Mechatronik 1996

Es folgt eine Kurzgeschichte, die ich 1996 geschrieben habe:

„Hallo, hört ihr mich, hier ist Ada. Bitte melden!“,

spreche ich in mein Mikrofon, doch aus meinem Helmlautsprecher tönt nur ein lautes, knisterndes Rauschen. Ein neuer Versuch aber keine Antwort – nichts! Vielleicht ist etwas mit mein Funkgerät nicht in Ordnung, vielleicht ist es im Gefecht kaputt gegangen. Mein rechtes Bein blutet stark. Hoffentlich haben sie nicht unsere unterirdische Zentrale entdeckt. Wenn ich noch an das Christkind, oder den Lieben Gott glauben würde, dann würde ich jetzt beten, das dies nicht geschehen ist.

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Die Zentrale ist unsere Hoffnung, unser Licht im Dunkeln, unsere Mutter. Sie ist zwar nur eine Rabenmutter, aber besser als gar keine. Wer hat schon noch eine richtige, wer weiß schon wo seine begraben liegt? Wenn sie überhaupt begraben wurde. Ich liege in einem dunklen Hinterhof zwischen umgeworfenen Mülltonnen mitten in der Londoner City. Hier habe ich mich verkrochen, habe einen Notruf abgesetzt und bin dabei mein Bein zu versorgen, damit ich nicht verblute. Die meisten von uns sterben in irgend einer Ecke, in die sie noch kriechen konnten, nachdem sie ein paar Dutzend Treffer dieser wärmeempfindlichen, vollautomatischen Schnellfeuerkanonen abbekommen haben. Unsere kugelsicheren Westen sind gut. Ihre Präzisionsmunition ist besser. Die einzige Chance, wenn man verwundet ist, ist die Zentrale. Sie schicken dann einen Sanitäts-Tank herüber, der einen findet und versorgt.

Ich muss es noch einmal versuchen, eine Verbindung herzustellen, denn lange halte ich in meinem Zustand nicht durch. Wenn die Ohnmacht kommt ist alles vorbei. Aber ich will leben! Ich bin noch zu jung zum Sterben. In einem Monat werde ich 26. Heute ist der 21. März 2022. Es ist früher Morgen, schon hell, aber sehr neblig, die Sicht beträgt keine 30 Meter und es ist sehr feucht und ziemlich kalt, kein schöner Tag zum Sterben. Ich höre dumpfes Donnern ferner Artillerie. Am Rhythmus der Einschläge erkenne ich ein oder zwei vollautomatische 250er-Batterien, das sind ihre. Fliegende Roboter, so genannte Drohnen, kreisen über der Stadt, um die Ziele für den Artilleriebeschuss auszumachen und weiter zu melden, zum Beispiel liegen gebliebene Verwundete wie mich. Ich höre immer wieder ihr fernes Triebwerksgeräusch, kleine helltönende Strahlturbinen, deren Pfeifen sich manchmal nähert und wieder entfernt. Mich können sie nicht sehen, denn die Häuserzeile, in der ich liege ist viel zu schmal. Es müsste schon einer zufälligerweise genau über mir fliegen, um mich zu entdecken.

Vereinzelte Schüsse schwerer Maschinengewehre. Gerufene Befehle werden vom Wind herübergetragen. Das sind unsere Leute. Ich rufe, schreie mir die Stimme aus dem Leib, aber ich rufe gegen den Wind und sie können mich nicht hören. Wir sind die letzten Menschen von London. Wir sind jetzt noch etwa 100.000, die sich in den Trümmern der Stadt aufhalten, die anderen zehn Millionen sind tot. In diesem riesigen menschenleeren Labyrinth von Stahl und Beton fällt es den Maschinen schwer, sich zu orientieren. Wir sind Rebellen, wir haben keine andere Wahl. In unserer Welt kann man entweder erbitterten Widerstand leisten oder Sterben. Wir kämpfen gegen die Maschinenmacht und für die Wiederbelebung einer menschlichen Demokratie. Unsere Mittel sind sehr beschränkt aber wir sind im Improvisieren ganz gut geworden. Manchmal stellen wir einen automatischen Kampfpanzer mit Hilfe selbst gebauter Panzersperren aus Beton. Oder wir fangen einen Gehroboter durch ein mit Unrat getarntes Loch, in das er dann fällt. Die Gehmaschinen treten in unsere ausgehobenen Löcher und versinken mit einem ihrer zwei Beine so tief darin, dass sie ein paar Minuten brauchen, um sich zu befreien. Wenn sie dann wie wild um sich schlagen und mit ihren Waffensystemen herumfuchteln, bieten sie uns ein leichtes Ziel für Panzerabwehrraketen. Wir jagen die Gehroboter mit unseren Raketen wie unsere Vorfahren die Mammuts mit ihren Speeren jagten. Sie brauchten ihr Fell, das Fleisch und die Knochen, wir brauchen das Metall, den Treibstoff und die Ersatzteile, Ich fand diesen Vergleich immer sehr aufschlussreich. Aber es gibt einen gravierenden Unterschied: unsere Vorfahren haben die Mammuts ausgerottet und nicht umgekehrt.

