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Mein Mitschueler aus dem Neandertal

– je seltener ein Mensch, je wertvoller ist er

Neulich sah ich in der Tagespresse die Abbildung einer sehr schoenen Rekonstruktion einer moeglichen Neandertalerin. Sie hatte rotes Haar und weisse Haut mit Sommersprossen und wirkte Nordeuropaeern durch ihren hellhaeutigen Typ in gewisser Weise noch verwandter als andere Darstellungen von Neandertalern. Wie so oft bei solchen Darstellungen war sie aber von oben bis unten mit Dreck beschmiert und mit verklebtem, verlaustem Haar dargestellt [1]. Ich fragte mich: Warum werden fruehere Menschen oft so praesentiert, als haetten sie sich nie ihr Haar gekaemmt und ihr Gesicht gewaschen? Warum spricht man ihnen oft ihre Selbstreflexion, ihr Schoenheitsempfinden, ja, ihre Menschlichkeit ab?

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Szene aus dem Film Ao – der letzte Neandertaler, Quelle [2]

Das widerspricht doch allen anderen Erkenntnissen ueber Gemeinschaft, Rituale und den Totenkult der Neandertaler, die man ueber diese Menschenrasse bis heute gesammelt hat. Ein Neandertaler muss anscheinend einfach schoen dreckig sein, damit man ihn von uns unterscheiden kann. Die Ueberheblichkeit unerzogener Kinder gegenueber Alten ist das – im besten Fall..

Man kann es aber auch als eine kompensierte Form von Rassismus interpretieren, wenn man schon in unserer Zeit auf der Strasse keine Mitbewohner seiner Stadt wegen ihrer Andersartigkeit beschimpfen darf, ohne dafuer bestraft zu werden, dann kann man zum Ausgleich wenigstens Neandertaler wie verlauste Toelpel, die sich mit Dreck beschmieren, praesentieren. Es ist die selbe Intention, der selbe Antrieb, nur dass sie sich die Neandertaler auf einer anderen zeitlichen Linie befinden und davon zum Glueck nichts erfahren. Menschen brauchen wahrscheinlich menschliche Zielscheiben, auf die sie ihre Steine werfen koennen, um sich emotional abzureagieren, am besten Fremde und Minderheiten – als Weg des geringsten Widerstandes, und wenn man ihnen dies unter Durchsetzung von Strafen verbietet, dann suchen sie sich einen Ersatz – und wenn sie nichts anderes finden dann eben Gummipuppen von Fruehmenschen im Museum. Wenn Sie jetzt glauben, ich uebertreibe, lesen Sie weiter, und ich werde Ihnen von meinen eigenen Erlebnissen mit dem wirklichen Nachfahren eines Neandertalers erzaehlen.

Grosseltern oder Fremde?

Die bisherigen Theorien ueber die Neandertaler sagten aus, dass diese irgendwann ausgestorben seien. So wird es auch in den Schulen gelehrt. Es gibt unterschiedliche Erklaerungsversuche, warum die Neandertaler ausgestorben sein sollen. Die gaengigste ist die angenommene Unfruchtbarkeit von interkulturellen (engl. interracial) Beziehungen zwischen Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis. Als ich als Junge in der Schule von dieser Theorie hoerte, wusste ich sofort, dass sie falsch war. Ich kannte damals persoenlich einen offensichtlichen Nachfahren der Neandertaler, und daher konnten sie nicht ausgestorben sein. Das meine ich keineswegs als ironischen Scherz.

Schon in der Schule habe ich jede Art von Versuch der Formung des Verstandes durch die Umwelt geradezu allergisch abgelehnt, ich wollte mir immer meine Ideen, meine Aufgeschlossenheit und meine klaren Sinne bewahren, ich wollte ein Kind bleiben und fuer immer spielen, und ich war dabei sehr, sehr stur. Das es im Grunde eine Verweigerung war, so zu werden wie die Erwachsenen, was mich anders reagieren liess, ist mir erst mit der Zeit klar geworden und vielleicht liesse es sich noch besser in Worte formen, wenn man Psychologe oder Soziologe waere. Damals als Kind war mein Verhalten aus eigenem Antrieb natuerlich wie bei allen Kindern zum groessten Teil instinktiv. Ich bewahrte mir meine geistige Freiheit, wenn es sein musste mit totaler Verweigerung oder genauso mit ueberdurchschnittlicher Leistung, die alle Anderen in den Schatten stellte, je nachdem was gerade der Weg des geringsten Widerstandes war. Seit meinem dreizehnten Lebensjahr habe ich aus bestimmten Gruenden grundsaetzlich immer und alles auf seine Plausibilitaet hinterfragt. Vor allem die Kompetenz meiner Lehrer und die Qualitaet meiner Schulbuecher. Ich (ur-)vertraute ihnen weniger als einer Diebesbande.

Bei dem Schulthema Neandertaler war es eines Tages speziell die Frage des Aussterbens dieses Menschentyps, die mich zweifeln liess. Die gaengigen Schulbuchtheorien erschienen mir 1983 im Alter von 15 Jahren als aeusserst unwahrscheinlich, denn ich kannte damals einen Jungen meines Alters, der hatte folgende phaenotypische Merkmale:

  • wulstige Augenknochen
  • fliehende Stirn
  • massiges Kinn
  • grosse Zaehne
  • breite grosse Nase
  • kleine Ohren
  • einen muskuloesen, kraeftigen Koerperbau
  • eher klein als gross

Er sah ganz genau so aus, wie die Menschen, die in Rekonstruktionen in Zeitschriften und Schulbuechern unter der Bezeichnung Neandertaler gefuehrt wurden und uns als andere Menschenrasse vorgestellt wurden, die ausgestorben sei, und mit der wir Jetztmenschen keine Blutsverwandtschaft haetten. Dass die Rekonstruktionen anhand der Schaedel und Skelette handwerklich so gut es ueberhaupt ging, durchgefuehrt waren, davon ging ich aus. Aber die philosophisch-theoretischen Interpretationen daraus gefielen mir instinktiv nicht, und ich witterte Ueberheblichkeit. Ich dachte einfach aufgeschlossen und ganz logisch: wenn der Junge, den ich kenne, aussieht, wie ein Neandertaler, was ist wahrscheinlicher – dass die Natur, den selben Menschentyp wieder einmal zufaelligerweise erzeugt, oder dass die Neandertaler sich doch mit uns vermischt haben, dass wir in irgend einer Form Nachfahren von ihnen sind?

