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Moderne Zeiten

– Ansichten einer Monstermaschine aus dem Pleistozaen

Neulich musste ich in einem dichtbesetzten Zug auf einer Nebenstrecke das Gespraech zweier Muetter mit anhoeren. Ich habe alles wieder vergessen, weil es mich nicht die Bohne interessierte, was die beiden Damen sich zu sagen hatten, nur eines ist mir in Erinnerung geblieben, weil es mich sehr erschrocken hat. Meinte die eine doch zur anderen: „Die Kinder spielen ueberhaupt nicht mehr mit ihren Spielsachen, sie moechten viel lieber mit dem Ping-Pong [*] Computerpiele spielen als mit Baukloetzen oder Spielfiguren. Wir haben das meiste schon verschenkt.“ [* Name des sehr bekannten Computers geaendert]

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War es nicht so, dass das Spiel mit Gegenstaenden allein und zusammen mit anderen Kindern die geistige Entwicklung des Kindes, nicht nur unterstuetzt, sondern erst ermoeglicht? Wuerde das heissen, wenn Kinder fruehzeitig in virtuellen Raeumen agieren, dass ihre geistige Entwicklung dann zumindest voellig anders verliefe? Sie fassen ja nichts wirklich an, das Raumempfinden ist nicht haptisch oder mit allen Sinnen sondern nur rein visuell, die Interaktion passiert entweder mit einer sehr einfachen, menschliches Denken zu gewissen Teilen simulierenden Kuenstlichen Intelligenz, oder anonym ueber eine Netzwerkverbindung mit anderen Kindern, die in Form von visuellen Avataren erscheinen. Wie war das mit dem Kaspar-Hauser-Syndrom? Koennte es sein, das solche Kinder fruehzeitig schwere geistige und irreparable Defizite entwickeln? Werden sie zu autistischen Maschinenbedienern, die beim Versuch rueckwaerts zu laufen einfach umfallen? So etwas habe ich mal ueber Computerspieler im Kindesalter gelesen. Sie konnten auch nicht balancieren oder klettern. Eltern, wisst ihr eigentlich, was ihr gerade mit den Gehirnen Eurer Kinder macht? Also ich bin eigentlich vom Computerfach und ich habe nicht die geringste Ahnung.. Ich glaube, niemand weiss so genau, was mit dem jungen menschlichen Gehirn passiert, wenn es statt realer Raeume virtuelle Kunstraeume betritt. Daher wuerde ich meine Tochter niemals auch nur in die Naehe eines Computerpiels und ueberhaupt eines Computers lassen. Die Folgen koennten unter Umstaenden verheerend fuer sie sein. Es aergert mich schon genug, dass ihre Schule den Kindern Computer zur Verfuegung stellt, wo sie lernen, diese zu bedienen. Aber wozu? Wo wir die digitalen Computer in naher Zukunft aufgrund schlimmer Erfahrungen mit ihnen vielleicht sowieso wieder abschaffen werden..

Gespraech mit einem anderen Programmierer

Ich arbeite in einem Projekt, wo ich zusammen mit anderen Programmierern einen bestimmten Apparat zum Funktionieren bringen muss. Ein anderer Programmierer, der mich schraeg gegenueber sitzt, wundert sich gerade lauthals darueber, warum sein Compiler mit dem C-Code voellig unverstaendliche Dinge macht, die im Quellcode mit dem Debugger nicht mehr nachzuvollziehen sind. Irgendwann findet er heraus, dass es die Option zur Speicherplatzoptimierung im Compiler war, die dies verursacht hat und er deaktiviert sie lauthals fluchend.

Ich sage: „Da hat die KI wohl etwas uebertrieben.“ Er stutzt und fragt mich: „Welche KI?“

„Na, der Compiler!“, antworte ich.

„Unter einer KI stelle ich mir etwas anderes vor!“

„Was denn?“, frage ich.

„Ein System das lernt!“, antwortet er.

„Ach so, ein Selbstlernsystem! Das ist halt eine andere Art von KI. Ein Compiler ist eben ein Sprachauswertesystem.“

„Aber das ist doch keine KI !“, sagt er zu meinem Erstaunen ganz entruestet.

„Wieso nicht?“, frage ich ihn, nun ziemlich neugierig, was er mir damit sagen will.

„Das Uebersetzen einer Programmiersprache in einen fuer einen Rechner verstaendlichen Maschinencode hat doch nichts mit Intelligenz zu tun!“, sagt er etwas aufbrausend. Ich ueberlege eine kurze Weile.

„Moment einmal, das Uebersetzen von einer Sprache in eine andere soll nichts mit Intelligenz zu tun haben? Dann wuerdest Du also einen Uebersetzer als Ausfuehrenden einer durch und durch stupiden Arbeit bezeichnen..“, sage ich.

„Wie jetzt, meinst Du mit Uebersetzer jetzt einen menschlichen Uebersetzer oder einen Compiler?“, fragt er.

„Na, beide natuerlich! Im Uebrigen begann die Geschichte der KI-Forschung ganz genau mit dem Versuch, geschriebene, natuerliche, in die Maschine eingegebene Sprache fuer die Maschine verstehbar zu machen. Schnell wurde klar, dass es fuer Maschinen immer unmoeglich bleiben wird, natuerliche Sprachen zu verstehen, weil diese zu sehr mit einem Kontextwissen und einem Gefuehl und Verstaendnis fuer die jeweilige Situation behaftet sind. Nur ein natuerlicher Mensch kann natuerliche menschliche Sprache einigermassen eindeutig verstehen, obwohl er sich dabei immer noch immens auf all seine Erfahrungen seines gesamten Lebens verlassen muss, um die Interpretationsspielraeume richtig zu deuten. Eine Maschine muesste ein natuerlicher Mensch sein, damit sie natuerliche menschliche Sprache verstehen kann. Das ist sie nicht, also kann sie es nicht. Man fing daher an, neue, synthetische, dem Englischen verwandte Sprachen zu entwickeln, die fuer Maschinen uebersetzbar waren, weil sie eindeutig und logisch schluessig waren. Dies sind unsere heutigen Programmiersprachen. Auch das C mit dem Du gerade arbeitest.“

„Na also, C ist viel primitiver als natuerliches Englisch, also hat die Uebersetzung nichts mit KI zu tun!“, konterte er.

„Ist es wirklich primitiver oder ist es nur logisch bereinigt?“, stichelte ich.

