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Monstermaschine feiert Karneval

Mein erster Koelner Karneval. Gut gelaunt und ganz aufgeschlossen und richtig neugierig kam ich in meinem Lieblingshotel in Koeln an. Meine Koelner Bekannten hatten mir viel Interessantes ueber den ‚Koelsche Karneval‘ erzaehlt. Leider war keiner von ihnen in Koeln, dass ich mich anschliessen koennte. Aber ich bin ja nicht kontaktscheu, also los. Gut, die Parkpatzsuche hatte ein wenig laenger gedauert als sonst, aber dafuer waren alle Strassen wie leergefegt und ich war schnell im Zentrum. Ich ging zum Hotel rueber. Die ersten Jaecken, die Musik des Zugs aus der Ferne. Tamtam tamtam, Koelle!, Koelle!, Koelle!, Tamtam. Uaehhhhhh! ..uebergab sich ein Junge vor meine Fuesse, seine Freunde standen – nein wankten – um ihn herum und lallten, er solle sich mal beeilen mit Kotzen, sie wollten noch weiter. Ich nahms mit Humor – keinen einzigen Spritzer haette ich abgekriegt, versicherte ich den Anwesenden. Keinen interessierte es. Ich ging weiter durch die Schaar von Jecken, die mich als Nichtverkleideten komplett ignorierten. Beim Checkin im Hotel betonte der Rezeptionist zweimal, wann es morgen wieder Fruehstueck gibt, so dass es mir schon auffiel.

800px-CarnivalKoeln2006

Foto: Wikipedia

So, nun wollte ich mich wie geplant verkleiden. Ich oeffnete das Fenster und hoerte vom Zug her das Gegroele. Ich zog mir vorm Badezimmerspiegel den Hut auf. Ich sah ploetzlich genauso aus wie die eben auf der Strasse. Ich wollte mich sooo unwahrscheinlich gerne verkleiden! Es ging nicht.. Ich bekam meine Haende einfach nicht dazu, den Hut anzulassen oder die Pappnase aufzusetzen. Meine Haende weigerten sich einfach. Das soll einer verstehen..

Ich ging also unverkleidet los. Allmaehlich bekam ich Hunger. Ich hatte seit heute morgen, bevor ich zum Flughafen losfuhr, nichts mehr gegessen.

Es gab nichts zu Essen.

Ich ging durch alle moeglichen Strassen. Erst am Zug entlang, hier waren alle Restaurants geschlossen, dann in den Seitenstrassen: alle Restaurants geschlossen. Auch keine Staende mit Esswaren. Dann suchte ich einen Imbiss in einem anderen Stadtteil, den ich vom letzten Mal her kannte. Ich konnte ihn aber nicht erreichen: er ist in der Zuelpicher Strasse, diese war komplett gesperrt. Darauf ca. 25 Tausend verkleidete, mit Bier feiernde Jugendliche auf Glassplitterbelag. Hatte ich nicht gelesen, dieses Jahr sei Glas verboten? Ach deshalb! Staendig fuhren Krankenwagen mit Blaulicht durch das Getuemmel.

Zwischen mir und meinem Essen waren also geschaetzte 25 Tausend Betrunkene und ich sah auch nicht, ob der Imbis ueberhaupt auf hatte. Und so gut ist er auch nicht, in Berlin gibt es einige viel, viel bessere seiner Art. Ich machte Kehrt und ging den ganzen Weg zurueck. Am Strassenrand ueberall betrunkene Jugendliche, eine Schlaegerei, noch mehr Besoffene liegend, sitzend, stehend, haengend und viel Mageninhalt mit Glas vermischt auf dem Trottoir. Das ist gefaehrlich, wenn man ausrutscht. Endlich ein Nuechterner: ein Obdachloser mit Fahrrad und zehn Tueten voller leerer Flaschen bei seiner taegliche Arbeit an den Muelleimern. Gott sei Dank! Ein ganz normaler Mensch! Schoen, dass er heute ein gutes Geschaeft macht.

Mein Hunger wird unertraeglich. Ich suche in allen Seitenstrassen und finde endlich eine schmutzige Wurstbude. Ich will einen Hotdog. Da steht: aus Huehnerfleisch. Ich nehme eine Rindswurst. Sie wird fuer mich in Fett frittiert, ist sehr heiss und schmeckt furchtbar. Senfpaste kostet 30 Cent extra, sagt der indische Verkaeufer der Firma Schmitt & Soehne Wurstwaren oder so aehnlich. Ich komme an einem Geschaeft einer Baeckereikette vorbei. Darin sitzen verkleidete Leute. Ich sehe mir an, was in der Auslage noch liegt: fuenf einsame Roggenbroetchen. Weiter.