Zweites erschien mir wesentlich logischer, wahrscheinlicher und plausibler. Ich war damals 15 Jahre alt und wusste, dass in den Schulbuechern zu diesem einen Punkt wahrscheinlich voelliger Unsinn stand. In einer Pruefung schrieb ich meine Meinung als Antwort zu dieser Frage auf und bekam dafuer natuerlich als einziger Null Punkte, aber das war mir egal, denn ich wollte ja keinen wissenschaftlichen Humbug niederschreiben, nur um dafuer belohnt zu werden. Nach diesem Prinzip bin ich bis heute vorgegangen. Die Intuition, die Logik, die Mathematik und die Wahrscheinlichkeit stehen vor dem Konsens. So funktioniert Wissenschaft. Schulwissen und Bildung sind das Gegenteil von Wissenschaft. Wissen ist Statik, Wissenschaft ist Dynamik. Wir brauchen beides. Mit Wissenschaft finden wir die Wahrheit indem wir Neues entdecken und unser altes Wissen staendig auf seine Richtigkeit hinterfragen, um eine stabile Wissensbasis zu gewaehrleisten. Wissen bewahrt unsere frueheren Erkenntnisse nur auf. Im Zweifel natuerlich fuer die empirische Wissenschaft und gegen das althergebrachte Wissen – aufgrund ihrer Weiterentwicklung – alles andere waere dumm.

Dass sich dann viele Hochgebildete als nicht mehr so schlau vorkommen, wenn sich Kernpunkte ihres Wissens als falsch herausstellen: Pech fuer sie! Aber neues oder validiertes Wissen setzt sich tatsaechlich fuer gewoehnlich immer durch, denn niemand lebt ja fuer immer und kann die Veraenderung fuer alle Zeit blockieren. Daher koennten die Bewahrer von Wissen gegebenenfalls auch gleich zugeben, dass ihr Wissen veraltet ist. Aber es geht ihnen natuerlich weniger um die Wahrheit als um Status, Position und Macht. Da nimmt man gerne auch mal die Unwahrheit in Kauf, schon allein fuer die Finanzierung des Studiums der eigenen Kinder. Jedem so, wie er es braucht. Ich zum Beispiel brauche die objektive, vorurteilsfreie Wahrheitsfindung, sonst fuehle ich mich nicht wohl, lieber opfere ich alles andere dafuer. Ich bin dafuer natuerlich von manch einem des oefteren kritisiert worden und meine berufliche Karriere war eher steinig als aalglatt. Oft verursacht die Wahrheitsfindung naemlich grosse Schmerzen, nicht nur bei den anderen, natuerlich auch bei mir hier und da. Es gibt zum Beispiel einige Artikel in diesem Blog, die sehr schmerzhaft fuer mich waren, weil ich beim Nachdenken und Aufschreiben selbst meine Meinung aufgrund ueberzeugender logischer Verkettungen grundsaetzlich revidieren musste [3][4][5]. Deshalb bin ich auch ueberhaupt kein Wahrheitsfanatiker: Wahrheit tut oft weh und endgueltig richtig ist sie nie, sie ist staendig in Bewegung und ihre Findung ist daher eine Sysiphosarbeit. Ich kann sie eigentlich nicht ausstehen. Aber das Erahnen von vertanen Chancen, unentdeckten Erleichterungen, unnoetiger Ziel- und Sinnlosigkeit verursacht bei mir einfach das groessere und langfristigere Unwohlsein als unangenehme Wahrheiten.

Und so fand ich mich mit 15 Jahren aufgrund der genauen Betrachtung meines Schulkameraden, dem Wissen um die haeufige phaenotypische Manifestation der Allele und einer einfachen Wahrscheinlichkeitsabschaetzung damit ab, dass die Neandertaler hoechstwahrscheinlich keine ausgestorbenen Fremden, sondern unsere Vorfahren waren. War solch ein Denken unwissenschaftlich, weil die Veroeffentlichungen, Kongresse, Forschungsauftraege fehlten? Nein, ich wollte ja niemanden ueberzeugen, es war einzig und allein mein persoenliches, einfach begruendetes, aber fundiertes, auf Beobachtung beruhendes Extrapolieren von Wissen, dem ich traute, anderes Wissen ersetzend, dem ich misstraute. Und wenn man mich zu dem Thema fragte, beantwortet ich von da an die Frage genau so und niemals anders: „Die Neandertaler sind nicht ausgestorben, sie sind in uns, und wir sind auch ihre Nachfahren. Dies ist bei verschiedenen Menschen mehr oder weniger ausgepraegt.“

Ich wusste einfach, dass ich in diesem Punkt recht hatte, und mein Schulbuch und mein Biologielehrer nicht. Und natuerlich alle anderen Schueler aus der ganzen Schule und aus allen Schulen in meinem Land auch nicht. Schliesslich hatten sie die selben Schulbuecher und gleich ausgebildeten Biologielehrer, die an den selben Hochschulen mit den selben Schulbuechern fuer Lehrer ausgebildet worden waren. Mir wurde tief bewusst, wie einfach es ist, offensichtlich voellig falsches Wissen zu verbreiten, wenn es einmal in Lehrbuechern steht, unabhaengig davon ob ich nun mit meiner Theorie ueber die neandertalische Herkunft meines Mitschuelers Recht hatte oder nicht.