„Hm, na ja, wenn es so primitiv waere, wuerde ich wohl kaum so einen Aerger damit haben“, grinste mich mein Kollege an. Er ist nicht rechthaberisch veranlagt – zumindest weniger als ich – und besitzt Humor. Vielleicht ahnte er jetzt, worauf ich eigentlich hinaus wollte. Ich setzte noch einmal nach und praezisierte, damit ich mich von ihm verstanden fuehlte:

„So lange Du das C eins zu eins in Maschinencode umwandelst, magst Du vielleicht recht haben, dass der Prozess sehr einfach ist. Obwohl ich der Meinung bin, ein Mensch kaeme beim Eins-zu-Eins-Uebersetzen schon ganz schoen ins Denken und damit waere es eine intellektuelle Taetigkeit, die eine Intelligenz verlangt. Aber spaetestens, wenn Du nachher wieder deine Speicheroptimierung aktivierst und nur noch hoffen kannst, dass der Compiler deine Aussagen, Abfragen, bedingten Verzweigungen, usw. richtig interpretiert hat, dann kannst Du ihm keine wirkliche Uebersetzungsarbeit mehr absprechen. Jeder Compiler ist auch eine Kuenstliche Intelligenz.“

„Vielleicht hast Du recht, Peter. Aber ich werde den Compilerschalter zur Speicherplatzoptimierung erst wieder aktivieren, wenn es ueberhaupt nicht mehr anders geht mit dem Speicherplatz, das sage ich Dir gleich! Das Ding macht mich sonst noch verrueckt.“, lachte er und wendete sich wieder seiner Arbeit zu.

Ich finde den Gedanken jedoch hochinteressant, dass jeder von uns auf seinem Rechner einige Programmsystem laufen hat, deren Entwicklung und Programmierung bis in die fruehen 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts zurueck reicht und die allesamt aus der fruehen KI-Forschung stammen. Da sind irgendwo Code-Fragmente auf Ihrem persoenlichen Rechner zu Hause wie auch auf Ihrem Mobilgeraet, die sind zum Teil ueber 50 Jahre alt! Da sind die Compiler und Interpreter als Sprachuebersetzer, die Rechtschreib- und Grammatikueberpruefung der Textverarbeitung, der eingebaute Uebersetzer von Google fuer auslaendische Texte. Da sind die symbolischen Mathematikprogramme, die Formeln umformen und ausrechnen koennen und mit ihren Expertensystemen analytisch integrieren und differenzieren. Da sind die Suchmaschinen, die das Kaufverhalten analysierenden Webshops, Facebook, die Navigationsprogramme auf Telefonen und in Autonavigationscomputern. Da sind fast alle Computerspiele, nicht nur die Schachcomputer, die heute jeden Schachmeister besiegen; die Spracherkennungssoftware, dass man seinem Rechner einfache Kommandos zurufen kann; Bilderkennungssystem, die zum Beispiel Gesichter erkennen und darauf die Linse beim Fotografieren fokusieren. All diese Systeme enthalten kuenstliche Intelligenz in Form von Expertenwissen, Logik, Analyse, Strategien und Kombination. Die meisten von ihnen wurden bereits in den 60er Jahren erfunden und spaeter weiterentwickelt. Viele davon enthalten auch zusaetzlich die von meinem Kollegen geforderten Selbstlernsysteme und sind damit in der Lage, sich gegenueber den Umweltbedingungen zumindest in einem beschraenkten Rahmen anzupassen.

Also, eigentlich sind wir heute in unserem normalen Alltag rundum umgeben von kuenstlicher Intelligenz, die mehr oder weniger dazulernt. Aber wenn selbst ein hauptberuflicher Programmierer sich dessen nicht bewusst ist, nicht einmal weiss, dass sein wichtigstes Werkzeug, der Compiler, eine durch und durch klassische Kuenstliche Intelligenz darstellt, dann kann ich von meinen Mitmenschen, die keine Computerexperten sind, nicht einmal erwarten, dass sie nur ahnen, wie sehr ihnen die KI heute schon staendig unter die Arme greift, ohne dass sie es merken. Sie glauben wohl noch, sie haetten diese Dinge selbst getan, weil sie die komplexe Folge von vielen aufeinander folgenden intelligenten Aktionen, die zum gewuenschten Ergebnis fuehren, durch das Druecken eines Touch-Buttons selbst in Bewegung gesetzt haben. Darin liegt eine sehr grosse Gefahr verborgen.

Ahnen Sie, was ich meine? Denken sie nur an das verwoehnte Kind, das im Urlaub zu seinen strengen Grosseltern kommt, wo es zum ersten Mal mithelfen muss, oder den klassischen Nichtschwimmer, der zum ersten Mal in das Schwimmerbecken geworfen wird, oder den stereotypen von sich ueberzeugten Nichtskoenner, der immer erst sein Unvermoegen einsieht, wenn er bereits vor einem selbst erzeugten Truemmerhaufen steht. Die von KI unterstuetzten Menschen sind solche verwoehnten, selbstueberzeugten Nichtskoenner, die irgendwann im Leben in die Verlegenheit kommen werden, selbst ploetzlich schwimmen koennen zu muessen. Wir werden vielleicht von nun an sehr lustige Zeiten erleben. Wir muessen nur genau hin sehen.

Am Bahnhof

Ich warte auf meinen Zug. Der Zug faehrt ein, die Bremsen kreischen. Ploetzlich spricht eine Maschinenstimme zu mir. Die Toene sollen die weibliche Stimme einer menschlichen Frau imitieren. Abgehackt stammelt die Software in einer ihr moeglichen, vereinfachten und sehr monotonen Grammatik die einzelnen Einheitssilben zu Woertern und ganzen Saetzen zusammen, ungefaehr so: „Es-fae-hert-ein. De-her-Zug-na-ch-Dor-t(e)-mun-d(e). Ue-ber-Le-ver-ku-sen, So-lin-gen, Wup-per-thal, Ha-gen. Vor-sich-t(e)-bei-der-Ein-fahrt.“, usw.

