Zu Ende gedacht: die Entwicklung zur Digitalen Gesellschaft

Auf der ganzen Welt suchen Softwareentwickler nach Lösungen, wie die Interaktion zwischen Menschen und Computern weiter verbessert werden könnte. Sie sprechen dabei von Mensch-Maschine-Interfaces, kurz MMI’s oder englisch HMI’s (Human Machine Interfaces), und denken sich immer wieder neue Ansätze aus.

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In Deutschland gibt es die verbreitete Idee, wir sollten die ganze Gesellschaft digitalisieren: von der Industrie (wir sprechen von Industrie 4.0) über die Verwaltungen und sonstigen Unternehmen (Stichwort papierloses Büro) bis hin zu den Privathaushalten.  Natürlich gibt es da einige Probleme, wenn man jede Regung des Lebens erst einmal in einen für die Maschine lesbaren Datensatz packen muss, bevor man weitermacht. Diese Transformation von allen Aspekten des Lebens in den Datensatz einer Rechenmaschine ist wie ein Nadelöhr, durch das wir alles hindurch quetschen müssen. Wir sehen uns nichts mehr an, sondern zücken das Smartphone, um ein Bild zu machen, und es uns später auf einem Monitor anzusehen. Wir hören nicht mehr zu, sondern schneiden mit, um es uns später anzuhören. Wir schreiben nichts mehr auf, sondern tippen es auf einer Tastatur oder diktieren es einem Sprachcomputer, der es in maschinenlesbaren Text übersetzt. Wir malen keine Bilder und kritzeln keine Zeichnungen mehr, sondern nutzen Grafikprogramme, damit alles ungefähr gleich und gewohnt aussieht (Stichwort Corporate Identity). Wir Deutschen, muss man sagen, sind aber auch immer etwas konsequenter als alle anderen Völker auf der Welt. Wenn wir etwas tun, dann richtig. Wenn hier digitalisiert wird, dann bis zum Letzten. Wir lassen ungerne Freiräume für Exoten. In diesem Fall für Nichtdigitalisierte oder Analoge.

Sehen wir uns doch einmal kurz an, wie das mit den digitalen Rechenmaschinen anfing. Wie die Eingabe von Daten in jene Digitalrechner, also die sogenannte Digitalisierung, begann und welche Entwicklung diese MMI-Schnittstelle bis heute genommen hat.

Am Anfang war der digitale Rechner. Nein, das ist falsch. Schon vor über 2000 Jahren bauten die Griechen hochpräzise Rechenmaschinen, die in der Lage waren, Sonnen- und Mondfinsternisse über 20 Jahre im Voraus stundengenau zu berechnen [Quelle]. Diese Rechenmaschinen waren mechanisch und bestanden aus vielen kleinen Zahnrädern mit hunderten von Zähnen, um eine solche Präzision überhaupt zu erreichen. In der Neuzeit wurden die mechanischen Rechenmaschinen wiedererfunden, zum Beispiel von Blaise Pascal in Frankreich [Quelle]. Lange dachte die Menschheit, präzise Rechenmaschinen wären erst 350 Jahre alt, bis man das erste griechische Modell in einem antiken Schiffswrack (wieder) fand. Eigentlich wurde es schon um 1910 entdeckt, doch geriet es 90 Jahre in Vergessenheit. Im zwanzigsten Jahrhundert kamen dann die elektromechanischen Rechenmaschinen hinzu, wo die Rechengetriebe entweder durch Motoren angetrieben wurden, oder mit Relais-Schaltern gerechnet wurde. Dann kamen die Rechenmaschinen mit Vakuumröhren, also die ersten elektronischen Rechner. Dann wurde der Transistor erfunden und dann ging alles ganz schnell. Es gab auf Transistortechnik aufbauende Analogrechner (hauptsächlich zum Integrieren und Differenzieren), Dezimalsystem-Rechner und Binärsystem-Rechner. Letztere sind die Maschinen, die man heute üblicherweise als Digitalrechner bezeichnet. Es gab Digitalrechner mit 4 Bit, 8 Bit, 16 Bit, 24 Bit, 31 Bit, 32 Bit und 64 Bit als Wort- oder Adressgröße. Seit den IBM Standardrechnern der frühen Sechzigerjahre hat sich in der Digitaltechnik, also im Grundaufbau der Digitalrechner nicht mehr viel getan, wenn man einmal von der Miniaturisierung, Speichergröße und Rechengeschwindigkeit absieht. Aber in einer Hinsicht hat sich sehr viel geändert: im Mensch-Maschine-Interface – also den Geräten, mit deren Hilfe wir mit dem Computer arbeiten können.