Von da an interessierte ich mich fuer Anthropologie und insbesondere Palaeoanthropologie, und bald erfuhr ich, dass es tatsaechlich eine alternative Theorie zur Schulbuchtheorie vom Aussterben der Neandertaler gab, wonach die Neandertaler keineswegs ausgestorben waeren, sondern sich mit uns vermischt haetten. Na, also, ich war also schon mal nicht allein auf der Welt mit meiner privaten wissenschaftlichen Theorie. Das war ein schoenes Gefuehl. Ich erfuhr auch, dass die Standardtheorie, die in den Schulbuechern stand, und die daher alle „wussten“, genauso unbewiesen war wie die Vermischungstheorie. Das bedeutete, dass meine Theorie sogar gleichberechtigt war mit der im Schulbuch. Oh, nun haette ich aber gerne eine bessere Note in dem alten Biologietest gefordert! Leider lag dieser aber schon wieder 10 Jahre zurueck. Und ehrlich gesagt, das meinte ich gerade nicht sehr ernst mit der Note, denn Noten waren mir mittlerweile voellig egal. Ich hatte schon von allen Noten, die es ueberhaupt gab so viele gehabt.. Und ich hatte in meinem Leben laengst bemerkt, dass die Menschen, die mich interessierten, sicherlich einen anderen Menschen niemals nach Nummern oder Ziffern beurteilen wuerden. Ich nutzte meine Noten mittlerweile fuer die gegenteilige Selektion: mit jemandem, der mich wegen meiner sehr guten Noten an der Universitaet haben, oder wegen meiner Fuenfen und Sechsen an der Mittelschule nicht haben wollte, so jemandem wollte ich lieber aus dem Wege gehen und eher unwahrscheinlich mit ihm zusammenarbeiten wollen, weil mein erster Eindruck von ihm als ein aeusserst beschraenkter, maschinell denkender Mitmensch sein koennte.

Aber es war nun auch klar: die Vermischungstheorie haette gute Karten, bewiesen zu werden, wenn man irgendwo praehistorisches noch erhaltenes genetisches Material von den Neandertalern finden und mit dem heutigen Genom des Jetztmenschen vergleichen koennte. Und so geschah es. Ich wurde kein Genetiker, nur Ingenieur. Aber die Vermischungstheorie wurde 2009 von einem Team von Genetikern und Biotechnikern am Max-Planck-Institut fuer evolutionaere Anthropologie um den daenischen Wissenschaftler Svante Paeaebo bestaetigt. In einem Fernsehfilm habe ich ihn oder einen anderen vergleichbaren Experten im selben Film zu dem Thema ungefaehr sagen hoeren: „ich bin in meinem Leben schon oefter Neandertalern begegnet, Sie nicht?“ Die Quelle habe ich nicht mehr gefunden, aber was ich mir gemerkt habe: einer dieser hochangesehenen Experten fuer Humangenetik und Palaeoanthropologie meinte dies weniger ironisch als wortwoertlich (auf jeden Fall ein schlaues Wortspiel ab heute) und hatte wohl einst die selben Gedankengaenge wie ich als Junge, ein Erstaunen und Zweifeln, wie es sein kann, dass es Menschen um uns herum gibt, die so sehr den Rekonstruktionen von Neandertalern gleichen?

Demnach unterscheidet sich nach dem Letzten Stand der Palaeogenetik das Genom des Neandertalers von dem des Jetztmenschen um weniger als 0,5% [6][7]. Eine Studie aus diesem Bereich betont „die Tatsache, dass die Neandertaler innerhalb der Variationsbreite der modernen Menschen liegen“ [8, S. 713]. Das heisst, die heutigen Menschenrassen sind teilweise genetisch entfernter voneinander gelegen als der Neandertaler zu ihnen! Das geschaetzte Ausmass des Genflusses vom Neandertaler zum Jetztmenschen betraegt zwischen einem und vier Prozent ausser bei Afrikanern [8, S. 721]. Das heisst, alle heutigen Menschrassen ausser die Schwarzafrikaner stammen auch vom Neandertaler ab. Erstaunt waren die Wissenschaftler darueber, dass auch die Asiaten aehnlich mit dem Neandertaler verwandt sind wie die Europaer, obwohl man in Asien bisher keine Fossilien, die die Vermischungshypothese stuetzten, gefunden hatte. Aber die gemessenen DNA-Sequenzen sind natuerlich der unumgaengliche, jederzeit wiederholbare Beweis.