Ich frage mich: Kann sich das Multimilliardenunternehmen Deutsche Bahn AG, das einst von den hohen Steuergeldern meiner Eltern und Grosseltern und aller Deutschen Staatsbuerger aufgebaut wurde, nun keine Ansagerinnen an Grossbahnhoefen mehr leisten? Warum beleidigt es mich zutiefst, indem es mir eine menschliche Ansprache verweigert? Warum setzt es aus Geiz oder was auch immer einen Sprechapparat auf mich an, den es zu mir plappern laesst? Ich empfinde naemlich sehr grosse Verlegenheit und Scham, wenn man mich unter meiner Wuerde als Mensch behandelt. Wenn man mich zum Beispiel, so wie gerade die Deutsche Bahn, fuer dumm verkauft. Sie nicht? Schnell kommt, waehrend die Software weiter ihre Worte zusammenreiht, in mir extreme Wut auf. Ich fuehle mich genoetigt, geradezu vergewaltigt, wenn man gegen meinen Willen an meinem kommunizierenden Verstand, meinem sozialen Grundempfinden, meinem sprachlichen Minimalanspruch, meinem einfachen Geist, eine Maschine ungefragt an mir ausprobiert, wie kuenstliches Gebelle an einem jungen Hund in einem Tierversuchslabor, in deren simulierte Dumm-Grammatik und vorgetaeuschte hohle Denkweise (die ja gar nicht existiert) ich mich einzufinden haben soll. Will ich nicht. Mag ich nicht. Versteh ich ueberhaupt nicht. Sprich mit anderen Maschinen Du programmierte Blechnutte. Welcher Schwachkopf hat dich eigentlich gegen Geld programmiert und hier auf mich angesetzt? Ich wuerde ihm gerne in sein Gesicht schlagen.

Ja, es macht mich wirklich aggressiv, wenn man gegen meinen Willen Software an meinem Geist ausprobiert. Obwohl ich ansonsten ein sehr friedliebender Mensch bin. Vielleicht geht es auch anderen Menschen in diesem Punkt so wie mir, wer weiss? In mir kommt Sektkorkenartig der tiefueberzeugte Humanist hoch. Mein Hut geht hoch bis an die Decke. Jetzt bin ich wirklich wuetend. Ich wuerde mich gerne vom Lautsprecher an durch die Kabelschaechte wuehlen, bis ich am Steuerrechner ankomme und von da durch die Netzwerke bis zum Zentralrechner und diesen mit einer grossen Axt in Stuecke schlagen. Ich stelle mir das bildlich mit einem breiten Grinsen im Gesicht vor. Dann wuerde ich ganz entspannt die Aufgabe des Zentralrechners an einen meiner alten Freunde uebergeben, der schon als Kind das gesamte Kursbuch der Bahn Jahr fuer Jahr im Kopf hatte. Er und ein paar seiner Sorte wuerden den Laden sicherlich besser und puenktlicher fuehren als die Programmrechner, die immer wieder auf Punkte stossen, fuer die sie nicht programmiert wurden, die immer weiter nachgebessert werden, deren Programme mittlerweile kein Mensch mehr versteht. Allein das Durchlesen der Quellcodes wuerde mehrere Menschenleben dauern. Mein alter Freund und ein paar zusaetzliche gedaechtnisbegabte Eisenbahnenthusiasten wuerden das Streckennetz auf jeden Fall besser beherrschen als der Zentralrechner. Also, schlagen wir ihn doch einfach entzwei, oder? Wer fuerchtet sich? Vor was? Haetten wir damit jemandem ein Leid getan? Ich wuesste nicht wem und ich auch nicht warum.

Warum muessen die tausenden Frauen, die in Deutschen Bahnhoefen mit schoenen, warmen, angenehmen und lebendigen Stimmen zu uns sprachen, nun zu Hause sitzen? Sie hatten huebsche Eisenbahner-Uniformen an, trugen hohe Schuhe, langes hochgestecktes Haar, wie es in den Siebziger Jahren Mode war und laechelten uns Kinder durch ihre Glasverschlaege mit ihren huebschen Gesichtern an. Dort standen sie am Mikrofon und informierten die Fahrgaeste ueber alles was sie wissen mussten und zwischendurch das Spielergebnis des FC Koeln gegen Bayern Muenchen. Sie, die frueheren Bahnhofsprecherinnen sind nur ein Beispiel, das mir gerade in den Sinn kommt. Warum muessen die Alleinerziehenden unter ihnen nun von Sozialhilfe (oder Hartz IV oder ALG 2 oder wie man es auch immer wieder umtauft) leben, oder nachts putzen duerfen, wenn sie Glueck haben, oder mit Telefonmarketing fuer ein paar Euro in der Stunde ihre Mitmenschen vom Callcenter aus unerwuenscht terrorisieren, oder im Extremfall sogar anschaffen gehen, wenn das Geld fuer die Kinder hinten und vorne nicht reicht. Warum gehoeren ihre Kinder zu den Aermsten Menschen in der Deutschen Gesellschaft? Die Kinder der Alleinerziehenden, meistens Frauen, sind die wirklichen Leidtragenden der ruecksichtslosen Ersetzung einfacher, schnell zu lernender aber ehrenvoller menschlicher Taetigkeiten durch dumme Software.

Diese Frauen und ihre Kinder – die aermsten in Deutschland – haben einfach keine Lobby. Die CDU und auch die SPD haben sie einfach vergessen. Die jungen Piraten wollen das „Betriebssystem updaten“ und sehen die Gesellschaft als Maschinensystem, von ihnen ist nichts humanes zu erwarten. Die Gruenen traeumen weiter ihren Morgenblueten-Windrad-Traum nachdem ihr Strom aus der Sonne zum Leidwesen aller Steuerzahler (wie vorher physikalisch-mathematisch vorausgesagt) grandios gescheitert ist. Sie hoffen nun auf oekologisch politisch korrekten Windstrom um einen Euro per Kilowattstunde und uebersehen wissentlich, dass sich die Alleinerziehenden auch Produkte fuer 30 Cent per Kilowattstunde Produktionskosten schon nicht mehr leisten koennen. Die CDU-Regierung hat den Gedanken der mittlerweile durch und durch konservativen Umweltfraktion dankbar aufgegriffen, weil sie selbst keine besseren Alternativen zum Energieproblem anzubieten hat und die Bevoelkerung bei dermassen grosser politischer Korrektheit schier begeistert ist und bei den grossen Energieanbietern sogar die bunt verpackte Oekostromverpackung kauft. Aber, wie dumm muss man sein? Aus den selben physikalisch-mathematischen Gruenden aus denen es keinen reinen Oekostrom im Netz geben kann wird der Windstrom und alle daraus fabrizierten Produkte jedoch wesentlich teurer werden als die Windstromer glauben und hoffen, und ihr Windstrom wird ebenso wirtschaftlich grandios scheitern wie ihr Sonnenstrom, wiederum zum Leidwesen aller Steuerzahler, bevor man die alten Atommeiler wieder einschalten wird, nicht weil man will, sondern weil man muss. Daher braucht man mit den Gruenen und nun auch mit der Regierung ueberhaupt nicht rechnen, denn alles was im Entferntesten nach Optimierung, Rationalisierung, Prozessoptimierung und damit weniger Energieverbrauch riecht, finden sie gerade in ihrer argen, akuten Stromnot verdammt gut! Mehr Arbeitsplaetze, mehr Umsatz, mehr Wohlstand braucht nunmal viel mehr Energie! Und die Optimierung von Prozessen ist immer irgendwann an dem Endpunkt, an dem weitere Optimierung mehr Energie verbraucht als die Energieeinsparung durch die Optimierung – das ist beides einfache Physik, genauer der erste und zweite Hauptsatz der Thermodynamik, zum Beispiel. Nun ja, mit Physik hat das gaengige mystisch-oekologische Weltbild leider nicht so sehr viel zu tun. Man glaubt und hofft und fuehlt sich in der Mehrheit der Masse der Glaubenden im Recht. Man kauft Oekostrom und faehrt Elektroautos, man isst Tiefkuehlpizza und trinkt Biolimonade. Ach, fast haette ich sie vergessen, wie steht es eigentlich mit der FDP? Hat sie auch ein Gesellschaftsexperiment am laufen? Nein nicht richtig, da muesste man sich festlegen. Sieht sie die Wirtschaft mehr als Selbstzweck oder als Diener des Volkes. Ich hoere schon das Lachen meiner Leser..