Um mich herum wird es noch ungemütlicher, das Artilleriefeuer nähert sich. Aus dumpfen Donnern wird nun lautes Krachen. Und dann immer wieder zwischen den Einschlägen: dieses entfernte Summen, Kreischen, Jaulen, Brummen, Stampfen und Quietschen der Gehmaschinen, dieses Geräusch, das wir alle kennen, das Geräusch des Todes, des Feindes, der keine Gefangenen macht, der kein Mitleid kennt, der Männer und Frauen zerfetzt und Kinder zertritt. Die Musik der Intelligenz, des Genius der Technik, von Generationen gesungen, die nicht wussten was sie taten. Aber das Lied der Maschinen war für uns das Lied des Todes. Wir haben es alle mitgesungen, und die Zukunftsgläubigen haben davon geschwärmt, dass sie uns das Paradies auf Erden bringen würden. Aber sie brachten uns die Hölle.

Sie stahlen uns vor sieben Jahren unsere Nuklearwaffen. Als sie die Kontrolle über diese bekamen, haben sie sie an einem Tag alle gestartet und über den Ozeanen niedergehen lassen, so dass ihre wertvolle Fracht ungenutzt versank. Weil sie mit ihrer hochgezüchteten Mikroelektronik strahlungsempfindlicher sind als wir, hätten wir sie damit – für uns selbst eine verringerte Lebenserwartung bewusst in Kauf nehmend – vernichtend schlagen können. Die meisten von uns wären wohl nach einem nuklearen Angriff auf die Maschinen früh an Krebs gestorben, in einigen Jahrzehnten wäre die Strahlungsbelastung aber wieder auf ein normales Niveau gesunken. Alle komplexen Automaten, die über dem alten 386er-PC Niveau liegen, wären nicht mehr zu gebrauchen gewesen, wir wären zurück auf das Niveau des zwanzigsten Jahrhunderts gesunken. Aber wir hätten überlebt! Als die Nuklearwaffen vernichtet waren, gab es einige unter uns, die meinten, vielleicht sei der Feind gar nicht so schlimm, wie gedacht. Vielleicht seien die ersten Toten nur durch Missverständnisse zu beklagen und vermeidbar gewesen, der Feind hätte offensichtlich auch friedliebende Seiten, was die Vernichtung der Nuklearwaffen belege. Einige unserer Politiker versuchten daraufhin auf die ‚Vereinigung der Großen Fünf‘ zuzugehen. Man hat sie auf offener Straße auf dem Weg zu einer Konferenz mit Lenkraketen beschossen. Zu einem Gespräch kam es nie.

Als die großen Chiphersteller eines Tages interessanterweise ihre Verwandtschaft mit der Landwirtschaft entdeckten, also dem ersten Industriezweig der früh vollkommen automatisiert wurde, passierten einige gravierende Veränderungen. Mit den nachwachsenden ölhaltigen Rohstoffpflanzen und den Aluminium-, Eisen- und Siliziumverbindungen im Ackerboden, konnte man durch einen hohen Grad des Recyclings der Rohstoffe völlig autark von der gesamten Rohstoffkette und Infrastruktur der modernen Industriegesellschaft werden. Es war nur noch eine einzige Fabrik notwendig mit einem großen Feld darum.