Viele Wissenschaftler streuben sich noch gegen diese neuen Erkenntnisse. Sie suchen nach alternativen Erklaerungsmodellen und zweifeln die Messergebnisse an. Ich erkenne dreierlei Motivation fuer diese Reaktion:

  1. grundsaetzliche Kritik und Misstrauen gegen jede neue Erkenntnis. Das ist voellig in Ordnung. Mit der Zeit und weiteren bestaetigenden Messungen wird dieses Misstrauen auch bei den kritischsten Wissenschaftlern, die dem Wahrheitsfindungsprinzip verbunden sind, vergehen.
  2. eine grundsaetzliche Ablehnung jeglicher genetischer Erkenntnisse, die Unterschiede zwischen den Menschenrassen belegen; aus einer Angst heraus, diese Ergebnisse koennten eine rassistische Denkweise untermauern. Ich finde diese Ansicht lobenswert aber falsch. Rassismus hat mit den Unterschieden der Rassen an sich sicherlich nichts zu tun, er spielt diese jedoch in einer polarisierenden und elitaeren Sichtweise aus, egal ob es sich dabei um Weissrassisten, Schwarzrassisten, Antisemiten oder welcher rassistischer Ausrichtung auch immer handelt. Ich habe mich in meinem Leben zumindest mit Vertretern der genannten drei Ausrichtungen unterhalten und sie konnten mich nicht ueberzeugen.
  3. aus einer gewissen Ueberheblichkeit heraus, der Jetztmensch wuerde gegenueber frueheren Menschen entweder ueberlegen oder grundsaetzlich weiterentwickelt sein. Erstens gibt es nur einen schmalen zeitlichen Graben, der diesen Punkt vom letzten unterscheidet, und ich wuerde dies Art von Ueberheblichkeit als gleichwertigen Rassismus einstufen. Zweitens ist eine solche Sichtweise nicht haltbar, wenn die „Primitiven“ ploetzlich die eigenen Grosseltern sind, sonst waere man ja selber einer – daher die massive Ablehnung.

Aus allen genannten Gruenden wird es noch mindestens eine Menschengeneration brauchen, bis die wissenschaftliche Tatsache, dass wir alle ausser den Schwarzafrikanern zum Teil Neandertaler sind, Einzug in die Schulbuecher findet. Es wird also noch Jahrzehnte lang Menschen geben, die glauben die Neandertaler waeren ausgestorben und wahrscheinlich immer Menschen geben, die sich ueber Urzeitmenschen lustig machen werden. Na, ja, was solls.. Eigentlich freue ich mich schon auf die lustigen Sticheleien, die ich in Zukunft von meinen schwarzen Mitbuergern zu hoeren bekommen werde, wenn eine Diskussion mal hitziger wird. „Selber Neandertaler!“, wird diesmal nicht mehr funktionieren, ich muss mir etwas neues einfallen lassen.

Alter und junger Neandertaler, Quelle [11]

Kunst und Kultur

Bei einer bestimmten Sache waren sich bisher aber die meisten Forscher einig: die Neandertaler produzierten keine Kunst. Diese hoechste Form der geistigen Betaetigung blieb dem Homo Sapiens vorbehalten. Damit waren wir entweder die ueberlegene Menschenrasse gegenueber dem Homo Neanderthalensis oder zumindest wenigstens seine wesentlich weiterentwickelten Nachfahren. Soviel Unterscheidung musste wenigstens sein.

Jetzt heisst es zum ersten Mal in der Tagespresse ganz vorsichtig, die Neandertaler „haben sich den Schmuck offenbar abgeschaut“ [9]. Diese Aussagen basieren auf neuesten Erkenntnissen eines Transfers von Schmuckgegenstaenden zwischen den fruehen Menschenrassen [10]. Es ist erwiesen, dass die Neandertaler den handwerklich anspruchsvollen Schmuck selbst hergestellt haben. Sich damit abzufinden, dass sie auch von alleine darauf gekommen sein koennten, weil sie uns viel naeher sind, als wir dachten, scheint einigen sehr, sehr schwer zu fallen, und Theorien bluehen auf, wie der fruehe Jetztmensch seinen Zeitgenossen, den Neandertaler, zum Handwerklichen inspiriert oder es ihm sogar beigebracht haben koennte. Na, mal sehen, was in den naechsten Jahren ueber diese interessanten Schmuck herstellenden Neandertaler noch geschrieben wird.

Zurueck zu meinem Mitschueler. Der war hochintelligent und handwerklich sehr versiert. Er war sogar bei den Schulrabauken wegen seiner vielen lustigen Ideen sehr angesehen (die damals hoechste inoffizielle Auszeichnung von Schlauheit). Und er bewies sein handwerkliches und (aktions-) kuenstlerisches Geschick mit dem Bau von Rohrbomben zur Faellung von Trauerweiden am Flussufer der Mosel durch Sprengung des Wurzelwerks – wie es damals bei uns Jungens Mode war – sehr eindrucksvoll. Dass alle Jungs, nachdem diese Mode vorbei ging, noch alle Glieder am Leib besassen, war wohl eher reines Glueck. Denn einer schweisste seine Bomben zu, nachdem er sie mit Schwarzpulver geladen hatte, ein anderer zuendete seine stahlrohrumhuellten 300g-Schwarzpulverladungen mit den Lunten von Ladykrachern, weil ihm seine laengeren Lunten ausgegangen waren, usw. Mein dem Neandertaler gleichender Mitschueler stellte sich jedoch nie so dumm an wie die offensichtliche Homo Sapiens Sapiens Jugend.

Interessanterweise haben die meisten Lehrer meinen phaenotypisch an einen Neandertaler erinnernden Schueler immer ueberdurchschnittlich abgelehnt und ihm die selben Missetaten viel hoeher angerechnet als uns anderen. Er wurde von den Lehrern richtig aus der Schule geekelt oder gemobbt, wie man heute sagen wuerde. Sie hatten fast alle eine undifferenzierte, unartikulierte, latente Abneigung gegen ihn. Ich fragte mich oft warum? An den Kurzschlusssteckern, Reisszwecken auf dem Lehrerstuhl und lustigen Tafelschmierereien konnte es nicht liegen, das taten wir anderen genauso. Von den Rohrbomben wussten die Lehrer nichts. Sie fragten sich allenfalls woher der laute Knall im engen Moseltal mit siebenfachem Echo in der fuenften Stunde wohl gekommen war: vielleicht von einem dieser thermonuklear bewaffneten Tiefflieger, mit ihren 100 Kilotonnen plutoniumgezuendeten Lithiumdeuterid-Ladungen, die damals ueber Eifel, Mosel und Hunsrueck manchmal ruecksichtslos auch im Ueberschall hinweg donnerten, dass so manche Scheibe berstete?