So denke ich nach, waehrend die Menschen in den Zug steigen. Ich bin der letzte, der in den elektrisch getriebenen Hochgeschwindigkeitszug einsteigt. Elektrisch, ach ja, in ein paar Jahren schon wird das Ticket, das jetzt 80 Euro kostet 240 Euro bis 320 Euro kosten, wenn die Energiewende in Deutschland ihre geplanten Ziele erreicht, sonst jedoch noch mehr. Ich denke wieder an die in Rente geschickten Sprecherinnen und ihre Toechter, die nun woanders arbeiten muessen oder gar nicht, trotz ihrer schoenen Stimmen und ihrer guten Sprache. Wer hat der Deutschen Bahn AG eigentlich erlaubt, Maschinen zu installieren, die perverserweise ein Verhalten imitieren, als wuerden sie zu Menschen sprechen? Und wer hat ihnen erlaubt, die Menschen, die vorher wirklich zu uns sprachen, mit „sozialvertraegliche Massnahmen“ langsam aber sicher kaltzustellen? Ich nicht. Waren Sie es? War es das Gesetz? Was meinen verschiedene Juristen dazu? Meiner Meinung nach ist dies ein Verbrechen. Ein schweres Verbrechen sogar. Erst einmal ist dies ein Verbrechen an meiner Menschenwuerde. Diese ist nach dem Grundgesetz angeblich unantastbar und doch degradiert mich die Deutsche Bahn an ihren Bahnhoefen zum Empfaenger einer Sprechsoftware. Das ist sogar weit unter meiner Wuerde, die verlangt mindestens von einem Menschen angesprochen zu werden. Ich moechte als Mensch noch nicht einmal von jedem anderen Menschen angesprochen werden. Aber von einer Computersoftware angesprochen zu werden, gezwungen zu werden, ihrer dummen, gefuehllosen, fehlerfreien Grammatik zuzuhoeren, weil ich sonst vielleicht einen Anschlusszug verpasse, oder sonstwelche mir anderweitig vorenthaltenen Informationen nicht erfahre, ist eine Noetigung der ganz gemeinen Art, eine geistige Vergewaltigung, die ich als solche zutiefst empfinde. So wie ich gerade muss sich der neue Straefling nach seinem ersten Besuch der Gemeinschaftsdusche des Gefaengnisses fuehlen.

Ausserdem ist dies ein soziales Verbrechen. Diese Frauen mit den schoenen Stimmen, mit tausenden unterschiedlicher Stimmen, verschiedener Tonlagen, verschiedener Aussprachen, Dialekte, verschiedenen Timbres, unterschiedlicher Grammatik, unterschiedlich ausgepraegten Sprachgefuehls und unterschiedlichen Charakters, die durch einfache elektrische Tonverstaerker als Menschen zu mir als Mensch sprachen, als ich ein Kind war, haben nun kein gesichertes Einkommen mehr ausser den erwaehnten Hilfmitteln. Sie sind Bettler beim Staat geworden und werden als solche behandelt oder sie fuehren die niedersten Taetigkeiten aus und entsprechend wird ueber sie gelacht. Ihre Kinder sind arm. Ueber sie wird ebenfalls bestenfalls gelacht. Die meisten der Kinder verbringen ihre Zeit am Computer, wo sie in Simulatoren die Abenteuer erleben, die ihnen ihre Armut in der Realitaet vorenthaelt. Sie lieben genau diesen universellen Von-Neumannschen Computer als ihr Lieblingsspielzeug, der ihr Leben so sehr zerstoert hat. Aber sie erleben dort nicht nur den virtuellen Ersatz eines verpassten Lebensstarts: in seinen unendlichen digitalen Welten lassen sie sich taeglich zu virtuellen Moerdern und Schlachtern ausbilden.

Dies wird auf uns zurueckfallen. Wer ein Verbrechen begeht, wird Opfer eines Verbrechens werden. Wer den Wind saeht, wir den Sturm ernten. Alte, sehr alte Weisheiten sind dies. Erfahrungen von hunderten von Menschengenerationen. Und was ist mit den verantwortlichen Vorstaenden, die diese Entscheidungen, Menschen gegen Software zu ersetzen, faellten? Verantwortung heisst zur Rechenschaft bereit stehen. Eine Rechnung aufzustellen, die guten und die schlechten Entscheidungen zu bilanzieren, Rede und Antwort stehen. So wie den Aktionaeren gegenueber. Kann der wirtschaftliche Erfolg auf der einen Seite den menschlichen Misserfolg auf der anderen Seite noch aufwaegen? Hat jemals einer der Aktionaere die verantwortlichen Vorstaende dies ueberhaupt gefragt: „Und was ist mit den Menschen? Den Menschen, fuer die es ueberhaupt eine Eisenbahn gibt? Die arbeiten und Geld verdienen sollen, damit sie sich die Bahnfahrkarten und Hoteluebernachtungen am Ziel auch leisten koennen? Die durch unser Transportmittel Eisenbahn frei und unabhaengig sein sollen? Die Deutsche Bahn dreht sich nur um den Menschen und dessen Mobilitaet und Bewegungsfreiheit, sonst nichts, oder?“ Hat dies einer der Aktionaere die Vorstaende gefragt? Nein? Dann frage ich nun stellvertretend fuer die Aktionaere, wenn sie diese Fragen in der Boersenhektik im Eifer des Gefechts, bei fallenden und steigenden Werten, einmal vergessen haben sollten. Ihr wundert Euch noch, wenn immer mehr verlassene Koffer auf den Bahnhoefen stehen? Wer stellt sie dahin, frage ich Euch? Ratet mal. Nein, ich bestimmt nicht. Um Gottes Willen! So schlicht ist es nicht. Wer denkt so schlicht? Aber es sind zum Beispiel auch die Soehne dieser Frauen, die ihr auf die Strasse gesetzt habt!

