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Der siebente Zweifel

– eine kleine theologische Betrachtung

Vor 37 Jahren kannte ich mal einen zwoelfjaehrigen Jungen, dessen Vater gerade tragisch ums Leben gekommen war. Ich war selbst noch ein Kind aber ich kannte die Familie gut und wusste, dass der Junge seinen Vater ueber alles geliebt hatte. Als ich ihm kurz nach dem Tod seines Vaters einmal auf unserem Spielplatz traf, fragte ich ihn, ob er sehr traurig sei. Er antwortete nein, er sei nicht traurig, er sei voller Hass. Ich fragte ihn, wen er hasse. Und er antwortete „Gott. Eines Tages werde ich Gott toeten. Wer so ungerecht ist und einen kleinen Jungen und seine Familie so sinnlos leiden laesst, der hat den Tod schon lange verdient.“ Ich war ueberrascht, denn ich kannte den Jungen eigentlich als einen sehr lieben und freundlichen Spielkammeraden, der dem Streit lieber aus dem Weg ging, oder eher versuchte ihn zu schlichten. Ich hatte ihn noch nie ueber Bestrafung oder Todesstrafe reden hoeren. Und dann gleich die Todesstrafe fuer niemand geringeren als Gott und auch noch in Selbstjustiz zu fordern, ueberforderte wiederum meinen kindlichen Horizont und ich ging ihm spaeter lieber aus dem Weg.

Die heilige Inquistion foltert einen Ketzer

An dem letzten Tag an dem ich ihn traf, schaukelten wir ein wenig auf der Schaukel des Spielplatzes und unterhielten uns dabei. Der Junge erzaehlte mir, er habe Gott bereits mehrmals herausgefordert. Er habe ihn beleidigt und verflucht und sich ueber ihn lustig gemacht, er habe das Abbild seines Sohnes bespuckt und geschlagen, dann habe er ihn angerufen: „Komm her und toete mich fuer das, was ich getan habe. Oder gib mir ein Schwert Deiner Engel, dass ich dich damit erschlagen kann. Zeige Dich, Du Feigling! Gib mir eine Chance Dich zu toeten und die Ungerechtigkeit auf der Welt, die Du verursachst, zu beenden.“ Offensichtlich hatte Gott sich entschieden, den kleinen Jungen fuer seinen Frevel nicht auf der Stelle zu erschlagen, denn er sass ja auf der Schaukel neben mir und schwang vor und zurueck, vor und zurueck, waehrend er sprach. Instinktiv musste ich in den Himmel schauen, um abzusichern, dass sich keine Gewitterwolke ueber uns bildete und ein Blitz auf uns einschluege. Dann sah ich zum Boden, ob der sich auftaete und uns beide verschlingen wuerde. War das wahr, was man ueber die Hoelle zu hoeren bekam? Und ich schaukelte vor und zurueck, vor und zurueck, und mir wurde Angst und Bange.

Dann erzaehlte er weiter, er habe Gott zugerufen: „Warte auf meine Rache, auch wenn Du Dich jetzt nicht zeigst, ich werde Dich finden. Ich werde Dich aufspueren, egal wo Du Dich versteckst. Meine Verbuendeten sind maechtig. Sie sind das brutalste, gemeinste, hinterhaeltigste und gefaehrlichste von allem was Du je erschaffen hast: dein Abbild – der Mensch! Wenn wir Dir habhaft werden, hast Du keine Chance, weil Du uns ja nach Deinem furchtbaren Bilde erschaffen hast. Und zusammen sind wir staerker als Du.“ Ich fiel vor Schreck fast von der Schaukel, sprang ab, blieb stehen, drehte mich um, und rief schnell: „Ich helfe Dir nicht!“

„Du elender Feigling!“, antwortete mein Bekannter und lachte mich aus und er fuhr fort, waehrend er mich ansah: „Ich werde auf Gott warten. Eines Tages wird er sich nicht mehr verstecken koennen, und ich werde vorbereitet sein. Und dann werde ich ihn toeten.“