Irgendwann wurde mir klar: eine praehistorisch motivierte Form von Rassismus war hier mit im Spiel. Die Erwachsenen haben es irgendwie unbewusst gespuert, auch wenn sie es nach Lehrbuch sicher nicht wahr haben wollten, dass sie gerade einem Neandertaler die Trigonometrie, die Grammatik des Konjunktivs, das Bohrsche Atommodell oder Darwins Evolutionstheorie beibrachten. Auf jeden Fall hat kein Lehrer oeffentlich etwas wegen des Aussehens meines Mitschuelers gesagt. Nur ich manchmal. Ich sagte ihm, er sei der lebende Beweis, dass die Neandertaler nicht ausgestorben sind, und dafuer boxte er mich dann. Natuerlich waren wir nicht die besten Freunde, aber wir achteten uns; vor allem wegen unserer sich gegenseitig ergaenzenden kreativen Ideen fuer die Sabotage bestimmter Faecher von bestimmten Lehrern, die wir nicht ausstehen konnten. Wir Jungs haben damals viel gelacht. Wir machten uns unseren Spass selbst. Oft mussten die armen Lehrer dafuer herhalten oder manch arme Kerl unter den Mitschuelern – das kann einem heute nur Leid tun. Aber es waren sehr heitere und glueckliche Kinder- und Jugendjahre.

Nur die Erwachsenen stoerten uns hin und wieder, entweder auf harmlose Art mit ihren vielen sinnlosen Anforderungen an uns, oder weniger harmlos mit ihren Bewertungen. Ein guter Schueler war einer, der gut funktionierte, ein schlechter Schueler war der, der weniger gut funktionierte. Begabungen und eigene Ideen der Schueler wurden von vielen Lehrern zwar gesehen, aber aufgrund von Zeitmangels, hier und da auch schon Ueberbelastung, oder mangelnden allgemeinen Interesses an der Paedagogik nur von sehr wenigen – zum Beispiel dem Biologielehrer – meist in ihrer Freizeit gefoerdert. Aber die oeffentliche Zurschaustellung von foerdernswertem Verhalten wie Geduld, Folgsamkeit, Freundlichkeit und nicht foerdernswertem Verhalten wie Ungeduld, Unfolgsamkeit, Unfreundlichkeit, die leider oft mit ihnen verwandter Neugier, Kritik, Zweifel verwechselt wurden, machten uns doch sehr zu schaffen. Aber an meinem urtuemlicheren Schulkameraden liessen sie es zeitweise am liebsten aus und erklaerten ihn offiziell fuer lernbehindert und auch dumm, was er ganz gewiss nicht war. Schlauer als mancher von ihnen. Wir anderen hielten den Ball flach, und waren froh, dass es ihn erwischte und nicht uns, schliesslich hatten wir alle unseren eigenen Katalog von unaufgeklaerten Streichen, die uns mehr oder weniger auf dem Gewissen lasteten. Aber so oft er auch in die Mangel genommen wurde, er hat keinen von uns verpfiffen, nie – im Gegensatz zu Klausewitz. Er war also auch ein verlaesslicher Mensch und hatte einen ausgesprochen guten Charakter [12].

Der Biologielehrer, ein ganz herzlicher und freundlicher Mensch, ein ueberzeugter Christ, der uns den Darwinismus unter vorbehalt mit der Betonung, dass er selbst nicht daran glauben koenne, beibrachte (das finde ich uebrigens voellig in Ordnung, denn er hat uns nichts vorenthalten), hat sich den Mitschueler, als er noch neu war, einmal ganz gebannt angesehen. Er hat es vorsichtig angedeutet. Mein urtuemlich aussehender Mitschueler wurde sehr aggressiv, und der Lehrer hat sich tatsaechlich entschuldigt, und die Sache wurde nie wieder angesprochen. Ich wusste, meine Beobachtung ist richtig. Ich habe meinen Mitschueler entweder fuer laengere Zeit oder gar nicht mehr mit seinem Aussehen und nur mit anderen Sachen geaergert, weil ich ihn noch nie so verzeifelt und unter Traenen wuetend gesehen hatte. Dabei war der Biolehrer ein wirklich fairer Lehrer und einer der wenigen, die niemals einen Schueler, egal wie auffaellig in Verhalten und Aussehen, aufgegeben hat. Ich habe seine Menschlichkeit selbst erfahren, er hat mir in meiner Schullaufbahn sehr geholfen, ohne ihn waere ich vielleicht auch gestrandet. Und nur bei ihm war mein „Steinzeitfreund“ immer brav, besonders nach dieser Andeutung. Ich glaube er hatte danach einfach Angst vor dem Biolehrer, vielleicht hat er aber auch so wie ich gemerkt, dass dieser es gut mit ihm meinte, oder beides.