Darueber denke ich nach, waehrend ich mir einen Sitzplatz suche. Gewalt. Immer eine schlechte Loesung. Gewalt erzeugt nur Gegengewalt. Die Bomben treffen nur die Unschuldigen, allenfalls die kleinen Teilschuldigen, die klaeffenden Bluthunde, die aufs Wort gehorchen und froehlich Maennchen machen. Ist es das wert? Die wirklichen, nach dem Vertragswesen in letzter Instanz Verantwortlichen haben sich sicher an einem schoenen Ort eingerichtet, sie wird es niemals treffen. Daher sind diese Bomben wie meist alle Bomben voellig sinnlos. Vielleicht nutzen sie fuer einen Augenblick dem Ego des Bombers. Jungs, vergesst es. Das Leben ist kein Egoshooter. Morden ist kein Abenteuer. Alles kommt wiederum auf Euch zurueck. Das Leid das ihr anderen zufuegt, werdet ihr genau so selbst erfahren – irgendwo, irgendwann – spaetestens am Ende tief in Eurer Seele. Wer fragt, welche Gewalt war zuerst da, wird immer auf ein Henne-Ei-Problem stossen. Dies liegt in der Natur der Gewalt.

Ich sitze an einem Fensterplatz, sehe hinaus und lasse die Bilder der Landschaften an mir vorueberziehen. Das ist mein Land. Deutschland. Was wird aus Dir? Sollen die Menschen leiden. Nein, sie sollen gluecklich sein, sie sollen froehlich sein. Die Deutsche Seele ist oft so dunkel und ernst. Und sie kann doch so wunderschoen sein. Es ist allmaehlich an der Zeit, dass wir einen Frieden suchen zwischen uns und unseren technischen Systemen, unseren wirtschaftlichen Prozessen. Wir Deutschen sind gut darin konsequent zu sein. Aber oft uebertreiben wir es ein wenig und auch leider manchmal noch viel mehr. Wir sind manchmal Fanatiker und mit diesem Fanatismus entwickeln wir heute die Digitale Gesellschaft. Wir brauchen Abstand. Wir sollten einmal einen friedlichen Boykott der programmierten Computersysteme und Planungs- und Ueberwachungsanlagen, die uns tagtaeglich observieren und unser Funktionieren als Teil von Prozessen, Programmen, Systemen sicherstellen, wagen. Vielleicht reichen ein paar Tage, das wir wieder klar sehen.

Es ist gar nicht schwer, man muss nur am naechsten Tag nicht mehr auf der Arbeit erscheinen, sich auf eine Parkbank setzen, die Beine hoch legen, den Voegeln zuhoeren und ein gutes philosophisches oder theologisches Buch lesen, damit man noch besser lernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Dann geht man zu einer Feier und tanzt oder malt ein Bild oder spielt Gitarre. Eine Flasche Wein mit einem guten Freund zu teilen, schadet auch niemandem. Das Leben kann so schoen in seiner Einfachheit sein. Man braucht nicht diese ganzen Sachen, fuer die man bisher immer brav mit dem Schwanz gewedelt hat und seine Belohnungen dankbar klaeffend abholte. Schenkt Euer Geld doch lieber den Beduerftigen als den Herstellern von Eigenheimen, Automobilen, Uhren, Luxus-Computern und Telefonen! Das Zeug ist nach ein paar Jahren sowieso veraltet und schrottreif. Und Haeuser halten bei den aktuellen Bauweisen auch nicht mehr laenger als 30 Jahre, also die Zeit in der man sie ueblicherweise bezahlt, bevor sie zerfallen. Ihr werdet ueberrascht sein, wieviel Geld ihr ploetzlich zur Verfuegung habt, all die vielen Zehntausende, ja hundert Tausende von Euros die ihr sonst sinnlos in Eigentum und Immobilien verbrennt. Ihr werdet erkennen fuer wieviel Freude und strahlende Gesichter es ausreicht, wenn man sein Geld fuer Sinnvolles verschenkt. Ihr werdet wirklich gluecklich werden, wenn ihr andere gluecklich macht. Wer dies beherrscht, so dass er auch noch selbst anstaendig aus eigener Kraft leben kann, der weiss zu wirtschaften. Das ist Wirtschaften: Menschen gluecklich machen, nicht das sinnlose Anhaeufen von irgendwas. Wir alle sind sterblich und das letzte Hemd hat bekanntermassen keine Taschen.

Ich sehe Kuehe auf den Weiden und Fabrikhallen mit rauchenden Schornsteinen, Bauern auf dem Feld arbeitend. Deshalb ist es auch voellig sinnlos, um noch mehr Geld zu verdienen, Menschen durch Maschinen zu ersetzen. Sie sind dann ungluecklich und man muss ihnen staendig Geld schenken, damit sie wenigstens nicht verhungern. Ausserdem haben sie jetzt weniger Geld um die Produkte der eigenen Fabrik, die man herstellt, zu kaufen. Wenn alle Mitbewerber nun ebenso handeln – und das werden sie – dann haben sehr viele Menschen weniger Geld, die Produkte der eigenen Fabrik, die man herstellt, zu kaufen und dem eigenen Unternehmen geht es immer schlechter. Nun wird manch Unternehmer von guter Gesinnung sagen: Natuerlich, aber wenn ich mich als einziger gegen den Trend stelle, gehe ich als erster unter. Recht hat er, aber wird er seinen Untergang aufhalten koennen, wenn er mitmacht? Wie lange? Wir duerfen uns keinen Trends beugen, auch keinen internationalen. Wir muessen die Trends wenn schon dann selber setzen, indem wir alle zusammenhalten. Gemeinsam sind wir stark, staerker als jeder Trend. Was ist schon ein Trend? Ein nicht fassbares, chaotisches, sich wellenfoermig ausbreitendes Etwas, dass jederzeit durch einen kleinen Anstoss umkippen kann. Stossen wir es einfach an:

Eine Forderung nach Menschen anstatt Maschinen muss kommen. Ein Gesetz muss her, dass es verbietet Maschinen und Software da einzusetzen, wo Menschen dies genau so gut tun koennen und wollen.