Ich habe das Kind dann nicht mehr getroffen. Ich mied jeden Platz, wo es sich aufhalten koennte, weil es mir unheimlich war. Ich wurde das Gefuehl nicht los, wenn ich mich mit ihm in der Oeffentlichkeit zeigte, koenne dies meinen Stand bei Gott und meine Anwartschaft auf den Himmel gefaehrden. Obwohl wir in unserer Familie nicht sehr glaeubig waren und eigentlich nur zu Weihnachten gemeinsam in die Kirche gingen. Der Junge ist dann mit seiner Mutter und seinen Geschwistern weggezogen, weil sie die Miete fuer ihr Haus nicht mehr zahlen konnten. Ich habe ihn nie wieder gesehen.

Aber oft stelle ich mir vor, er haette vielleicht in der Zwischenzeit einen schrecklichen Verkehrstod erlitten, oder waere mit dem Flugzeug abgestuerzt, oder an einer schlimmen Krankheit unter grossen Schmerzen gestorben. Manchmal stelle ich mir auch vor, er lebt irgendwo und wartet immer noch. Die Anzahl seiner Freunde und Verbuendeten wird mit den Jahren immer groesser. Aber Gott zeigt sich nicht. Ich habe zumindest nichts davon in der Zeitung gelesen. Wartet Gott so lange, bis er irgendwann seine himmlischen Heerscharen braucht, um gegen den Jungen anzutreten, der mittlerweile eine Armee fanatischer Gotteshasser um sich geschart hat? Das frage ich mich dann. Und ich fange an zu zweifeln. Ich habe sieben Male gezweifelt:

  1. Zweifel. Gott existiert nicht und hat es nie. Wir haben ihn uns immer nur eingebildet. Jeder Atheist wuerde so spontan antworten. Aber ist diese Meinung nicht unwahrscheinlich naiv? Es gibt ihn nicht, weil es ihn nicht gibt, darauf reduziert sich jede logische Diskussion, denn Beweise fuer seine Nichtexistenz waeren ja im Gegenzug immer auch Beweise fuer seine Existenz, denn wer soll die Spuren ausgelegt haben? Es gibt ihn einfach nicht ist so eine einfache und dumme Antwort wie Wasser ist blau, weil es blau ist. Natuerlich kann man durch reine Ignoranz alle Probleme des Lebens umgehen, auch die Gottesfrage. Sie bleibt aber weiterhin offen. Ein Atheist ist ein Glaeubiger, genauso wie ein Religioeser, denn er glaubt daran, dass es keinen Gott gibt, was niemand wissen kann. Aber auch mir kam frueher einmal dieser erste, schlichte Zweifel.
  2. Zweifel. Gott existierte einst, aber er ist in der Zwischenzeit verstorben oder jemand anders hat ihn schon frueher getoetet. Das er nicht sterblich ist – auch in sehr grossen Zeitmassstaeben, ist sehr wahrscheinlich, sonst waere er nicht der allmaechtige Gott. Aber natuerlich besitzt er in seiner unendlichen Freiheit auch die Freiheit, seine Existenz selbst zu beenden wenn er dies moechte. Hat er dies getan? Oder war es jemand anders? Das erinnert mich an das was Friedrich Nietzsche in seiner Froehlichen Wissenschaft schrieb: „[..] Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller Mörder?“ Welche Maechte oder wer genau es getan haben koennte, diese Frage beantwortet Nietzsche jedoch nicht. Wir alle sollen es irgendwie gemeinsam getan haben mit unserer Abkehr von der Religion hin zu den Geistes- und Naturwissenschaften. Diese Erklaerung erscheint mir unzureichend. Ich will wissen, wer es genau war, der den Dolch ansetzte, sonst kann ich es nicht glauben. Meine Urgrosseltern waren auf jeden Fall nicht dabei, denn die waren soweit ich weiss gottesfuerchtig, also koennen es schon nicht alle Menschen gemeinsam gewesen sein. Und die Wissenschaftler? Die meisten Wissenschaftler – zumindest die meisten Naturwissenschaftler, die ich je dazu gehoert habe, sind eher glaeubige Menschen als Atheisten gewesen, gerade weil sie Wissenschaftler waren. Wer einmal geforscht hat, erkennt dass es wunderschoene universelle Prinzipien auf der einen Seite und unerklaerbares und unentdeckbaresauf der anderen Seite gibt. Denken Sie z.B. an den Lichtkegel der speziellen Relativitaetstheorie, oder das Unschaerfeprinzip der Quantenmechanik oder den Ereignishorizont der Schwarzen Sterne. Man wird genau so zu einem strengen Kritiker auf der einen wie zu einem ehrfuerchtigen Glaeubigen auf der anderen Seite, wenn man die Welt erforscht.
  3. Zweifel. Gott ist ganz woanders aber nicht in unserer Welt. Vielleicht suchen wir ja einfach in der falschen Weltblase, im falschen Lichtkegel? Vielleicht sind wir hier wirklich ganz einsam und allein und Gott hat es sich in einer anderen Welt gemuetlich gemacht. Vielleicht sitzt er dort als Schoepfergott und baut eine Welt nach der anderen, aber jede dieser Welten ist an sich gottlos, wenn er sie denn wie ein Schiff ohne Steuermann entweder chaotisch oder programmiert auf das Weltmeer seines Multiversums entlaesst.
  4. Zweifel. Gott hoert uns nicht. Vielleicht hat er gar kein dem Ohr aehnliches Sinnesorgan? Oder einfach kein Empfangsgeraet? Oder unser Sender, in den wir sprechen ist irgendwann ausgefallen, und wir haben es nicht gemerkt, weil wir den Sender nicht kennen? Dann reden wir gegen eine Wand und niemand hoert uns zu.
  5. Zweifel. Gott versteht uns nicht. Er kann uns zwaer hoeren, aber er versteht unsere Sprache nicht. Vielleicht ist er doch so sehr von uns verschieden, dass er uns gar nicht verstehen kann, und die Aehnlichkeit, wie die Bibel sie erwaehnt, ist aus Wunschdenken heraus uebertrieben. Vielleicht ist es so, als wollte ein Oktopus zu uns sprechen. Dann waere der Oktopus an unserer Stelle und wir in der Rolle Gottes. Oktopoden sind sehr intelligente Tiere, aber sollten sie eine einfache Sprache untereinander besitzen, so verstehen wir sie bis heute nicht, weil sie uns gegenueber sehr fremdartig sind mit ihren acht Beinen, die sich am Kopf statt am Rumpf befinden. Wir wuerden es wahrscheinlich gar nicht bemerken, wenn ein Oktopus versuchte, mit uns Kontakt aufzunehmen. Das mit den Oktopoden ist aber nicht wirklich ernst gemeint und nur ein Gedankenspiel, um bildlich darzustellen, was ich meine.