Es war an der Mosel uebrigens nichts ungewoehnliches, wenn Menschen sehr, sehr unterschiedlich aussahen. Zum Beispiel gab es Familien, die erwiesenermassen seit den Roemern dort lebten. Manche hatten im Sommer schwarze Haut. Ich meine wirklich Schwarz, nicht Dunkelbraun. Es gab Menschen, die sahen ein wenig aus wie Asiaten und welche, die sahen aus wie Russen oder Kasachen und viele Tuerken und sehr viele typische Italiener natuerlich, aber all diese Familien lebten dort schon seit ueber tausend Jahren. Mein Vater sah auch aus wie ein Tuerke. Das weiss ich erst, seit ich in Berlin auf einer Studentenparty mal zwei tuerkischen Bruedern ueber den Weg lief, die genauso aussahen wie mein Vater als er jung war. Faszinierend! Das koennen beim Betrachten der verfolgbaren Familiengeschichte und der Geschichte Deutschlands nur Gene von vor ueber 1200 Jahre oder laenger gewesen sein, die hier wieder hervortraten. Warum soll so etwas nicht auch ueber zehntausend Jahre oder laenger funktionieren? Meine Grossmutter sah aus wie eine Russin mit leicht mandelfoermigen Augen. An der Mosel, in der Eifel und im Hunsrueck sind wir alle totale Mischlinge. Im Moselraum haben sich durch die Roemischen Besatzungstruppen vor rund 2000 Jahren wirklich die Gene des gesamten Imperium Romanum gemischt, und wahrscheinlich haben spaeter in den Zeiten der Voelkerwanderung wie in ganz Deutschland noch einmal vorderasiatische und asiatische Einfluesse eine Rolle gespielt. Vielleicht war durch diese voellige Durchmischung von Menschenrassen und Unterrassen die Wahrscheinlichkeit groesser, dass hier und da die Gene des Neandertalers wieder zu Tage traten?

Da mein Schulkammerad heute – im Rueckschluss mit den Ergebnissen von 2009 genetisch wissenschaftlich untermauert – wahrscheinlich einfach durch Zufall eine hohe Ansammlung von aktiven, den Phaenotyp bestimmenden, Neandertalergenen zeigte, die bei ihm statistisch mehr vorhanden oder staerker ausgepraegt waren, kann ich im Gegenzug mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit – aus den Gespraechen und dem Ideenaustausch mit ihm – behaupten: die Neandertaler waren wahrscheinlich sehr intelligent und kreativ, und uns sehr aehnlich und ich glaube auf jeden Fall auch zu einer Kunst faehig. Das ist keine unwissenschaftliche absurde Theorie von mir, denn es gibt auch andere Formen der Palaeoontologie oder Palaeoanthropologie aus der Anschauung ueberlebender Jetztformen. Ich nehme dabei natuerlich an, dass ausser seinem Aeusseren – vor allem seiner Schaedel- und Gesichtsform – auch andere koerperliche, auch neurologische Gene, bei ihm zufaellig gehaeuft auftraten. Warum nicht? Das ist eine berechtigte Annahme, es gibt viele Gene die immer in Kombination auftreten. Es waere hochinteressant zu erfahren, was dabei herauskaeme, wenn man die Gene solcher phaenotypisch den Neandertalern stark gleichenden Menschen einmal mit dem Genom eines Neandertalers direkt vergleichen wuerde.

Ich wuerde nun folgendes behaupten: so wie ich damals als Junge aus Beobachtung, Inspiration und logischer Abwaegung zu dem fast trivialen Schluss kam, dass die Neandertaler wahrscheinlich nicht voellig ausgestorben sind, genauso kann ich mit den nun wissenschaftlichen Fakten von 2009, die meine jugendlichen Annahmen voll und ganz bestaetigten, in meinem Gedankengebaeude – nun auf recht sicherem Boden – davon ausgehen, dass man bei Menschen, die typische neandertalische Phaenotypen zeigen, aus der Erfahrung mit ihrem Verhalten – das ja wissenschaftlich anerkannt auch zum grossen Teil genetisch verursacht wird – gewisse Rueckschluesse auf das Verhalten der Neandertaler ziehen kann. Diese Annahme ist ebenso trivial wie einleuchtend, und wird ebenso von vielen bekaempft werden und erst einmal von folgenden Forschergenerationen bewiesen werden muessen, und sich ueber mehrere Generationen etablieren muessen, bis sie allgemein akzeptiert ist. Das ist ganz normal und kein Grund an einfachen, einleuchtenden Ueberlegungen zu zweifeln, zumindest solange sie nicht wissenschaftlich widerlegt und alternativ erklaert sind.

Palaeorassismus und alternativer Idealismus

Nur wer sich wissenschaftlichen genetischen Wahrheiten nicht verschliesst und ihnen offen und ehrlich und einigermassen anstaendig und freundlich als Mensch gegenuebertritt, kann den Rassismus ad absurdum fuehren. Die einzelnen Menschen sind insbesondere aufgrund ihrer Unterschiedlichkeit wertvoll. Die Variation ermoeglicht das unterschiedliche Denken, Empfinden und damit die Kreativitaet in der Gesellschaft. Gleichschaltung fuehrt zum intellektuellen Tod der Gesellschaft. In Deutschland werden bestimmte empfindliche Themen seit Jahrzehnten entweder tot geschwiegen oder es wird sogar bewusst aus politisch motivierten Gruenden die Unwahrheit verbreitet. Dies entspricht einer gewissen Gleichschaltung des Denkens. Damit tritt an die Stelle des koerperlichen Rassismus der geistige Idealismus und macht genau den selben Fehler: er merzt das Unerwuenschte aus.

Die massive Verbreitung von wissenschaftlichen Unwahrheiten in Deutschland aus politischen Gruenden, bis auf das Niveau von Schulbuechern, faellt mir schon seit laengerer Zeit auf. Nicht nur im Bereich der Genetik dominiert der allgemeine Konsens ueber wissenschaftlichen Fakten. Im Bereich der Humangenetik ist diese Abwendung von der Wissenschaftlichkeit wohl schon sehr frueh aufgrund des deutschen historischen Hintergrundes passiert.