Natuerlich gibt es zur Zeit in unserem Land viel zu wenig Arbeitskraefte um die Arbeit, die von Maschinen erledigt wird auch nur annaehernd zu uebernehmen. Dies waere voellig utopisch. Aber natuerlich darf kein Mensch, der arbeiten will, der etwas lernen will, der etwas konstruktives aus seinem Leben machen will, davon abgehalten werden. Und natuerlich niemals von so etwas geringwertigem wie Maschinen und Software. Diese Maschinen und Computer, die Menschen ein Einkommen verwehren, muessen wirtschaftsvertraeglich nach und nach verschrottet werden. Sie sofort in einem Anfall von Wut zu zerstoeren, wie ich eben in meiner Phantasie den Zentralrechner der Deutschen Bahn AG zerschlagen habe, wuerde viele Unternehmen in Deutschland ruinieren, damit waere auch niemandem geholfen. Kuenstliche Intelligenz, Computer und Roboter jedoch dort einzusetzen, wo Menschen nicht arbeiten koennen oder wollen, oder wo einfach zu wenig Menschen vorhanden sind, ist ein voellig anderes Problem. Dies ist in keiner Form menschenverachtend, aber die Grenze ist sehr, sehr diffus. Nur klare, logische Ziele in Form von einfachen Gesetzen, nur ein gesamtgesellschaftlicher Konsens kann hier eine Linie ziehen, die es von da an staendig in den Parlamenten zu diskutieren gilt.

Ein Lohn- und Steuermodell muss her, dass es den Unternehmen ermoeglicht, trotzdem vernuenftig zu wirtschaften. Ein Vergleich mit inhumanen Praktiken aus dem Ausland und der darauffolgenden Imitation menschenverachtender wirtschaftlicher Praktiken mit der Begruendung der Aufrechterhaltung der Konkurrenzfaehigkeit muss als das was es ist (auch oft selbst in den Laendern aus denen es kommt) geahndet werden: als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Wir koennen doch keine unmenschlichen Zustaende imitieren, nur damit bei uns die Wirtschaft weiter rollt! Was sind wir denn? Unmenschen? Monster?

Der Gedanke macht mich etwas traurig. Aber muessen wir uns von Unrechtsregimen im Ausland infizieren lassen, muessen wir uns von ihnen in die Unmenschlichkeit herunterziehen lassen, nur weil bei ihnen das meiste Geld zu machen ist? Was sollen die guten Menschen dort, von uns denken? Halten sie uns fuer die Prostituierten ihrer Machthaber? Ich will keine Prostituierte von niemandem sein. Das muss jeder fuer sich entscheiden. Lieber verzichte ich. Geld ist mir nicht wichtig. Wie denken die Anderen darueber. Die Deutschen sollten darueber abstimmen. Zoelle und konsequent durchgesetztes Patent- und Markenrecht, eine grossangelegte Foerderung der Klein- und Kleinstunternehmen sowie des Mittelstandes, die zusammen die mit Abstand groessten prozentualen Arbeitgeber in Deutschland sind, ein Kartellamt, das die Macht besitzt Kartelle, Lobbyismus und unerwuenschte Machtanhaeufungen auch in der Europaeischen Union (!) zu zerschlagen, sind zusammen altbekannte, funktionierende Instrumente, eine Wirtschaft zu foerdern die kein Selbstzweck ist und nur ein einziges Ziel kennt: den Menschen in unserem Land, in Europa und auf der ganzen Welt zu dienen.

Ich erinnere mich an die Begruender der Oekonomie: Smith, Malthus, Ricardo, Marx, Mill, Say, Keynes. Diese Worte sind die gemeinsame Schnittmenge jeglicher Oekonomie, jeglicher Interpretation oder Auslegung, und damit muesste es ebenfalls die Basis des Wirtschaftens eines jeden Unternehmens und damit auch der Deutschen Bahn sein. Schaemt Euch doch bis auf das Mark fuer Eure Sprechapparate und die tausenden jungen, arbeitslosen, alleinerziehenden Frauen und ihre verarmten, hoffnungslosen, sehr wuetenden Kinder die ihr mit produziert! Schaemt Euch fuer die Kofferbomben und Attrappen, die man aus Hass auf die Folgen Eurer Handlungen in unsere Bahnhoefe und Flughaefen stellt, und damit ruecksichtslos unsere Gesundheit und unser Leben fuer Euer unmenschliches Gesetz der immerwaehrenden systematischen und prozeduralen Bilanzoptimierung riskiert, das die Menschen, die darunter leiden, in die Verzweiflung und in den Wahnsinn treibt. Wenn ich bei meiner naechsten Bahnreise die simulierte Softwaredamenstimme am Bahnhof wieder zu mir reden hoere, dann uebergebe ich mich wahrscheinlich mitten zwischen den Reisenden auf den Bahnsteig. Prost Mahlzeit! Hat das Enterprise Resource Planing dafuer denn schon Resourcen eingeplant und optimiert? Nein, dann wird es aber Zeit, nachzubessern!

Die Kaffeekueche

Ich kenne eine junge Frau, sie ist etwa 25 bis 30 Jahre alt, und leitet in einem befreundeten IT-Unternehmen in Berlin ein kleines Team von Programmierern, sie ist Ingenieurin, glaube ich. Ich arbeite nicht direkt mit ihr zusammen. Sie ist stets freundlich, gut gelaunt, verlaesslich und fleissig. Sie scheint mir sehr intelligent zu sein und sieht dazu auch noch verdammt gut aus. Sie ist schlank und hat langes lockiges blondes Haar und blaue Augen. Alle Mitarbeiter ihres Unternehmens schaetzen sie sehr. Und auch ich! Ich glaube, von dem wie ich sie bisher erlebt habe, dass sie wirklich eine herzliche Art hat. Sie wird als Managerin bestimmt noch spaeter sehr erfolgreich werden. Und ich wette, dass so mancher der juengeren Mitarbeiter bestimmt ein wenig in sie verliebt ist. Ich sollte mal darauf achten, nur so zum Spass, aber eigentlich geht es mich ja gar nichts an.

