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Monstermaschine und Nubbel

– oder wie der Geist von de Koelschen Karneval mich doch noch erreichte

Nach dieser furchtbaren Massenveranstaltung des Rosenmontagszugs (siehe: Monstermaschine feiert Karneval), die so wie alle Massenveranstaltungen der Welt aussah: ob Konzerte, Love-Parade oder Oktoberfeste, dachte ich schon, ich wuerde in Koeln nicht mehr fuendig auf meiner Suche nach dem Geist des Koelschen Karnevals. Deshalb bin ich am Veilchendienstag auch gar nicht erst in der Stadt geblieben, und lieber zu meinen Kunden zum Arbeiten vor Ort gefahren, die sich ganz schoen wunderten.

Nubbel2

Bildquelle: [http://www.milagro-kneiporant.de/Zacheies.htm]

Spaet Abends kam ich wieder in meinem Lieblingshotel in Koeln an. Ich hatte grossen Hunger und ging aus. Da ich am Rosenmontag kein geoeffnetes Restaurant angefunden hatte, war ich mir gar nicht sicher, ob ich ueberhaupt etwas zu Essen finden wuerde. Aber ich haette mich auch mit einem pappweichen Hamburger einer beliebigen Grosskette zufrieden gegeben. Zu meiner Verwunderung waren jedoch alle Gastronomiebetriebe wieder ganz normal geoeffnet und so ging ich in eines der hiesigen Brauhaeuser und bestellte mir einen mit Rosinen und Apfelmus garnierten rheinischen Sauerbraten. Er schmeckte herrlich und die vier Koelsch dazu, die mir der Koebes hinstellte, ebenso. Was mir auf dem Hinweg aufgefallen war: dass fast gar nichts auf den Strassen los war. So ueberfuellt mit Menschen die Stadt am Rosenmontag gewesen war, so leer war sie am Veilchendienstag. Nach dem Essen wollte ich mir noch einmal kurz die Fuesse vertreten, bevor es zurueck zum Hotel ging.

Ich ging in Richtung Dom, an der weltberuehmten, wunderschoenen, Nachts hell angestrahlten Kathedrale laengs vorbei, und in die Altstadt in Richtung Rheinufer. Ich war fast allein, nur ab und zu kamen mir vereinzelt Personen entgegen. Dabei war es noch nicht einmal Mitternacht! Ich hatte mir die Auslagen verschiedener Geschaefte angesehen. Besonders gefiel mir ein nur auf Trommeln und Percussion spezialisiertes Fachgeschaeft. Gerade wollte ich an einer Verzweigung der Gassen zum Rheinufer abbiegen, da roch ich einen schwachen Duft von Kerzenrauch in der Luft. Ich ging also in die andere Richtung, immer dem Geruch hinterher.

Es ging um eine Biegung und dann an ein paar Fachwerkhaeusern vorbei, da stand ich schon inmitten einer Menschenmenge. Das Wort Menge ist relativ, in diesem Fall war es ueberhaupt keine Massenveranstaltung, es handelte es sich vielmehr um eine kleine Menge, also um grob geschaetzt fuenfzig bis hundert Menschen. Die meisten von ihnen waren verkleidet. Sehr schoen waren sie verkleidet. Viele hatten sich richtig Muehe gegeben mit ihrer Verkleidung. Ja, sie waren wirklich huebsch anzusehen. Viele trugen eine brennende Kerze, die sie mit einem aufgesteckten Stueck Pappe vom Tropfen auf die blosse Hand abhielten. In der anderen Hand hatten sie einen Zettel mit einigen kleingedruckten Texten darauf. Zwischen ihnen stand ein als Moench verkleideter Mann, der vor einer auf einer Bare liegenden Puppe stand. Er hatte sich dieser Puppe zugewandt und betete eine Litanei von Schuldzuweisungen herunter. Diese betrafen den Karneval, den Alkohol, Lokalpolitik, Kirche und einen Vorwurf habe ich mir gemerkt: „..und dafuer, dass Du uns die grosse Koalition bescheert hast, die jetzt mit uns machen kann, was sie will!“ Die Strohpuppe auf dem Boden konnte sich nicht wehren. An ihrer Stelle antwortete die Menge im Chor. Auf jede der Schuldzuweisungen antworteten sie in etwa: „Alles uebertriewe, alles gar net wahr.“ Und noch ein bisschen mehr. Hier hatte also eine Puppe den Status des Suendenbocks fuer alles zugeteilt bekommen. Viele der Leute lachten immer wieder, denn die Schuldzuweisungen waren teilweise wirklich ganz schoen ungerecht, aber sehr lustig. Dann nahmen vier Bahrentraeger die Puppe hoch und ein Akkordeonspieler stimmte ein leises, besinnliches Karnevalslied an.