  • Wir haben dieses Phaenomen auch im Bereich der Energiewirtschaft, wo Messwerte und einfache mathematische Berechnungen zugunsten von gemeinschaftlichen Naturharmonie-Idealen ignoriert werden. Die Kosten der Energie scheinen egal, solange sich einige Produzenten und ihre Unterstuetzer damit kurzfristig bereichern koennen und temporaer damit neue Arbeitsplaetze erschaffen, bis der allgemein anerkannte Optimierungsprozess diese wieder durch Rationalisierung, Automation, Prozessoptimierung und Outsourcing nach kurzer Zeit abschafft. Wenn sich bald niemand mehr etwas leisten kann, weil die Primaerenergie fuer jegliche Produkterstellung fuer den Normalbuerger einfach zu teuer geworden ist, werden die Menschen sich sicher wieder ihrer wissenschaftlichen Vernunft gegenueber einer sehr verbreiteten unwissenschaftlichen Windrad- und Elektroauto-Esoterik besinnen. Kilowattstunde pro Kilogramm – Energie pro Masse – Ertrag in Energie per Investition in Material, Rechnen sie nur dies einmal vergleichend im einfachen Dreisatzverfahren fuer verschiedene Energiequellen durch die Volkswirtschaft durch, lieber Leser, mehr muessen Sie nicht tun, um genau zu verstehen was ich meine. Sie werden dann auch wissen, warum Schwellenlaender aus wirtschaftlichen Gruenden gefaehrliche Natururanreaktoren noch bevorzugt vor Staudaemmen bauen. Oder wollen sie deren Wissenschaftlern ihren Sachverstand absprechen, nur weil sie gerade kein Naturharmonie-Ideal hegen und stattdessen pragmatisch abwaegen was ihrem Land mehr schaden koennte: Supergau oder weitere Armut? Wir haben natuerlich ein paar Alternativen mehr als diese Laender, aber wir nutzen sie nicht und gehen stattdessen in das Extrem – typisch Deutsch.
  • Beim allgemeinen Umweltschutz sind ebenfalls merkwuerdige Dinge passiert, die vor allem wissenschaftlicher Humbug sind. So hat man z.B. einst in Berlin den Gastronomen verboten, Propangasbrenner im Herbst aufzustellen, dass sich frischluftliebende Gaeste in Decken eingehuellt noch an sonnigen Oktober- und Novembertagen im Freien aufhalten konnten. Die auslaendischen Touristen, eine der wichtigsten Einnahmequellen der Berliner Kleinstunternehmen, liebten dies. Viele Saisonarbeitsplaetze blieben noch bis in das spaete Jahr erhalten, was die Sozialkassen entlastete. Die Umweltlobby setzte ein Verbot durch, mit der Argumentation die Berliner Gastronomen wuerden mit ihrem CO2 die Welt zerstoeren. Dem hat natuerlich jeder zeitungslesende Buerger sofort zugestimmt, so laecherlich es auch klingt – das ist ja eben der Kern meiner Kritik. Ebenso mit der selben absurden Begruendung verbot man den Kleinsthaendlern auf Flohmaerkten, im Winter Propangasbrenner zum Waermen aufzustellen. Wenn man bedenkt, dass die meisten der Haendler ueber 60 Jahr alt sind, und auf Maerkten selbstaendig arbeiten, entweder weil sie keine oder eine zu geringe Rente bekommen, dann ist so ein Gesetz, ausser das es die Sozialkassen weiter belastet, zusaetzlich zutiefst menschenverachtend. Ich habe es noch nicht ausgerechnet, wieviele (tausend?) Jahre die Deutschen all ihre Propangasbrenner im Dauerbetrieb laufen lassen muessten, um einen messbaren CO2-Eintrag gegenueber dem Strassenverkehr zu erzielen.
  • Die extremste Ausuferung kontemporaeren deutschen Idealismusses, zumindest gegenueber den meisten auslaendischen Staaten, haben wir in der Muellentsorgung vorzuweisen: In vielen deutschen Staedten werden unbescholtene Menschen per Gesetz unter Androhung hoher Geldstrafen dazu gegen ihren Willen gezwungen, Abfall mit ihren eigenen Haenden zu reinigen und zu trennen! Damit wird der manuelle Aufwand der Trennung fuer Weiterverwertungsunternehmen stark reduziert, um den Profit dieser Unternehmen, durch die kostenlose Zwangsauslagerung vieler geringqualifizierter Arbeitsplaetze in die Haushalte der Buerger, entweder zu ermoeglichen oder auch zu erhoehen. In Staedten wie Nuernberg zum Beispiel sorgt eine strenge Nachbarschaftskontrolle dafuer, dass diese oekonomisch fatalen und Menschen erniedrigenden Gesetze durchgesetzt werden, obwohl die Polizei sie nicht kontrollieren kann – aehnlich wie das Blockwarttum in der DDR. Es mag sein, das damals bei der Zwangseinfuehrung der Muelltrennung, viel Wagniskapital in neue, von da an sehr profittraechtige Umweltunternehmen ueberhaupt ermoeglicht wurde. Aber diese Gruenderphase ist nun laengst vorbei. Ein Verschieben der Muelltrennung von den Haushalten zurueck zu den Entsorgern, um damit den Arbeitsmarkt fuer Geringausgebildete anzukurbeln, waere schon lange Zeit angebracht. Neue Fachberufe wie Metall-, Papier- und Kunststoffentsorgungsassistent wuerden die Muelltrennung wesentlich besser, effektiver, materialwissenschaftlich fundiert und vor allem freiwillig gegen Geld durchfuehren als damit gegen ihren Willen gegaengelte Busfahrer, Schullehrer, Automechaniker und Universitaetsprofessoren.
  • Oder in der Landwirtschaft wo der Oeffentlichkeit seit Jahrzehnten erzaehlt wird, man koenne nicht mehr alle Menschen auf der Welt ernaehren, und man verschweigt, dass dies trivialerweise in den Marktwirtschaften ein Dauerzustand sein muss, weil neuer Bedarf vom Markt erst einmal ueberhaupt festgestellt werden muss, bevor er gedeckt werden kann, und damit die Bevoelkerungszahl der Ernaehrungsproduktion in den Marktwirtschaften immer voraus sein wird. Aber als Angstszenario ist es willkommen und Angst macht praktischerweise sehr gefuegig.. Ich kann mich noch gut erinnern, wie man uns frueher erzaehlte bei ueber vier milliarden Menschen auf der Erde sei Schluss und alle weiteren muessten elend verhungern. Jetzt erzaehlt man uns das selbe mit acht Milliarden, ganz junge Mitbuerger werden, wenn sie alt sind, das selbe mit 16 Milliarden zu hoeren bekommen, usw. Wenn man es einmal wissenschaftlich fundiert nachrechnet, kann die Erde selbstverstaendlich und problemlos noch wesentlich mehr Menschen ernaehren. Groessenordnungen von vielen hundert Milliarden Menschen waeren schon mit heutiger Landwirtschaftstechnik problemlos machbar, bei einem Flaechenverbrauch von noch nicht einmal 10% der Erdoberflaeche [14]. Auf der anderen Seite laesst man lieber riesige Flaechen fruchtbaren Landes in Deutschland brach liegen oder nutzt sie bestenfalls zur Rohstoff oder Energieproduktion, wo man genausogut hunderte von Millionen Menschen nur in Deutschland damit ernaehren koennte. Rechnen sie es einfach ueber den Flaechenertrag typischer deutscher Bauern und den Nahrungsbedarf durchschnittlicher Buerger aus, wenn sie die Zahl fuer zu hoch halten sollten. Aber das wuerde bedeuten, dass diese von da an wohlernaehrten Menschen bei uns oder in unserer Naehe als Einwanderer, neue Arbeitgeber und neue Arbeitnehmer leben wuerden, denn wir koennen unsere Produktionen nicht verschenken. Und bei diesem Bild braucht selbst der liberalste Deutsche nicht auf altnernativen Idealismus zurueckzugreifen, um den selben Fehler wie seine Vorfahren zu begehen.
  • Und neuerdings in der Kommunikationstechnik, wo die Entwicklung zur statischen, digitalen Planwirtschaft der programmierten Produktherstellung – ohne Platz fuer kreatives Tun, ohne jede Nische fuer chaotisches Verhalten – quasi als von Gott gegeben von allen akzeptiert wird und alternative nicht-digitale oekonomische Ansaetze nicht einmal erwaehnt werden. ERP – Enterprise Resource Planing heisst der neue Gott der Echtzeitoptimierung. Andere Ideen stoeren die Systeme, ja lassen sie manchmal sogar abstuerzen. Wehe! Also, geben wir in die vorgegebenen Masken ein, was das System verlangt. Das wir gerade die wichtigste Basis des wirtschaflichen Erfolgs Deutschlands – unsere Kreativitaet – verlieren und in vielen Gebieten (die schon frueh automatisiert wurden) bereits verloren haben, und zu einer zweiten kleinen, schlechteren, unausgereifteren Version einer grossen asiatischen Nation werden, stoert niemanden. Man wird wahrscheinlich nicht verstehen, was ich meine, und stattdessen eine hoehere Ausgereiftheit und weitere Optimierung zur Loesung der Probleme fordern. [Von offensichtlicher extremer Gefaehrdung von Freiheit und Menschlichkeit durch Vorratsdatenspeicherung von Telefonaten, Social Networks Data Mining, Mautstationen zur Bewegungskontrolle, oeffentlichen Kameras zur Gesichtserkennung und Echtzeitidentifikation, Kontendatenueberwachung durch das Finanzamt, E-Money und E-Books zur Einkaufs- und Wissensstandsueberwachung will ich in diesem Text gar nicht erst anfangen zu reden].