Einmal traf ich sie in der Kaffeekueche. In dem befreundeten Unternehmen ist es ueblich, dass die Mitarbeiter sich eine Art kleine, runde Kaffeebeutel, sogenannte Kaffeepads von zu Hause mitbringen, die sie dann in eine Maschine einlegen und Schwupp! kommt unten ein Kaffeegetraenk heraus, das intensiv aromatisch duftet und einen fluffigen, mehrere Zentimeter dicken weissen Schaum auf der Oberflaeche erzeugt. Es gibt diese Kaffeebeutelchen wohl in allen moeglichen Geschmacksrichtungen. Mir ist der intensive Duft nicht ganz geheuer und die riesigen Mengen Schaum sowieso nicht. Daher habe ich noch nie einen solchen Kaffee probiert.

Ich bruehte mir also gerade wie immer eine Tasse schwarzen Kaffees auf, und die junge Dame hatte sich gerade einen Pad in die Maschine eingelegt und wartet auf ihr Getraenk. Sie beobachtete mein Treiben und fragte mich:

„Das ist doch eine Kaffee-Filtertuete, oder?“

„Ja?“

„Und du machst Dir den Kaffee da einfach rein?“

„Ja..!?“

„Und dann schuettest Du da einfach heisses Wasser darueber?“

„Ja, klar! Ha, ha.“

„Und dann kommt unten Kaffee raus! Und was fuer einen Kaffee nimmst Du dafuer?“

„Aeh, einfach ganz normalen Kaffee.“

Ich wartete einen Moment aber ich hatte den Eindruck, dass meine Erklaerung nicht ausreichte:

„Ich meine gemahlene Kaffee-Bohnen. Gerade nehme ich italienischen Espresso-Kaffee.“

„Und das schmeckt?“

„Na ja, eigentlich ganz gut, wenn man nur genuegend Kaffee nimmt. Klar waere er leckerer unter Druck, aber mit meinem Kaffeetuetenhalter auf der Tasse geht’s im Notfall auch..“

„Oh, toll!“

Dann sah sie auf ihren Kaffee, den die Maschine mittlerweile in einem transparenten Kaffeeglas in drei Schichten erzeugt hatte: Milchweiss, Kaffeebraun und ein fluffiger Schaum oben drauf. Sie betrachtete ihr Getraenk eine Weile und sah abwechselnd zu meiner Tasse mit schwarzem Kaffee drin. Dann meinte sie nachdenklich:

„Da fragt man sich natuerlich schon manchmal, woher das alles kommt.“

„Ja.“

Wir verliessen zusammen den Raum, sie ging in die eine und ich in die andere Richtung und ich wuenschte ihr einen schoenen Tag. Sie drehte sich uber die Schulter zu mir hin und meinte mit einem entzueckenden Laecheln: „Ja, bis spaeter“

Ich fuehlte mich wie Superman, der wieder fliegt, denn ich konnte, eine in der Industrie unbedingt verlangte DIN ISO 9001 Zertifizierung fuer das Kaffeekochen ganz frech umgehen, und wirklichen, durch und durch echten Kaffee aus gemahlenen Kaffeebohnen ohne jedes Hilfsmittel und ohne jeden Qualitaetsprozess aufbruehenm, ohne aufwendiges Testing und ohne externe Unterstuetzung, nicht Schritt fuer Schritt nach ISO 15504 oder CMMI strengstens ueberwacht, und ohne bevorzugte Lieferanten und Statusberichte!

In Berlin zu Fuss unterwegs

Gestern Nachmittag habe ich meine Tochter Lotte auf einem Kindergeburtstag in der Schlueterstrasse abgegeben. Ich war gerade zu Fuss unterwegs zur Hardenbergstrasse. Ich wollte dort im Cafe Hardenberg einen alten Freund aus Studienzeiten treffen und danach noch ein wenig bei Lehmanns in den Buechern stoebern. Ich muss gerade in der Pestalozzistrasse gewesen sein, da war ich mir nicht mehr sicher, wie der schnellste Weg von hier aus zur Hardenbergstrasse war. Frueher, als ich noch an der TU studierte, kannte ich die hiesigen Seitenstrassen wie meine Westentasche, aber irgendwie hatte ich den Weg ueber die Jahre komplett vergessen. War es da oder da lang am schnellsten? Eine Frau kam mir auf dem Buergersteig entgegen. Ich fragte sie:

„Entschuldigung. Koennen Sie mir sagen, wie ich von hier am schnellsten zur Hardenbergstrasse komme?“

„Aeh, ja, nein, ich bin eigentlich nicht von hier, aber haben sie den kein Ping-Pong [*]?“

„Aeh, nee. Wieso?“

„Damit ist das doch ueberhaupt kein Problem! Haben Sie wirklich nicht?“, fragt sie nochmal nach, und kramt ihren Ping-Pong-Telefon-und-sonstwas-alles-Taschencomputer aus ihrer Handtasche. Sie mustert mich aus dem Augenwinkeln, so als wuerde sie sich geradezu wundern, dass ich kein Ping-Pong besitze. Wahrscheinlich bin ich ihrer Meinung nach dementsprechend gekleidet, dass ich eigentlich ein solches Spielzeug besitzen muesste. Es soll ja sehr teuer sein, habe ich gehoert. Sie streicht mit ihren Haenden darueber, hin und her und irgendwelche Bilder fliegen vorbei. Dann haelt sie mir ihren Ping-Pong direkt vor das Gesicht, so dass ich alles verschwommen sehe.

Ich muss einen Schritt zurueck treten, um etwas zu sehen:

„Ah, ein Stadtplan!“, rufe ich aus. Sie nickt unglaeubig.

„Wo ist denn da Norden?“, frage ich.

„Aeh..“, sie zieht das Ping-Pong wieder zurueck und beguckt die Karte von allen Seiten, dann dreht sie ihr Ping-Pong und verrenkt dabei ihre Arme und haelt es mir dann wieder so schief auf dem Kopf stehend vor die Nase, dass Norden oben ist.