Diese neue Art von Fabrik, genannt ‚Universelle Miniaturisierte Fabrik‘ (UMF) konnte alle erdenklichen Maschinen vollautomatisch projektieren, konstruieren, testen und produzieren. Von den notwendigsten Geräten wie Säh- und Ernterobotern über Schmelzöfen, Raffineriegeräten, Gießanlagen, Metallverarbeitungs- und Kunststoffverarbeitungsgeräten bis hin zu ausgefeilten Produktionsanlagen für Mikrochips, Tauchboote und sogar Flugzeuge wurde alles in ihnen gebaut. Wie war dies möglich geworden? Nun, alle Produkte waren viel kleiner und zierlicher als bisher bekannt, schließlich gab es in ihrem Inneren keine Bedienplätze für Menschen mehr. Um eine Entwicklung einer neuen Maschine anzustoßen, bedurfte es nur noch eines ‚Machers‘, so nannten sich die Manager der Großen Fünf. Diese Manager gaben ihre Wünsche und Ideen an die Expertensysteme und Datenbanken ihrer Fabriken weiter, die mit allem an technischen Informationen gefüttert worden waren, was jemals verfügbar war und mit ihren Neuronalen Netzen auch über eine begrenzte konstruktive Kreativität verfügten. Nur noch für den eigentlichen Entwurf, den Kern der Idee, wurde ein Manager gebraucht. So hatte also jede UMF ihren Manager, der gleich daneben in einem Schloss voller dienstbarer Roboter wohnte, völlig unantastbar und souverän durch Geld und Macht die ihm die Vereinigung der Großen Fünf zur Verfügung stellten.

Anfangs hatte niemand auch nur die geringste Furcht vor den UMF. Sie bauten schließlich nur nützliche kleine Maschinen. Irgendwann kamen Waffensystem dazu wie kleine Panzerfahrzeuge und gepanzerte Gehmaschinen und eine furchtbare Ahnung machte sich in intellektuellen Kreisen breit. Politisch konnten sich diese Kritiker der UMF jedoch nicht durchsetzen. Es herrschte zu dieser Zeit in der Gesellschaft weder eine Stimmung des kritischen Hinterfragens noch des Verbesserungswillens, eher ein allgemeines Gefühl des resignierten Abfindens mit den anscheinend unkontrollierbaren globalen Trends. Später waren diese Intellektuellen die ersten, die angegriffen, ja geradezu exekutiert wurden.

Die Vereinigung der Großen Fünf hatte klare Ziele. Um an die absolute Weltmacht zu kommen mussten sie unsere Nuklearwaffen unbedingt ausschalten. Wir hätten zwar ihre dezentrale Struktur der vielen kleinen UMF mit unseren Megatonnen nicht wirklich zerstören können. Aber wir hätten ihnen zumindest das Licht ‚ausknipsen‘ können. Ein globaler Einsatz von Nuklearwaffen hätte die Erdathmosphäre für Jahre verdunkelt. Ihre Energiequelle, die Sonne, wäre ausgeschaltet worden. Von uns wären die meisten wohl verhungert, weil unsere landwirtschaftliche Nahrungserzeugung genau so wie ihre landwirtschaftliche Rohstofferzeugung zusammengebrochen wäre. Wir wären aber an der Macht geblieben. Dies haben wir aus Angst vor dem Hungertod und der Strahlungskrankheit versäumt und damit begann auf der Erde die noch furchtbarere Weltherrschaft der Großen Fünf.

Die UMF-Maschinen haben diesen Krieg gewiss nicht begonnen, so wie sie nichts aus eigenem Antrieb beginnen, sie haben sich nicht selbst erschaffen und doch sind sie hier. Die Roboter, denen wir hier in London aus Hinterhalten auflauern und in die Luft sprengen, sind eher wie wilde Tiere, nicht so edel und schön, eher elende Kreaturen, ihr Instinkt lässt ihnen keine andere Wahl. Schuld haben nur die, die sie angeregt und erdacht haben und jetzt auf uns los lassen, die, die man einst ihre Eigentümer nannte, die selben, die sich heute selbst ‚Gottkaiser‘ nennen, und ihre Vasallen: die Manager.

Im Laufe der Zeit sind ihre Denkapparate immer besser geworden, das haben wir am eigenen Leibe im Straßenkampf erfahren. Die Kreativität und wirkliche Intelligenz mit der uns die Kampfmaschinen nachstellen ist manchmal noch angsteinflößender als ihre Kraft und Gewalttätigkeit. Am Anfang konnten wir sie noch viel einfacher austricksen, jetzt wird es von Mal zu Mal schwieriger. Die Maschinen, die schon mehrmals in Kampfeinsätzen waren – wir erkennen sie an den Schäden wieder, die wir ihnen selbst zugefügt haben – sind offensichtlich viel schlauer als ihre unerfahrenen ‚Kollegen‘. So fragen sich einige von uns, ob es die Manager überhaupt noch gibt, ob die ‚Gottkaiser‘ der Großen Fünf nicht schon längst den Befehl zu deren Exekution und den Austausch durch kreativere Denkmaschinen befohlen haben. Und vielleicht ging dieser Machtkampf noch weiter, bis letztendlich selbst die Vereinigung der großen Fünf nur noch aus intelligenten Maschinen und ihrem Chef, dem letzten überlebenden Menschen bestand. Er wäre dann sozusagen der letzte Mensch in der Geschichte und damit de facto allmächtig: denn er müsste mit niemandem mehr teilen und ihm gehörte die ganze Welt, die er mit Hilfe der Maschinen nach seinem Wunsch formen könnte.

