und zeigte auf einen Spätkauf auf der anderen Straßenseite.

Na ja, ich hatte Zeit. So lange konnte ich noch hier bei ihm warten, bis seine Mutter zurück kam, dachte ich mir.

Er hielt ein Spielzeug in der Hand, mit dem er herum hantierte. Er schien sehr froh damit zu sein. Plötzlich hielt er mir sein Spielzeug entgegen und sagte:

„Da!“

„Was ist das?“, fragte ich.

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Ich hielt ein kleines, etwas verunstaltetes Männchen in meiner Hand und betrachtete es von allen Seiten.

„Ein Transformer!“, antwortete der Junge.

„Was ist ein Transformer?“, fragte ich.

„Das weißte nich?“, fragte mich der Kleine und lachte.

„Nö.“

„Haha, jeder weiß, was ein Transformer ist. Bist du blöde?“, fragte er mich und sah mich neugierig an. Ich glaube, er meinte mit ‚blöde‘ sowas wie geistig behindert oder zurückgeblieben.

„Weiß nicht, vielleicht. Aber was ist es denn jetzt nun?“, antwortete ich.

„Ein Transformer ist ein außerirdischer Roboter, der auf der Erde ist und sich als Auto tarnt!“

„Wie jetzt? Ein richtiger Roboter?“

„Ja!“

„Und kann er denken?“, fragte ich.

„Ja, auf jeden Fall besser als du! Und sprechen kann er auch!“

„Und damit ihn niemand bemerkt, tut er so als wäre er ein Auto?“

„Ja, klar.“

„Aber wie kann ein außerirdischer Roboter sich als Auto tarnen? Also ich würd‘ doch sofort den Unterschied zwischen einem außerirdischen Roboter und einem Auto erkennen!“, erwiderte ich.

„Das würdest du nicht!“, rief der Kleine.

„Doch, na klar. Warum sollte ich nicht?“, meinte ich verunsichert.

„Deshalb!“, sagte der Junge, nahm mir den Roboter wieder aus der Hand und fing an, daran herumzuhantieren.

Nach ein paar geschickten Handgriffen hatte er ihn so zusammen gefaltet, dass er tatsächlich wie ein Auto aussah. Was vorher das Visier des Helms des Männchens gewesen war, war jetzt die Windschutzscheibe. Die Diskus-Scheiben an seinen Händen und die runden Knieschützer waren jetzt die Räder und so weiter. Ich war beeindruckt:

„Toll! Und was macht der Roboter so?“

„Na, rumfahren!“

„Und wohin?“

„Zu den Bösen!“

„Warum denn zu den Bösen?“

„Um mit ihnen zu kämpfen, er ist nämlich ein Guter!“

„Und du, bist du auch ein Guter?“, fragte ich den kleinen Jungen.

„Ja klar, und ich werde, wenn ich groß bin auch gegen die Bösen kämpfen!“

„Und wer sind die Bösen?“, fragte ich neugierig.

Der kleine überlegte angestrengt. Dann sprudelte er hervor:

„Meine Mama sagt, die Bösen sind die Mächtigen der Welt, die uns bestehlen und uns die Freiheit rauben!“

„Aha. Und gibt’s auch Gute unter den Mächtigen der Welt?“, fragte ich den kleinen Mann.

Da musste er wieder ein Weilchen überlegen.

„Wahrscheinlich ja. Aber die interessieren mich nicht. Ich will gegen die bösen Mächtigen der Welt kämpfen!“

„Na gut. Aber wie du schon sagst: sie sind mächtig. Das heißt sie sind groß und stark. Vielleicht befehligen sie ja ganze Armeen. Oder auch..“

„..böse Transformers!“, rief der kleine dazwischen.

„Ach so, also böse Transformers gibt es auch.. Mhh..“ Der Kleine nickte bestätigend. „Also, vielleicht befehligen sie ja ganze Armeen von bösen Transformers. Und gegen die willst du dann kämpfen?“

„Ja klar, mit guten Transformers!“

„Und mit der Hilfe von guten Transformers kannst du gewinnen?“, fragte ich.

„Ja, wenn ich Glück hab“, sagte der Junge siegesgewiss.

„Und wenn du Pech hast?“, fragte ich.

„Dann sterbe ich!“, rief der Junge.

„Hast du denn keine Angst? Ich meine, dass du sterben könntest? Dann ist man doch tot und so..“, fragte ich vorsichtig.

„Wer tot ist kommt vor Gott. Jeder, auch du. Und auch ich“, erklärte er.

„Ja, und was macht man da vor Gott so?“, fragte ich.

„Man erzählt ganz genau, was man erlebt hat.“

„Und warum?“, fragte ich.

„Gott ist wie ein riesiger, guter Transformer. Er ist mächtiger als alle anderen. Er ist wie ein guter Polizist! Und er weiß alles! – Weil ja alle toten Menschen ihm alles erzählen, was sie in ihrem Leben erlebt haben. Wenn ich ihm die Sünden der bösen Mächtigen erzähle, die mich getötet haben, dann bestraft er sie.“

„Und wie macht er das? Wie und wann bestraft er sie?“

„Du bist echt blöde! Na, spätestens wohl dann, wenn auch sie vor ihm stehen! Und dann tut er ihnen so richtig weh! Dann gibt er ihnen alles zurück! Alles, was sie den Guten an gemeinen Sachen getan haben!“

Das war eine beindruckend klare Logik, musste ich innerlich zugeben.

„Dann müsste jeder Mächtige der Welt sich ja vor dir fürchten! Damit du nicht vor dem großen Polizisten seine Sünden anzeigst!“

„Ja, genau!“, rief der kleine begeistert. „Mächtige der Welt, fürchtet mich! Wenn ich vor Gott stehe, werde ich eure Sünden anzeigen!“ Und dann lachte er laut und spielte weiter mit seinem Spielzeug.

Wow! Das waren klare und gerechte Worte, die Kindermund hier sprach. Wenn sie auch für meinen Geschmack etwas zu hart, etwas zu polarisierend und zu vereinfachend waren. Aber so sind Kinder nun mal.

Ich glaube, wenn ich ein böser Mächtiger wäre, der andere bestiehlt oder ihnen ihre Freiheit raubt, würde ich mich vor dem Jungen aus Berlin-Neukölln jetzt sehr fürchten. Ich würde mich vor jedem gottgläubigen Kind fürchten und ganz besonders vor diesem einen Gott und seinem Gericht.

Die Mutter des Jungen kam aus dem Spätkauf und überquerte die vierspurige Straße. Sie trug ein Kopftuch und hatte einen länglichen Gegenstand in ihrer Plastiktüte.

„Hey! Warum sprechen sie fremde Kinder auf der Straße an!“, schimpfte sie los.

„Ich wollte nur..“

„Perverser, du Sau!“, rief sie und zog ihren Jungen an der Hand hinter sich her.

Der kleine sah sich noch ein paar Mal um und lachte mich fröhlich aus. Dann sah er auf die Einkaufstasche seiner Mutter: „Anne, was hast du wieder gekauft! Das ist Sünde..“

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