„So!“

„Ach ja!“, sage ich, „Und wo sind wir? In der Mitte der Karte? Da wo das Kaestchen ist?“

„Ja, ja, natuerlich..“

„Aha, dann ist das hier die Pestalozzistrasse, dann geht es da nach links..“, ich beuge mich rueber um an ihr vorbeizusehen und das Bild der Karte mit dem Strassenverlauf zu vergleichen, dann wieder zurueck und sehe wieder auf den Bildschirm, „..und da wieder nach rechts, und dann bin ich in der Kneesebeck und da kenn ich mich wider aus. Genau so. Prima. Danke!“

„Ja, sehr gerne. Kommen Sie denn klar, so?“

„Danke der Nachfrage, ja ganz gut. Es geht so, muss ja..“, ich sehe vor mich her und ueberlege, „Ach so, sie meinen.. Ja klar, den Weg kann ich mir merken. Aber koennten Sie mir vielleicht noch die Uhrzeit sagen?“

Jetzt zieht die Frau schon fast bestuerzt die Augenbrauen hoch, zieht das Telefon wieder schnell zu sich, dreht es aus ihrer Verenkung wieder gerade und sieht drauf: „15 Uhr 10“

„Ach prima“, sage ich, „Ich bin naemlich fuer 15 Uhr 30 mit einem alten Studienfreund verabredet, da habe ich ja noch viel Zeit. Ich werde ueberpuenktlich sein. Ja, danke nochmal! Auf Wiedersehen!“

„Auf Widersehen!“, sagt die Dame und laechelt mich breit an. „Ja, dann noch viel Spass. Tschuess!“

„Danke!“

„Gerne!“

Sie geht weiter, dreht sich noch einmal nach mir um, mit einem Blick, als koennte sie es immer noch nicht fassen. Ich weiss nicht was. Dass sie eine freundliche, normale und konstruktive Unterhaltung mit einem Fremden gefuehrt hat? Dass sie jemandem wirklich ganz einfach mit ihrem Ping-Pong Taschencomputer weiterhelfen konnte? Dass es einen gutgekleideten Herrn meines Alters gibt, der noch nie einen Ping-Pong aus der Naehe gesehen hat? Keine Ahnung. Ich pfeiffe John Coltranes „Giant Steps“ und gehe, die Haende in den Hosentaschen weiter zu meinem Treffpunkt. Aber irgendwie kam mir die Situation aufgrund des Verhaltens der Dame auch komisch vor, wenn ich auch nicht verstanden habe, warum. Vielleicht verstehen Sie es ja?

[* Name eines bekannten Taschencomputers geaendert]

Gespraech mit einem jungen Mann

Ich programmiere mal wieder eine Steuerungssoftware fuer eine Maschine. Zum Glueck kann ich mir in meinem Beruf aussuchen, was ich programmiere, entwerfe, berechne oder konstruiere. Ich wuerde niemals mehr an Geraeten oder Maschinen mitentwickeln, hinter denen ich nicht mit voller Ueberzeugung stehe – von denen ich glaube, dass sie den Menschen mehr nutzen als schaden. Jeder Ingenieur sollte sich meiner Meinung nach so etwas staendig fragen und Namen wie Von Braun, Speer, Oppenheimer, Da Vinci, Messerschmitt immer von allen Seiten betrachten. Wenn man dazu steht, soll man es tun. Und zwar konsequent und so gut man ueberhaupt kann. Wenn man im Nachhinein gewisse Erfindungen bereut, dann hat man schon bei den anfaenglichen Ueberlegungen etwas voellig falsch gemacht. Und wer sich erpressen und noetigen laesst ist ein dummer Narr und Handlanger aber kein Ingenieur. Auch ich habe schon in meinem Leben eine Maschine entwickelt, die ich heute ganz gewiss nicht mehr bauen wuerde. Damals war ich noch von jeder Veraenderung begeistert und voellig naiv, ueberlegte mir nur wenig die Konsequenzen meines Tuns. Aber erpressen liess ich mich nie. Da kann wohl manch einer, der mit mir zu tun hatte, ein Liedchen von singen. Dafuer bin ich von Natur aus viel zu stur und auch zu unraffiniert und dumm – das hat mir die Natur zum Glueck so mitgegeben..

Abends gehe ich manchmal in ein Cafe und trinke dort mein Bier. Dort unterhalte ich mich mit den Einwohnern des Standorts ueber Gott und die Welt. Einmal unterhielt ich mich mit einem jungen Mann von Anfang Zwanzig. Er fragte mich was ich von Beruf sei. Ich sagte Ingenieur. Er war etwas beeindruckt, weil er auch schonmal mit dem Gedanken gespielt hatte, diesen Beruf anzustreben, aber das schwierige Studium und die Erzaehlungen anderer Studenten hatten ihn leider abgeschreckt. Er erzaehlte und erzaehlte und dann meinte er ploetzlich:

„Was mir am Ingenieursberuf am besten gefaellt, ist das man technisch und wissenschaftlich immer auf dem Laufenden ist, dass man sozusagen den technischen Fortschritt aus naechster Naehe beobachten kann.“

Ich sah ihn verdutzt an und bemerkte dann bestimmt:

„Wir Ingenieure beobachten nicht den technischen Fortschritt. Wir machen ihn! Es ist eine bewusste Entscheidung, mit all ihren Konsequenzen. Wir tragen die volle Verantwortung fuer die Technik, die wir fuer Euch erfinden und die ihr dann irgendwo kaufen koennt.“

Der junge Mann war voellig verdutzt und dachte offensichtlich angestrengt nach. Dann sagte er nach einer Weile:

„Stimmt, darueber habe ich noch nie nachgedacht! Aber wer soll sonst der Ursprung von Technik sein, wenn nicht ihr Ingenieure! Darueber gibt es ja sonst niemanden mehr, der sich das ausdenkt..“

„Doch, Gott. Aber mach Dir nichts drauss, es gibt viele Berufskollegen, die haben auch noch nie darueber nachgedacht, obwohl sie schon seit Jahrzehnten im Geschaeft sind.“, antwortete ich und trank mein Bier aus.

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

Eine Antwort zu “Moderne Zeiten

  1. Jensi ⋅

    Ich habe manchmal das Gefühl, wir befinden uns an der Schwelle zur Maschinenwelt. Das ist vielleicht Konservativ, aber diente die KI nach meinem Verständnis im besten Fall dazu, einen Staubsaugerroboter an meiner Stelle die Wohnung zu saugen, scheint es für viele Leute die Substitution des eigenen Gehirns geworden zu sein. Wie sagt man heute? Creepy…

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