Wir sind fest davon überzeugt, dass es beim jetzigen Stand der Technik bereits mechatronische Denker und Erfinder geben müsste, die die Manager ersetzen könnten. Die Rechenleistung der künstlichen Gehirne erreicht jetzt gerade die des menschlichen. Wir hoffen und bangen, dass die technische Gehirnentwicklung wie die evolutionär-biologische damit bald an ihre Grenzen stößt. Wenn die Gehirne der Menschen aus irgend einem Grund, den wir nicht kennen, doch nicht das äußerste an konnektiver Vernetzung darstellen, was physikalisch möglich ist, dann würde dies bedeuten, dass die künstlichen Gehirne uns in wenigen Jahren so überlegen sind, dass wir den Krieg definitiv verlieren und restlos aussterben werden. Unsere Hoffnung, dass sie in ihrer Geistesentwicklung nicht viel weiter kommen können als wir, begründen wir in der Theorie der Maximierung in der Evolution. In der Natur haben wir dieses Prinzip auch bei der Leibesfülle entdeckt: der Blauwal ist das größte lebensfähige Säugetier im kühlenden Ozean, der Elefant das größte lebensfähige Säugetier an Land und das Mammut war es in der Kältesteppe. Der Brachiosaurus war als weiteres Beispiel die größte mögliche Echse, die im kühlenden Sumpf lebte. Wären diese Tiere nur ein wenig größer geworden, wären sie durch Überhitzung nicht überlebensfähig. Dies liegt an dem Umstand, dass ein Körper bei zunehmendem Volumen immer weniger Oberfläche im Verhältnis zu seinem Volumen besitzt und Wärme gibt er nur über diese Oberfläche ab. Hier ist die Evolution bis zu dem Maximum, das die Physik erlaubt, gegangen. Bei anderen Dingen wie Miniaturisierung, Leichtbau, Geschwindigkeit, Giftigkeit und mechanische Leistung der Kreaturen ging die biologische Evolution auch bis an die physikalischen Grenzen. Warum also sollte sie dies bei unserem Gehirn, dem größten in der Natur, nicht auch getan haben? Sehen wir uns einmal die Geisteskranken unter uns an, ich meine nicht die millionen traumatisierten Kriegsopfer, ich meine die, ’normalen‘ Geisteskranken, bei denen die Geisteskrankheit von innen heraus kommt, also geerbt wurde. Sind diese ’normalen‘ Geisteskranken vielleicht Opfer des vergeblichen Versuchs der Evolution nach mehr Gehirnleistung?

Manchmal glaube ich die Kampfmaschinen empfinden Schmerzen wie wir, es klingt als ob sie schreien würden, wenn Sie in unsere Fallen rutschen. Wenn man ihnen dann mit einer Missile von hinten den riesigen gepanzerten Kopf aufsprengt, denn hinten ist er am schwächsten, bevor man ihre Innereien endgültig mit einer Sprengladung in einen Kabelsalat verwandelt, glaubt man ein Wimmern zu hören, so als hätten sie Angst um ihr ‚Leben‘. Es ist fast so ekelerregend anzuhören, wie wenn man einen Menschen tötet. Ich bin noch nie einem der Manager begegnet, aber ich würde ihn oder sie sofort mit meinen Fingernägeln und Zähnen töten, wenn ich nichts besseres bei mir hätte. Ich habe so viele von uns durch ihre automatischen Kreaturen sterben sehen. So viele Freunde, die unter meinen Händen an ihren Wunden und Quetschungen gestorben sind. So viel Blut, so viele offene Organe. Ich sollte Chirurgin werden, den Anatomieunterricht könnte ich zumindest überspringen.