Die Menschen sangen den Text zum Lied und die Prozession machte sich auf den Weg. Einige der Frauen weinten gespielt hysterisch. Waehrend wir durch die engen Gassen der Koelner Altstadt zogen und sangen, gesellten sich zwei stockbetrunkene auslaendische Touristen zu unserer Gruppe. Sie hielten sich im Arm, um nicht umzufallen, und imitierten Tiergeraeusche von Katzen, Hunden und Gefluegel. Sie dachten wohl, sie seien in einen Karnevalsumzug geraten und riefen laut auf Deutsch: „Koelle, Alaaf! Koelle, Alaaf!“ Keine Reaktion der Anwesenden erfolgte und nach dem vielleicht fuenften Mal schwiegen sie. Die Menschen sangen ihre Lieder. Uralte Lieder waren dabei – traditionelle, besinnlich lustige Karnevalslieder, die ich noch nie gehoert hatte. Der Zug kam da an, wo er gestartet war: vor einer der kleinen Kneipen der Altstadt. Sie sah aus wie eine Kuenstlerkneipe.

Was mir bereits aufgefallen war, waren die schoenen, geschmackvollen Kostueme. Ausserdem waren viele Leute, so hatte ich waehrend der Prozession gemerkt, ganz alleine. Sogar einige Frauen hatten offensichtlich ueberhaupt keine Begleitung dabei. Immerhin war es Nacht in einer Grossstadt! Also fuehlten sie sich sicher in dieser Gruppe. Allen voran der lustige und freundliche Redner, der uns immer sonor ankuendigte, was als naechstes geschehen wuerden. Selbst die Kommentare des aelteren Herren waren jeweils so koestlich, dass herzlich gelacht wurde. Und keiner benahm sich daneben, selbst die beiden Betrunkenen, die zu uns gestossen waren, waren jetzt ganz brav. Die Traeger hatten die Bahre wieder abgesetzt und der Moench stimmte ein Art Gebet an: „Mutter Wirtin in der Kneipe, geheiligt werde Dein Koelsch.. und vergib uns unseren Schuldendeckel.. denn Dein ist der Zapfhahn..“ und so weiter oder so aehnlich. Ich habe sehr gelacht.

Dann wurde der Nubbel, so hiess die Puppe, in Brand gesetzt und abgefackelt. Es war ein schoenes Feuer und die schwarzen Rauschschwaden, die manchmal zu uns zogen und in den Augen brannten, rochen gar nicht unangenehm, so als waeren nur Stroh, Papier, Holz und Pappe mit im Spiel. Es war eine sehr friedliche und aeusserst harmonische Situation, mitten in der Nacht, ganz am Ende des Koelschen Karnevals. Die Menschen sangen, lachten und schunkelten. Ich schunkelte sogar mit. Es ging gar nicht anders! Die Koelschen Texte der Lieder konnte ich nicht mitsingen, aber wenigstens einige der bekannteren Melodien mitsummen.

Dann warfen die Menschen ihre Kerzenstummel in die schwarze Asche und gingen zurueck in ihre Kneipe. Ich wandte mich um und spazierte noch eine Weile durch die Stadt, bevor ich mich, das Haar nach Lagerfeuer riechend, in mein frisch bezogenes Himmelbett legte. Ich war gluecklich. Ich war nicht umsonst gekommen. Der Geist des Koelschen Karnevals hatte mich doch noch gefunden.

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

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