Alles fing an mit Lochkarten zur Eingabe und Endlospapier zur Ausgabe. Die Lochkarten wurden auf Lochkarten-Stanzmaschinen mit Hilfe einer Schreibmaschinentastatur programmiert und von einem Kartenleser tackernd eingelesen. Im Science Fiction Action Reißer ‚Alien‘ hört man dieses Tackern eines Kartenlesers immer als Hintergrundgeräusch auf dem Raumschiff ‚Nostromo‘. Man findet in Antiquariaten heute noch viele englisch- und deutschsprachige Bücher aus den frühen Sechzigern, wie man IBM 650 Maschinen mit Lochkarten in der Programmiersprache Fortran programmiert. Fortran gibt es in dieser Form auch heute noch. Immerhin haben unsere Vorfahren mit dieser Technik alle Bahnberechnungen für die Mondlandungen durchgeführt und bewiesen, dass sie es wirklich drauf hatten. Wir können das nicht. Wir glauben, das wir das auch könnten, aber wir haben es nie bewiesen.

Dann kam der Röhrenmonitor als Ausgabegerät hinzu und damit war es möglich, Ausgaben sofort anzusehen. Nun machte eine Tastatur, die direkt am Computer angeschlossen war, zum ersten Mal Sinn, damit man gleich am Bildschirm beobachten konnte, was man so tippte. Jetzt konnte man direkt am Bildschirm mit Tastatur programmieren. Bildschirm und Tastatur zusammen nannte man von nun an ein ‚Terminal‘. Das erste Betriebssystem ‚Unix‘ machte es möglich, das mehrere Programmierer an mehreren Terminals gleichzeitig programmieren konnten und sich die Rechenleistung der Maschine dabei gemeinsam nach Priorität teilten. Und so verschwanden die Kartenleser allmählich. Terminals jedoch gibt es bis heute und Linux-Fans lieben sie. Linux ist ja eine Art ‚Unix‘ für PC’s. Die ersten DOS-PC’s waren noch reine Terminals, ohne ein echtes Betriebssystem.

Dann erfand jemand die Maus und Apple vermarktete sie zum ersten Mal erfolgreich Mitte der Achtzigerjahre. Die Maus machte nur Sinn, wenn man auch eine Grafikausgabe hatte, und so kamen die ersten grafikbasierten Betriebssystem heraus: Apple Macintosh, IBM OS/2, Microsoft Windows und das auf Unix (verwandten) Systemen laufende X Windows System mit allen darauf aufbauenden grafischen Benutzeroberflächen wie KDE, Gnome, Mac OS, etc. Die Maus als Eingabemedium hatte mehrere Varianten, wie den Trackball oder das Touchpad. Letzteres ist heute aufgrund der vielen Laptops sehr verbreitet. Der Röhrenbildschirm zur Grafikausgabe wurde mit der Zeit durch – LCD/LED/Plasma und was auch immer – irgendwelche Flachbildschirme ersetzt. Aber im Prinzip hat sich an dieser Technik Maus-Grafikbetriebssystem-Bildschirm seit 1984 nichts gravierendes geändert.

Ende der Neunzigerjahre kamen für vereinzelte Industrieanwendungen Touchscreens auf den Markt, die die Maus ersetzten. Die Herausforderung war nun, Software so zu gestalten, das man möglichst keine Tastatur mehr brauchte und alleine mit dem Drücken auf dem Touchscreen bei der Programmierung der Maschine zurecht kam. Dann kamen die Smartphones ohne Tastatur. Apple hat das Touchscreen zum Mehrfingertouch- und Wischscreen hin perfektioniert, so dass es heute tatsächlich viele Menschen gibt, die überhaupt keine Tastatur mehr besitzen und trotzdem jeden Tag mit (portablen) Computern arbeiten und spielen.