  6. Zweifel. Gott existiert immer noch, ist ueberall, hoert alles und versteht uns gut, aber wir interessieren ihn nicht. Er ignoriert uns wahrscheinlich wegen unserer hoffnungslosen Bedeutungslosigkeit. Dann haetten wir uns offensichtlich bisher selbst fuer viel zu wichtig genommen. Diese Meinung ist wie der schlichte Atheismus heute sehr verbreitet und viele Menschen erklaeren sich damit das Leid und Elend auf der Welt. Der Junge, den ich kannte, ging ja implizit auch davon aus, als er erzaehlte, er wuerde sich vorbereiten und Gott aufspueren. Er war durch seine Blasphemie sozusagen im Schnellverfahren bis zum 6. Zweifel vorgedrungen. Das Gott sich nicht fuer ihn interessierte und sich ihm nicht zeigte, machte ihn nur noch wuetender und liess ihn Gott noch mehr verfluchen. Also war der Junge offensichtlich kein Atheist, eher ein tiefglaeubiger junger Mensch. War er ein Haeretiker oder ein Ketzer? Kann ein kleines Kind ueberhaupt ein Ketzer sein? Oder war ich vielleicht dem Leibhaftigen, dem Unausprechlichen begegnet? Nein, dafuer haette er ein maechtiger Engel sein muessen und kein kleiner, schwacher Mensch. Gibt es neben dem gefallenen Engel auch den gefallenen Menschen? Wenn der Junge eine den goettlichen Heerscharen vergleichbare Streitmacht zusammenbraechte und damit Gott irgendwo aufspuerte, koennte Gott ihn nicht mehr ignorieren und muesste sich zeigen. Auch, wenn er uns nicht verstuende, oder nicht hoerte, die Sprache der Bedrohung durch einen Krieg wuerde er sicherlich verstehen und dann darauf dementsprechend antworten. Das bedeutet, seine Ignoranz aufgrund unserer Unbedeutendheit koennte nicht ewig anhalten, weil die Macht der Menschen weiter waechst. Dies entkraeftet den 6. Zweifel letztendlich und fuehrt zum letzten, zum 7. Zweifel.
  7. Zweifel. Gott hat gar nicht vor, den Jungen zu bestrafen und erwartet ihn und seine Verbuendeten. Es koennte ja auch sein, dass die Auflehnung gegen Gott an sich die Quelle jedes Bestrebens, jeder Groesse und Macht ist. So etwas habe ich schon mal irgendwo gehoert. War es nicht auch beim Abendlandkritiker Nietzsche, in seinem Zarathustra: „Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass der Übermensch lebe“ ? In der Bibel gibt es die Geschichte der sinnlosen jahrelangen Folterungen Hiobs durch Gott, um seinen Glauben unter Beweis zu stellen. Der gefallene Engel hatte kurz vorher in einem Gespraech mit Gott behauptet, dass der Mensch Gott nur so lange verehrte, so lange Gott gut zu ihm sei. Hiob muss deshalb schlimme Krankheiten und den Tod seiner Kinder durch Gott erfahren. Als er am Ende seiner Kraft ist, begehrt Hiob einmal kurz auf. Aber diese Stelle ist der Wendepunkt allen Glaubens, wenn man ihn zu Ende denkt. Mancher bezeichnet daher das Buch Hiob als „virulent“. Die Bibel macht hier einen glatten Rueckzieher. Hiob laesst sich von den strengen Worten Gottes ueber Hiobs Unwissenheit gegenueber kosmischen Dimensionen beeindrucken („Wo warst du, als ich die Erde gründete? Teile es mit, wenn du Einsicht kennst!“) und haelt ein, er waechst nicht ueber sich hinaus, er bleibt Mensch und wird dafuer von Gott belohnt. Es soll an dieser Stelle gezeigt werden, dass die Kritik des gefallenen ehemaligen Generals Gottes unberechtigt ist. Zu einem Kriegsplan, wie der Mensch Gott und seinen Heerscharen entgegentreten koenne, kam es in der Bibel also nicht. Der Junge, den ich kannte, ist mit seinen Gedanken diesen Pfad ganz alleine gegangen und plante von sich aus einen Krieg gegen Gott. Die allgegenwaertige Ungerechtigkeit Gottes und das Aufstreben einer naiven Intelligenz, dieser anscheinenden Ungerechtigkeit kriegerisch zu begegnen, war in Erinnerung an den Jungen der Ausgangspunkt meiner Gedanken. Zweifelnd stellte sich mir nun aber auch die logisch gegenteilige Frage, ob dieses Aufbegehren vielleicht zum goettlichen Plan gehoeren koennte? Dann wuerde sich mein siebenter Zweifel umkehren in eine Gewissheit, das es Gott gibt. Der Junge haette diesen Gedanken des Aufbegehrens nur deshalb, weil er ihn haben darf, weil dieses Denken mit zum Gesamtplan gehoerte. Wuerden seine Gedanken nicht dazugehoeren, duerfte der Junge sie nicht haben, und Gott haette ihn und moegliche Zeugen (auch mich damals als Kind auf der Schaukel) sofort vernichtet und niemand haette je davon erfahren. Oder er haette dafuer gesorgt, dass solche Gedanken nicht im menschlichen Geist entstehen koennen, oder er wuerde denkende und aufbegehrende Menschen wie den Jungen gar nicht erst entstehen lassen. Aber er laesst es anscheinend trotzdem zu. Das wuerde natuerlich verwirrenderweise bedeuten, in Gottes Plan waere moeglicherweise eine Abloesung Gottes durch den Menschen vorgesehen und Gott waere ein ganz anderer Gott als wir dachten. Mehr ein Vater, der sein Kind mit Absicht wild und morallos aufwachsen laesst, bis es ihn irgendwann von seinem eigenen Land mit Gewalt ohne auf Widerstand zu treffen vertreibt. Aber warum? Das waere wohl die letzte aller Fragen. Aber vielleicht kommt es gar nicht zu dieser Frage, weil er uns nur erwartet, um uns dann mit seiner Allmacht ueberlegen zu schlagen, entweder um uns zu vernichten oder uns in unsere Schranken zu weisen. Wenn wir ihm aber in einer fernen Zukunft ebenbuertig wuerden – als sein Abbild – dann koennte es sein, dass er selber den Ausgang nicht kennt, aber sich mit uns zu messen gewillt ist, und die Basis eines neuen Vertrages vom Kriegsverlauf abhaengig macht. Der siebente Zweifel, was geschieht, wenn Gott dem furchtlosen Menschen gegenuebertritt, und die moeglichen drei Ausgaenge – die Vernichtung des Menschen, die Vertreibung Gottes oder eine neue Vertragsschliessung – das ist der letzte aller Zweifel, weil er durch seine Radikalitaet jeden Zweifel in absolute Gewissheit umkehrt.