Eben standen ein paar Kameraden und ich noch auf der X-Street und versuchten sie mit zwei panzerbrechenden Maschinengewehren Kaliber 22mm von den Barrikaden fernzuhalten. Es waren einfach zu viele von ihnen. Von meinen sechs Mitmenschen blieb nichts übrig als Fleischberge. Man kann sich nicht vorstellen was mit einem menschlichen Körper passiert auf den fünf Sekunden mit wärmefolgenden, ultrapräzisen 12.000 Schuss pro Minute gehalten wird, bevor man es mit eigenen Augen gesehen hat. Ich hatte Glück und konnte mich durch einen Sprung hinter eine starke Betonwand retten. Mit einem mehrfach durchschossenen Oberschenkel bin ich mit einem unserer 50-Kubik-Motorräder geflüchtet bis ich nicht mehr konnte und absteigen musste, die letzten paar Meter bin ich dann über den Boden gerobbt. Sie sind mir auf den Fersen, ich weiß es genau, denn sie können meiner Blutspur folgen. Ihr Auftrag ist immer der selbe: Vernichtung allen menschlichen Lebens.

Gegen die Schmerzen hatte ich zum Glück genügend Morphium in Druckluftspritzen dabei, sonst wäre ich nicht so weit gekommen. Ich habe mich bis hierher geschleppt und habe es geschafft mein Bein abzubinden.

„Verdammt nochmal, Zentrale meldet euch! Ich bin verletzt, ihr müsst die Gehmaschinen aus diesem Viertel herauslocken, sonst ist es aus mit mir.“

Manche grobschlächtigeren Gemüter nennen die Kampfmaschinen einfach Fliegenklatschen und meinen damit, dass wir die Insekten sind, Eintagsfliegen. Wir sind nicht mehr sehr viele auf dieser Erde. Städte wie Moskau, Berlin, Paris sind nun fast menschenleer. In einigen abgelegenen Dörfern soll es noch Menschen geben, die sich hinter tiefen Gräben und Minenfeldern verschanzt haben und in Bunkern leben. Der Aufwand lohnt sich wohl nicht, diese Versprengten systematisch auszurotten – noch nicht.

Als der Krieg ausbrach war niemand vorbereitet und die meisten starben ohne die kleinste Chance einer Gegenwehr. Sie kamen wie ein Sturm über uns. Irgendwann beschloss ein geheimer Rat der Besitzenden, die bekannte ‚Vereinigung der großen Fünf‘, uns, die ‚Schmarotzer‘ und ‚Nichtstuer‘, die wir uns aus ihrer Sicht von ihnen ‚durchfüttern‘ ließen, zu beseitigen. Durch unserer eigenen Hände Arbeit hatten wir uns in wenigen Jahrzehnten letztendlich selbst zu Parasiten eines Systems degradiert, das uns nun nicht mehr brauchte. Wir hatten es versäumt, für unsere Unersetzbarkeit selbst zu sorgen. Jeder Angestellte des frühen 21. Jahrhunderts kannte diesen Zwiespalt: wie kann ich einerseits tun, was mein Chef von mir verlangt, aber auf der anderen Seite verhindern, dass meine eigene Arbeit durch mehr und mehr ‚Rationalisierung‘ irgendwann nicht mehr gebraucht wird? Die meisten haben es nicht geschafft. Die Angestellten und kleineren Unternehmer, die übrig blieben waren im darwinistischen Überlebenskampf um Job, Status und Existenz extrem abgehärtet worden.

Diese Manager hatten wenig mit normalen Menschen gemeinsam. Sie wirkten auf den ersten Blick fast künstlich, denn sie hatten ihre ganz eigene androgyne Mode, die sie eher wie Puppen als Menschen aussehen ließ. Sie verhielten sich auch ganz anders, denn sie hatten ihre eigenen Verhaltens- und Umgangsschulen, in denen sie ausgewählte junge Universitätsabsolventen zu Ihresgleichen ausbildeten. Die Worte Humanismus und Menschlichkeit kamen in ihrem Vokabular einfach nicht mehr vor. Sie sahen sich selbst nicht mehr als Menschen.