Jetzt erleben wir eine langsame Entwicklung hin zu Spracherkennungssystemen. Noch sind diese rudimentär und verstehen nicht allzu viel. Sprachwissenschaftler glauben aus gutem Grund, dass Maschinen niemals menschliche Sprache wirklich verstehen können. Aber ich glaube, das ist auch nicht notwendig. Wir werden das selbe mit der gesprochenen Sprache erleben, wie mit der geschriebenen Sprache Ende der Fünfzigerjahre. Um 1960 mussten sich Sprachwissenschaftler und Computerwissenschaftler eingestehen, das Computer vermutlich nicht in der Lage sind, normale Sprache zu verstehen. Deshalb erfanden sie aus der Not heraus Computersprachen, die der geschriebenen englischen Sprache ähnlich sind, aber zusätzlich vollkommen logisch und unmissverständlich – also eineindeutig – aufgebaut waren. Sprachen wie Fortran, Cobol, Lisp und C entstanden. Natürlich ist es mit Computersprachen nicht möglich, Literatur, Lyrik oder auch ’nur‘ berichtenden Journalismus zu betreiben. Dafür werden diese Sprachen und all ihre weiterentwickelten Nachfolger aber von Maschinen verstanden. Und genauso wird es mit den Spracherkennungssystemen geschehen: während die technischen System zur Erkennung des einzelnen gesprochen Wortes immer weiter gedeihen und eines Tages wenigstens einzelne Worte sicher verstehen, werden sich deren Anwender auch diesmal wieder der Maschine anpassen und eine eindeutige, logische gesprochene Sprache entwickeln, die von Maschinen verstanden wird. Maschinen können sich nicht anpassen, aber dafür ist der Mensch extrem anpassungsfähig und gleicht das Manko der Maschinen einfach aus.

Eine weitere Entwicklung ist die Virtuelle Realität (VR), die in letzter Zeit mit zum ersten Mal für den Normalbürger erschwinglichen VR-Brillen zugänglich wird. Hier sieht man nicht mehr auf ein von einem Monitor angezeigtes Bild, sondern bewegt sich (zumindest mit dem Kopf) in einem dreidimensionalen Raum, der einem mit kleinen Monitoren vor den Augen und Drehbewegungssensoren an der Brille vorgegaukelt wird. Nun kann man statt mit dem Mauszeiger auf zweidimensionale Dinge zu zeigen und sie auf Flächen zu verschieben, mit dem Zeigestock um dreidimensionale Dinge herum wandern, diese Stapeln, umsetzten, dreidimensional neu anordnen. Fast wie im wirklichen Leben.

Der 3D-Drucker ergänzt dieses Entwicklung als Ausgabegerät: was man im dreidimensionalen virtuellen Raum mühsam erschafft, kann man nun mit Hilfe eines Peripheriegerätes in der realen Welt als Kunststoff- oder Papiermodell entstehen lassen. Selbst einfache, wenig tragende, ausgedruckte Metallkonstruktionen sind denkbar.

Damit habe ich bereits ein wenig in die Zukunft geschaut. Das möchte ich jetzt fortführen. Wie wird es weitergehen? Wie sieht ein perfektes Mensch-Maschine-Interface aus? Wann verschmilzt der Mensch mit der Maschine? Wann kann er in der digitalen Welt alles tun, was er will, ohne ständig durch diese Nadelöhr der Mensch-zu-Maschine-Schnittstelle hindurch schlüpfen zu müssen, dieser ständige Flaschenhals, der ihn so sehr ausbremst..

Tastaturen, Zeigegeräte, Bildschirme, Brillen, Drucker stehen uns als Hindernisse im Wege.

Wir müssen sie überwinden.