Der Zug scheint zu Ende zu sein, denn mir stroemen jetzt hunderte von Jecken entgegen, die sich vergnuegt ueber die Beute unterhalten oder sich streiten. Viele haben Plastiktueten voller Suessigkeiten in beiden Haenden. Ich beobachte mit Hunger sehnsuechtig die herrlichen Schaetze teuerster Schokoladen und Suesswaren, die man hier auf der Strasse von den Wagen wirft. Ich finde ein Backwarenverkaufsgeschaeft der selben Kette, wo noch ein paar Pfannkuchen in der Auslage liegen. Die heissen hier Berliner. Da ist sogar ein Stehtisch frei mit zwei Hockern dran. Vielleicht ist der Tag ja noch gerettet mit einem Kaffee und einem Pfannkuchen! Meine Laune steigt wieder. Ich gehe rueber zum Tresen und bestelle mir Pfannkuchen und Kaffee. Ja, zum Hieressen, bitte. Hinter mir kommen fuenf tuerkische junge Maenner herein. Sie besetzen den Tisch, an dem ich eben noch stand. Es war der einzige Tisch. Was soll ich jetzt mit meinem Geschirr? Vermutlich haben sie nichts getrunken, aber ich frage mal lieber nicht. Schliesslich bin ich hier fremd. Ich aendere die Pfannkuchenbestellung zum Mitnehmen. Nein, den Kaffee brauche ich jetzt nicht mehr, gute Frau. Wie bitte? Ach so, ob ich den jetzt vielleicht auch zum Mitnehmen will wegen – da? Nein, ich will ueberhaupt keinen Kaffee, auch nicht zum Mitnehmen. Tschuess.

Vor dem Cafe esse ich den ‚Berliner‘. Ich nenne ihn so, denn er schmeckt ekelhaft. Besonders schlimm ist die Glasur und die Fuellung. Aber auch der Teig schmeckt merkwuerdig und ist ganz trocken. Das Fett, indem er gebacken wurde, hat einen schwachen Beigeschmack. Gut, dass ich den Kaffee nicht probieren musste. Die fuenf Jungs von eben ueberholen mich. Einer hat eine Papiertuete mit einem Gebaeck in der Hand. Ich komme an einer Kneipe vorbei. Davor eine lange Schlange. Die Kneipe hat grosse Fenster, man kann hineinsehen. Alle sind verkleidet und reden und lachen. Sie trinken an den Stehtischen und tanzen zwischen den Tischen. Sie lassen anscheinend nur Leute herein, wenn andere rausgehen. Ich komme an einem Toilettenwagen vorbei, an allen Seiten stehen Maenner und pinkeln gegen den Toilettenwagen das es rauscht. Er ist wohl verstopft.

Ich gehe zurueck zu meinem Hotel. Ich muss immer wieder Jecken im Zickzack ausweichen. Einmal ist kein Platz mehr zwischen zweien, die auf mich zukommen und ich bleibe stehen. Ich versuche mich ganz duenn zu machen. Es nutzt nichts, denn sie bleiben nicht stehen und sind zu breit. Ich stosse gleichzeitig mit beiden Schultern gegen einen Mann links und eine Frau rechts und falle fast um. Sie merken anscheinend gar nichts und gehen einfach weiter. Wie hiess dieser Film mit Bruce Willis nochmal, wo er eigentlich ein Gespenst ist, aber es nicht weiss? Endlich komme ich im Hotel an. Der Rezeptionist sieht nicht ueberrascht aus, mich so schnell wieder zu sehen. Ich gehe in mein Zimmer und warte auf das Fruehstueck. Nur noch 12 Stunden!

Gerade hoere ich draussen das Gegroele der Maenner, die hellen Schreie der Maedchen und die laute Volksmusik aus den Kneipen. Wie gerne waere ich dabei gewesen! Aber irgendwie konnte ich den Vorsprung, den ihr hattet, liebe Koelner, heute Nachmittag nicht mehr einholen. Es wird Nacht und das Droehnen der Sirenen der Rettungswagen uebertoent die laeutenden Glocken des Koelner Doms. Dazwischen immer wieder froehliche Marschmusik mit Querfloeten.

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

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