Vielleicht brauche ich aber auch gar nicht zweifeln, weil der Junge laengst bestraft wurde oder bald bestraft wird. Vielleicht ist ja auch einfach der natuerliche Tod die Strafe, die wir schon prophylaktisch von Geburt an mitbekommen, dann haben wir alle soviel Gotteslaesterei und Frevel gut, wie wir wollen, denn wir werden eh am Ende vom alten Schnitter, Gevatter Tod, boese abgestraft. Ob wir im Leben gut sind oder nicht, spielt dabei ueberhaupt keine Rolle. Wenn das so waere, dann haette aber der Junge wiederum voellig recht mit seiner Wut ueber die Ungerechtigkeit. Vielleicht bestraft aber Gott grundsaetzlich nicht und laesst jeden Frevel zu, das wuerde, wenn der Mensch einst ueber genuegend Macht verfuegte, wieder im 7. Zweifel enden. Jeder Zweifel endet in letzter Konsequenz im 7. Zweifel, wenn wir Gott suchen und finden. Der Mensch wird nach vielen Jahrtausenden grossen Leids wahrscheinlich sehr wuetend auf seinen Gott sein, wenn er ihm begegnet. Der 7. Zweifel bedeutet (zumindest theologisch) das Ende der Welt wie wir sie kennen und eine neue Epoche entweder nachweislich ohne Gott oder nachweislich ohne Mensch oder mit einem neuen Vertrag zwischen Mensch und Gott. Wenn man darueber einmal gruendlich nachdenkt, liegt das Ergebnis auf der Hand: entweder es gaebe uns gar nicht, oder es muss einen laufenden Vertrag geben, oder es gaebe Gott nicht und wir haetten diese Welt selbst erschaffen („Wo warst du, als ich die Erde gründete? Teile es mit, wenn du Einsicht kennst!“)