Unsere geschriebene Sprache muss vom Gegenüber verstanden werden, ohne dass wir uns diesem komplett anpassen müssen, indem es sich in uns einfühlt. Wir müssen unsere Eigentümlichkeit, unsere Einzigartigkeit, die Einzigartigkeit des Momentes, das Wunderbare in der Welt, das Unsagbare mit unseren geschriebenen Worten ausdrücken können. Das Gegenüber muss zwischen den Zeilen lesen können, was wir wollen, und dies auch verstehen können. Dies kann es nur durch ein empathisches Gefühl.

Wir müssen uns im Raum frei bewegen können, immer dorthin kommen, wo wir gerade hin streben. Kein Programmspeicherplatz darf unser Horizont sein. Hinter dem Horizont soll es immer weiter gehen. Wir müssen die Dinge um uns nicht nur sehen und verschieben können. Wir müssen sie auch fühlen, riechen und schmecken können. Wir müssen sie verarbeiten können, sie aufbrechen, sie zerlegen können. Wir müssen die Dinge um uns oder ihren freigelegten Inhalt als Rohstoff für neue Dinge nutzen können.

Wir müssen mit Hilfe einfacher Werkzeuge mit unserer eigenen Kreativität aus uns umgebenden Materialien Dinge erschaffen können. Jeder muss in der Lage sein, seine eigenen Gebrauchs- und Dekorationsgegenstände aus Rohstoffen selber herstellen zu können. Jeder soll in die Lage versetzt werden, Kunst zu schaffen.

Das gesprochene Wort soll in allen Farben erstrahlen und Tönen erklingen, es soll fließen wie ein Fluss und stehen wie ein Fels. Es soll Ankerpunkt und Fahrwasser sein. Jeder Mensch soll seine eigene Sprache, die ihn als einzigartiges Wesen ausmacht, selber entwickeln können und im ständigen Dialog mit dem Gegenüber zu einer gemeinsamen Kommunikation ausbauen, die allen denkenden Wesen große Freude bereitet.

Wie kommen wir zu einer solchen Digitalen Gesellschaft. Wie überwinden wir die Grenzen der MMI’s? Es ist ganz einfach:

Mit Papier, Bleistift, Tusche, Farben, Pinsel, Leinwand, Holz, Stein, Metall, Schnitzmesser, Meißel, Hammer, Axt, Feile, Säge. Mit Rucksack und Wanderschuhen, Fernglas und Spazierstock. Mit Teleskop und Mikroskop, mit Waage und mit Zollstock. Mit einem anspruchsvollen Gespräch bei einem guten Glas Wein bei einem dreigängigen Essen oder bei lustigem Quatsch in einer Kneipe bei einer Halben Weißbier. Und bei Wurst und Schinken von Schweinen, die auf Wiesen unter Hühnern und Kühen lebten, die das was sie an hochwertiger Nahrung in einer gesunden Natur fraßen, uns nun als wertvolles Geschenk hinterlassen, das wir tief zu schätzen wissen. Wie den Käse aus guter Milch vom Bauernhof und die saftigen Beeren und duftenden Pilze aus dem kühlen Wald und den Fisch aus dem Meer, das hinter dem Horizont immer weiter geht, bis in die Unendlichkeit. In der Welt die wir begehen und befahren mit unseren Maschinen, die wir mit unserer eigenen Hände Arbeit schaffen, und die wir selbst bedienen mit unserem Geschick, auf das wir sehr stolz sind.

Das ist das Ziel: das Ende der Entwicklung einer digitalen Gesellschaft, die nicht mehr durch Mensch-Maschine-Schnittstellen blockiert wird. Es ist eine Gesellschaft ohne Rechenmaschinen. Es ist eine Welt ohne Computer. Es ist eine analoge Welt. Nur durch logische Überlegung kam ich zu diesem Resultat, indem ich mich von allen Vorurteilen und allem Vorwissen befreite. Denn wenn man etwas, anstrebt, was man eigentlich schon besitzt, dann muss man wohl blind und taub geworden sein. Kein Wunder, bei all der Hektik, bei all den vielen Lichtern, Reklameschriften, Werbescreens und all dem Lärm um uns herum.

Viel Lärm um nichts..

 

 

 

 

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