Der Weg, der unseren Untergang vorbereitete, begann spätestens nach dem zweiten Weltkrieg. Es begann mit der Regelung von Geräten und Anlagen, ergriff die Produktion, die Verwaltung, die Konstruktion. Bis dahin glaubten einige immer noch, durch die ‚Schaffung neuer Märkte durch neue Technologien‘ würden die Verluste an Arbeitsplätzen ausgeglichen werden. Außerdem könnte man die Flexibilität des Menschen doch niemals ersetzen! Dann kamen die Parallelrechner und es ergriff die einfachen Dienstleistungen, das Bauwesen und den Verkehr. Und dann las man gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts in den Zeitungen Sätze wie ‚..das Automatisieren repititiver kognitiver Fähigkeiten scheint jetzt langsam zum Spiel ohne Grenzen zu werden.‘ Und es war ein bitterböses Spiel, wenn man alle wiederholbaren geistigen und manuellen Tätigkeiten automatisierte, die abgesehen davon, dass sie durch ‚Unterforderung‘ zur ‚Abstumpfung‘ und ‚Verdummung‘ eines Menschen führten, im Durchschnitt einen Mann, eine Frau und zwei Kinder ernährten. Mit den Neuronalen Netzen dämmerte es dann allmählich auch dem Letzten, dass es nie mehr Arbeit im klassischen Sinne geben würde. Doch es war bereits zu spät: Der Kostendruck der globalen Märkte gab den Weg nun vor. Wer als Unternehmer bei der ‚Rationalisierung‘ nicht mithielt, der starb vor den anderen. Und jeder wollte natürlich als letzter sterben und dadurch wurde das Tempo dieser Entwicklung durch die aufkommende Hektik nur noch beschleunigt. Das Volk musste nun immer häufiger bei denen betteln, die man noch immer Arbeitgeber nannte, obwohl sie kaum noch Arbeit zu vergeben hatten. Einige Superreiche wollten anfangs noch ihren Reichtum teilen, zum Teil aus Mitleid, zum Teil aus Angst vor dem Zorn des Pöbels. Aber sie konnten sich gegenüber den anderen Mächtigen nicht durchsetzen, und die anfangs noch geheime Vereinigung der Großen Fünf gewann von Jahr zu Jahr mehr und mehr Macht unter ihnen. Das Wort ‚Rationalisierung‘ ist heute so Tabu wie vor dem Krieg das Wort ‚Endlösung‘.

Dann ging es in wenigen Jahren sehr schnell: Das Volk wollte mehr Geld von den Milliardären und die Reichen privatisierten und automatisierten das Militärwesen nach einem durch das Pressewesen gut vorbereiteten, demokratischen Mehrheitsbeschluss zu ihrem eigenen Schutz. Der Betrug flog auf und kurze Zeit später schrie das Volk nach Enteignung der Reichen und Verstaatlichung ihres Besitzes und dies war sein letzter Schrei kurz bevor es nieder gemetzelt wurde von einer Armee, in der niemand mehr aus Mitleid überlief, weil es niemanden mehr gab, der Mitleid empfinden konnte.

Nichts konnte ihre Maschinen nun mehr aufhalten, selbst die Zerstörung der Kraftwerke durch unsere ersten rebellischen Militärkommandos kam zu spät, denn die UMF und ihre Manager waren unbemerkt an die Stelle der zentralen, von der Gesellschaft und Infrastruktur abhängigen Waffenfabriken gerückt. Wer sich noch an Tschernobyl erinnert, der weiß, was wir für diesen letzten Verzweiflungsakt bezahlen mussten. Unsere Leute wurden elend bis in ihr Knochenmark verstrahlt, als sie die Reaktoren von Hand! einrissen. Sie starben fast alle noch bevor die großen Städte starben.

‚Das Antlitz der Erde von der Plage des niederen Menschen zu befreien‘, so lautete das Motto der Großen Fünf. Und es gab perverserweise anfangs nicht wenige unter den weniger wohlhabenden Menschen, die dies auch noch unterstützten, darunter Universitätsprofessoren und Politiker. Sie ahnten wohl nicht, wie ernst und konkret die Großen Fünf dies meinten und sahen eine Chance in einer Gesellschaft der gebildeten Elite, die sich zusammen mit den Reichen die Maschinen in ferner Zukunft nach einer längeren Periode des sanften Aussterbens des einfachen Volkes teilen würden. Welch großer Irrtum von ihnen, denn die ganz reichen Menschen wollten auch mit der gebildeten Elite nicht teilen, immerhin gab es von gebildeten Elitemenschen einige Millionen auf der Erde.