Verbrennung der Tempelritter

Im Mitteltalter bis hin zur Neuzeit zwischen dem 13. und 18. Jahrhundert hat die katholische Kirche ihre Inquisitionsgerichte berufen, um den Gedanken des Aufbegehrens des Menschen gegen Gott mit drastischer Gewalt zu bekaempfen. Oft waren derlei Anschuldigungen der Ketzerei jedoch nur Vorwaende, um die eigentlichen politischen oder familiaeren Gruende fuer die Folterung oder Exekution zu verschleiern. Wirkliche theologische Aufbegehrer waren nur sehr selten dabei. Martin Luther haette so aufgrund seiner Kritik am Ablasshandel enden koennen – obwohl er ansonsten ein gottesfuerchtiger Mann war, wenn er keinen weltlich, politischen Schutz genossen haette. Ob sie wohl auch einen zwoelfjaehrigen lieben Jungen wegen seiner aufruehrerischen religioesen Aeusserungen gefoltert haetten? In vielen Laendern der Erde werden aber auch heute noch Menschen wegen Gotteslaesterei gefoltert oder getoetet. Auch hier ist die Anschuldigung wahrscheinlich meist nur der Vorwand, der Nachbarn, Freunde und selbst Angehoerige ueberzeugt. Eine diffuse, grosse Furcht vor den letzten Fragen scheint nach wie vor so tief zu sitzen, dass man einer schnellen Beseitigung der womoeglichen Bewusstseinsaufruehrer gerne zustimmt.

Ein Sprung aus dem Mittelalter in die ferne Zukunft: Der Physikprofessor und Transhumanist Frank J. Tipler hat Anfang der Neunziger Jahre mit seinen kosmologischen Theorien darauf hingewiesen, dass es die aus der Menschheit hervorgehenden artifiziellen Lebewesen sein koennten, die das Paradies und die Auferstehung der Toten technisch realisieren wuerden. Damit waere Gott weder nichtexistent noch tot, er waere stattdessen gerade im Entstehen. Wir wuerden ihn mit Hilfe unserer Maschinen erschaffen. Diese Maschinen wuerden uns einst abloesen und wiederum eine Gottmaschine oder Gott aus der Maschine erschaffen. Die Transhumanisten wuerden aber den Maschinencharakter ihres Gottes nicht fuer besonders erwaehnenswert halten, weil sie eh alles als Maschine sehen: den Kosmos, die Planeten, die Pflanzen, die Tiere. Und sie sehen auch sich selbst, den Menschen, als Maschine: als eine biologische, unperfekte Maschine, die es gegen eine perfekte Maschine zu ersetzen gilt. Dieser Geist aus der Maschine, der Gott der Transhumanisten, wuerde uns dann wieder als perfekte Maschinenwesen auferstehen lassen und uns ewiges Leben schenken. Diese Theorie wurde in theologischen Kreisen damals intensiv diskutiert. Da Tipler grundsaetzlich versuchte, sich in seinen Schriften an bereits vorhandenes physikalisches Wissen zu halten, galt seine Schrift bei einigen als Hinweis, dass es das Paradies und das ewige Leben – woran die Christen glauben – tatsaechlich geben koennte. Schliesslich hatte der Physiker Tipler in seinem Buch ja eine Art Bauanleitung fuer das Maschinenparadies eines Maschinengottes geliefert. Wenn Tipler recht haette, wuerde der erwaehnte 7. Zweifel also somit entweder zur endgueltigen Zerstoerung der Maschine durch das Aufbegehren des Menschen gegen diesen Gott fuehren oder zu einer endgueltigen Zerstoerung des Menschen durch die Maschine oder einem Vertrag. Ich hoffe natuerlich, dass Tipler Unrecht hat. Und eigentlich kann ich mit dem ganzen Transhumanismus gerade wegen seiner ausgepraegten Menschenverachtung nur aeusserst wenig anfangen (eine gewisse Freude an der Selbsterniedrigung ist hier wohl mit im Spiel), aber ich finde Tiplers Ideen trotzdem wenigstens philosophisch oder theologisch interessant und in diesem Zusammenhang einmal erwaehnenswert. Jedoch muss ich eine heimliche Freude, das der 7. Zweifel konsequenterweise genauso zu einer Zerstoerung dieses Maschinenparadieses und einer Welt ohne Maschinengott fuehren kann, eingestehen.

Den letzten Satz finde ich interessant, weil er dem groessten aller Frevel, der denkbar letzten, der ultimativen Straftat im Kosmos, dem Mord aller Morde tatsaechlich etwas Gutes abgewinnt. Es zeigt sich immer wieder, selbst bei den letzten Fragen: das Boese oder Gute an sich existiert so nicht. Es bedarf einer ethischen Definition. Die meisten Dinge haben mehrere Betrachtungsweisen. Welches dieser Gesichter ein gutes, welches ein boeses ist, koennen wir uns fast aussuchen. Waere es nicht etwas Gutes, einen selbst erschaffenen Gott aus der Maschine zu vertreiben um sich von ihm zu befreien? Der Transhumanismus macht den Gottesmord tatsaechlich zur Heldentat. Es ist unfassbar.

