Air

Ich höre Bachs Air.

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Und auf einmal fällt mir die Antwort auf die langgehegte Frage ein, warum die Menschheit seit vielen Jahren nicht mehr in der Lage ist, wirkliche, großartige Musik zu erschaffen:

Weil wir das tiefe, das wahre Gefühl verloren haben.

Wer von Gefühlen spricht, meint doch meist kleingeistige Regungen wie Zorn, Eifersucht, Neid, Angst und Sentimentalität. Es geht aber um das große, das reine Gefühl, das man nur erreichen kann, wenn man es ein Leben lang bewusst sucht und in seiner gesamten konstruktiven Kraft für sich zulässt.

Mit den technischen Möglichkeiten der Neuzeit waren Menschen auf einmal in der Lage, Musik zu erschaffen, wie sie Jahrtausende in den Köpfen geschlummert hatte und nur darauf wartete, endlich hervorgebracht zu werden. Unsere Vorfahren in der Neuzeit waren sich ganz und gar der Gnade der Geburt, in ihrer Zeit zu leben, bewusst. Ihnen taten die römischen und griechischen Musiker leid, dass diese präzise Instrumente und Notationen noch nicht besessen hatten. Sie waren zutiefst dankbar für all diese neuen Möglichkeiten der künstlerischen Ausdrucksform – sowohl die Künstler selbst als auch ihr Publikum. In dieser Zeit entstand auch Bachs Air.

Die Entwicklung des Ausdrucks ging weiter und fand seinen Höhepunkt schließlich um 1960 im US-amerikanischen Jazz, einer Musik, die sowohl dem tiefen Trotz gegen die Unterdrückung der schwarzen Rasse entstammte, wie ebenso der großen Freude einen Weg gefunden zu haben, das eigene Genie entfalten und beweisen zu können, wo alle anderen Wege, wie zum Beispiel Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Militär, noch lange verwehrt waren. In dieser Musik manifestierte und entfaltete sich ein ebenso großes Gefühl, das Menschen jeder Hautfarbe, jeder Religion, jedes Alters und jeden Geschlechts in der ganzen Welt inspirierte. Jazz wurde zur Lebensart, zu einem Ausdruck von Weltoffenheit, Toleranz, Demokratie, Verspieltheit, Einzigartigkeit, Humor und Genie. Kurz zur Ausdrucksform von allem, was den Menschen ausmacht, was ihn groß und einzigartig macht. Zu etwas Besonderem, zu etwas Herrlichem vor den Dingen und der Kreatur.

Die frühen Sechzigerjahre, das war die Zeit kurz bevor das große Schweigen einsetzte. Um so mehr die Lautsprecher in den Kaufhäusern plärrten, die Radios und Fernsehgeräte wimmerten und die Drumcomputer hämmerten, um so weiter die Pegelanzeigen der Dezibel-Meßgeräte ausschlugen, um so stiller wurde es im inneren Ohr. Dieses innere Ohr, das eine Gänsehaut bewirken kann, die bei einem rationalen Menschen nicht gleich bei jeder Sentimentalität einsetzt, der er vorgesetzt wird – wie bei einem Teenager. Die kommerzielle Musik spezialisierte sich daher, der Einfachhalt halber, auf Teenager und besonders darauf, jenen das Geld aus der Tasche zu ziehen, meist das Geld ihrer Eltern: unter Schweiß gewonnen, in Liebe zum Nachwuchs zerronnen.

Heute gehen die Musiker, die sich dem tiefen Gefühl, der wahren Musik widmen in all dem Lärm, der sie umgibt, fast unter. Damit schweigt die Welt. Um so mehr lustige kleine Taschencomputer verkauft werden, um so mehr überall an jedem Ort zu jeder Zeit hässliche populäre Geräusche konsumiert werden, um damit kleingeistige Regungen in unausgereiften Menschen zu erzeugen, um so mehr schweigt die Welt. Wir leben in absoluter Stille – in einem Vakuum. Nur manchmal, wenn wir zu einem Konzert finden, wo man Musik ausschließlich im Augenblick und in genau dieser Form unwiederholbar macht, dann verschwindet die Stille..

..und das innere Ohr erwacht!

 

 

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