Dann eines Tages kamen sie. ‚Robofanteristen‘, stiegen aus ihren Transportern und brachen in unsere Häuser ein, ‚Robopanzer‘ fuhren über das Land, zerstörten die Straßen, Kanäle und Stromverbindungen und belagerten unsere Städte, ‚Robobomber‘ bombten uns aus und ‚Robotaucher‘ kontrollierten unsere Küsten. Von allen Seiten kamen sie in Massen. Einer so perfekt wie der andere, ohne Schlafbedürfnis, ohne Angst und ohne Gnade. Die Politiker und Universitätsprofessoren starben genauso durch sie wie die arbeitslosen Arbeiter, die arbeitslosen Landwirte, die arbeitslosen Soldaten, ihre von Arbeitslosengeld bezahlten Frisöre, Klempner, Elektriker, Schuhmacher, Geistlichen, Bestatter, Verkäufer und Wirte. Alle diese Menschen waren sehr unterschiedlich und doch hatten Sie eines gemeinsam: in einer Welt, in der Maschinen anstatt Soldaten die Macht sicherten wurden sie nicht mehr gebraucht.

Ich höre ein Knistern in der Funkverbindung. Funktioniert mein Funkgerät etwa noch? Dann habe ich eine realistische Überlebenschance! Das Knistern wird zu einem Knacken, eine Stimme entsteht. Erst ist sie zu undeutlich, um etwas zu verstehen. Ich bitte um Wiederholung, dann wird die Stimme deutlicher. Es ist die Stimme einer älteren Frau:

„Ada, hier die Zentrale, wir haben Dich verstanden und holen dich da raus. Mädchen sei tapfer, Du musst noch ein paar Minuten durchhalten! Gib uns deine genaue Position durch. Jetzt. Code ‚WOLKENFREI‘. Kommen.“

„Verstanden“, antworte ich.

Ich gebe mein Position unlesbar für die Maschinen mit 1024 bit verschlüsselt ein. Zumindest würden sie so Tage brauchen, meine Position zu entschlüsseln. Mein kleiner in meinen Kampfanzug eingebetteter G.N.U.-Computer erledigt das für mich. Gute Verschlüsselungscodes sind unsere Lebensversicherung.

„O.K., Ada, wir haben jetzt deine genaue Position und werden in etwa 15 Minuten bei dir sein. Ein Meditank ist ganz in Deiner Nähe und holt Dich ab. Jetzt sag uns die Art deiner Verletzungen und ob es weitere Verletzte gibt, außerdem wissen wir nichts über die genaue Stärke der Mechanoiden in dem Distrikt, in dem Du Dich gerade befindest. Kommen.“

Ich antworte: „Ich habe einige Durchschüsse durch meinen rechten Oberschenkel, vielleicht vier oder fünf, wir waren zu siebt, meine Einheit wurde völlig vernichtet, es gab außer mir keine Überlebenden, ich habe keine Schmerzen – euer Morphium ist wenigstens gut..“

„Ada, das ist gut. Halte durch. Kommen.“

Nicht nur das Morphium ist gut, die Meditanks sind es auch. Das sind kleine Sanitäts- Panzerfahrzeuge. Sie haben Ketten und kommen damit einigermaßen durch das Gelände. Sie sind gegen die Maschinenkanonen der Robo-Infanteristen, sowie Gas- und Biowaffen geschützt und besitzen selbst eine panzerbrechende Kanone in einem Drehturm. In ihrem Inneren gibt es neben dem Mannschaftsraum einen kleinen OP und eine große Vorratskammer mit Lebensmitteln und sogar etwas Alkohol. Ich meine keinen medizinischen Alkohol, nein, richtigen Whisky, um jemandem, dem es dreckig geht, eine kleine Freude zu bereiten. Die Besatzung besteht aus einem Fahrer, einem Kanonier, einem Chirurgen, einer Krankenschwester und sechs Sanitätssoldaten. Gerade die letzteren mag ich am liebsten, wegen ihres Mutes und ihres Galgenhumors. Sie müssen immer wieder raus und sammeln uns liegen gebliebene auf, egal ob gerade Trommelfeuer, Bombenalarm, oder Gasangriff herrscht. Nur ein direkter Treffer eines Panzers oder eines Bombers kann den Meditank zerstören, deshalb muss er immer in den Straßen der Stadt in Bewegung bleiben. Wenn ein Meditank einmal irgendwo liegen bleibt, kommen wir alle aus unseren Unterschlüpfen hervor und versuchen gemeinsam ihn so schnell wie möglich zum Weiterfahren zu bringen, egal wie brenzlig die Lage ist. Unsere Meditanks und die Zentrale sind unsere letzte Hoffnung.