Noch ein paar Worte zu den Transhumanisten: Auch wenn sie es sich immer wieder aus der philosphischen Gleichschaltung von Natur und Technik – Lebewesen und Maschinen – induktiv herleiten und betonen, ihr Maschinengott waere kein anderer als der Eine und Einzige. Ich will es nicht glauben und ich bezweifle ihren grundlegenden Ausgangspunkt ihrer Ueberlegung genauso wie Weizenbaum dies tat. Sie sehen die gesamte Welt als Maschine und selbst Gott als solche, weil sie jeden Tag ueber Maschinen nachdenken. Die Gedanken eines jeden Menschen werden in gewisser Form von seinen Werkzeugen determiniert. Wer immer nur am Computer arbeitet, sieht die Welt irgendwann als Computer, wer immer nur Buecher liest, sieht die Welt irgendwann als Bibliothek. Weizenbaum hat in einer seiner Publikationen besonders gut erklaert, warum diese Projektion auf die Umwelt beim Umgang mit Computern aber ganz besonders stark und auch psychologisch auffaellig auftritt. Weil die Computernutzer ihren eingeschraenkten Geisteshorizont nur noch schwer verlassen koennen, erweitern sie sich diesen nun einseitig bis hin zu ihrem eigenen Paradies und ihrem eigenen Gott. Mit der Realitaet hat dies wahrscheinlich absolut gar nichts zu tun. Hoffe ich – ansonsten wuerde ich mich dem Jungen von damals wohl anschliessen muessen.

Manche modernen Menschen halten es fuer angebracht, ihre Gottesfurcht abzulegen und sich ueber alles religioese lustig zu machen. Damit zeigen sie nur, wie wenig nachgedacht sie haben. Wenn ich ernsthaft und logisch-richtig an Gott zweifele, dann waechst meine Furcht mit jedem Zweifel und am Ende bekomme ich Angst vor mir selbst. Siehe da, der Mensch. Ich wuensche mir sehr, es gaebe einen heiligen, guten Vater, denn wenn nicht, haette dies Konsequenzen. Wer nach den Grundfesten dieser Welt fragt, wird Furcht empfinden.

Der Transhumanismus als konsequenteste und den heutigen Menschen geringschaetzendste Auslegung des Naturalismus vertritt den kosmologischen Standpunkt des sogenannten Omegapunktes wo das Ende und der Anfang der Zeit sich beruehren. So wie die Transhumanisten glauben, die Maschine, das Werk der biologischen Maschine Mensch, wird zu Gott aus der Maschine, so glauben sie letztendlich, die Maschine, das Werk des Menschen (der wiederum das Werk der Maschine Natur ist, die das Werk der Maschine Gott ist) wird (und hat dadurch bereits) das Universum erschaffen. Ich versuche einmal eine praegnante Kurzfassung dieses Weltbildes einiger heutiger Computerwissenschaftler: der Mensch soll zu Gott werden und gehoert daher abgeschafft. Die klassischen Humanisten sowie die Neuhumanisten und deren geistige Nachfahren die Stellaroekologen, die den Naturalismus der heutigen politisch-philosophischen Oekologen ueberwunden haben, wuerden eine solche Anmassung auf der einen Seite und Menschenverachtung auf der anderen niemals akzeptieren, und muessen daher aus reiner Logik (ich habe den schmerzlichen Gedankengang dorthin in diesem Text hergeleitet), weil sie nicht glauben koennen, dass der Mensch der Schoepfer des Universums war und wird, ob sie es wollen oder nicht, annehmen, dass ein Vertrag mit Gott existiert, und dass uns darin wahrscheinlich eine konstruktive und positive Aufgabe im Wunderwerk Kosmos zugewiesen ist, die es zu erkennen gilt.

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

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