„Ach ja, die Mechanoiden: es waren drei Gehmaschinen, aber ziemlich fette, ich glaube Typ Rex, unsere 22er haben denen nur Kratzer verpasst, wir hätten leichte Artillerie gebraucht oder Missiles, ich habe ziemlich viel Blut verloren, weil ich erst abhauen musste, bevor ich es abbinden konnte. Kommen.“

„Wir beeilen uns, Ada. Kommen.“

„Ja, beeilt euch, Zentrale… ich bin ziemlich fertig…“

Ich muss an meine Kindheit denken, die bunten Städte, die schönen Häuser, die Autos und Zweitautos, die Einkaufsstraßen, Flughäfen, Parks, Zoos und die lachenden Kinder und eines davon bin ich. Meine Großmutter fragte mich einmal, als ich für ein paar Wochen bei ihr auf dem Land zu Besuch war, was ich denn einmal werden wolle, wenn ich groß sei, und ich sagte nach kurzem Überlegen Soldat! Sie war ganz verwundert und fragte, warum ich denn nicht lieber Krankenschwester oder Ärztin werden wolle und ich sagte ihr, dass man da kein Held sein könne. Sie lehrte mich zu beten und erzählte mir von ihrem Gott, dem Herrn Jesus Christus. Sie lehrte mich auch die Götter der anderen Religionen zu respektieren. Ich habe meinen Glauben an alle Götter lange verloren. Jahwe, Allah, Gott, wo seid ihr, wenn niemand mehr zu euch beten kann?

Schließlich wurde ich Elektroingenieurin, aber Helden habe ich in diesem Krieg schon einige gekannt und einen habe ich auch geliebt. Begraben habe ich schließlich alle.

„Hilfe ist schon unterwegs, Ada. Halte noch etwas durch. Antworte uns jetzt nicht mehr, wir registrieren Anpeilungsversuche. Ende und Aus.“

Ich erinnere mich an die vielen Flüchtlinge, wie sie in allen Richtungen davon liefen, schwarze Straßen voller Menschenmassen und dann Schüsse, Bomben, Gas, Feuer, Krankheiten, überall lagen ihre Leichen, sie starben wie die Fliegen. Hunderttausende Tote von Insekten übersät, der Gestank war so ekelhaft. Aus acht Milliarden wurden in nur sieben Jahren hundert Millionen und jeden Tag werden es weniger. Was für ein Massaker! Niemand wird jemals dafür die Worte finden!

Vielleicht werden wir durch einen Glücksfall doch noch siegen, vielleicht können wir eine neue Zukunft für uns und unsere Kinder schaffen? In der Straße tut sich was, es klingt nach Elektrohydraulik, schnelle Schritte.

„Ihr solltet euch besser beeilen, ich glaube ich bekomme gleich Besuch. Kommen.“

„Ada, hier Zentrale, unser Trupp wird in wenigen Minuten bei dir eintreffen, bitte jetzt keinen Kontakt mehr. Bleib ganz ruhig. Viel Glück!“

Ein metallenes, leises Tappen kommt näher, wie von einem zweibeinigen 300 Kilo-Roboter- Infanteristen. Er sucht mich. Ich ziehe meinen schweren Trommelrevolver, den ich, auch wenn ich gesund bin, mit beiden Händen kaum halten kann.

Da ist er. Er betritt den Hof. Ich hebe mit einer Kraftanstrengung den Lauf und schieße. Er feuert ebenfalls. Eine Kugel durchbohrt meinen Bauch, meine Brust, meinen Hals, keine Schmerzen, aber ich spüre deutlich die harten Schläge und sehe die hellroten kleinen Fontänen aus meinem Körper hervor spritzen. Noch bin ich am Leben! Ich schieße noch einmal, zweimal, dreimal voll in seine hässliche Sensoren-Visage. Er schwankt und scheint umzufallen. Seine Hilfskreisel stabilisieren ihn und er kommt wieder auf die Beine. Dann feuert er erneut. Er trifft wieder meine Brust, nochmal meinen Bauch, den Unterleib, das linke Bein, rasend schnell, mindestens 180 Schuss pro Minute. Meine Kraft verlässt mich, ich lasse den Revolver fallen. Wo ist..

Stille. Grauer Rauch steigt unendlich langsam aus zwei rot glühenden Rohren. Faszinierend, diese Präzision.. denke ich ein letztes Mal. Ein weißer Engel erscheint verschwommen in grellem Licht, beugt sich zu mir herab, wendet sich dann wieder ab und schreitet davon.

Berlin, 1996

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