Passt auf Leute! Besorgt Euch ergaenzend Zeitungen und Literatur aus dem Ausland! Lest Wikipedia-Artikel vergleichend in den Fremdsprachen, die ihr beherrscht! Oft schreiben Autoren, die es ernsthaft gut meinen, gerade in den in der obigen Liste erwaehnten Bereichen mit bestem Wissen und Gewissen mehr demokratisch anerkannte Meinungen als wissenschaftliche Wahrheiten. So, wie sie es teilweise selber in der Schule gelernt haben. Aber es gibt sicherlich noch viele weitere Beispiele, wo deutscher Idealismus und Konsens in der Bevoelkerung ueber Wissenschaft, Mathematik und in manchen Faellen sogar jegliche Vernunft steht. Dieses Problem gibt es in anderen Laendern auch, aber ich kann als Deutscher nur fuer Deutschland sprechen. Was ihr hier in Deutschland in den Medien zu lesen bekommt ist manchmal sehr tendenzioes und mit bestimmten manipulativen oder politischen Hintergedanken versehen. Man meint es gut, aber weniger Idealismus und mehr ruecksichtslose Wahrheitsliebe wuerden der oeffentlichen Meinung manchmal gut tun. Der deutsche ausgepraegte Idealismus ist nach wie vor die groesste Staerke und gleichzeitig hoechste Gefaehrdung dieses Volkes. Hinterfragt Euren Idealismus!

Freie Meinung braucht freie Wissenschaft

Ich bin ganz sicher kein Freund von Verschwoerungstheorien – allerhoechstens zur Partybelustigung. Diese unterhaltsamen Theorien trivialisieren und simplifizieren die aeusserst komplexe dynamische Meinungsbewegungen in der Gesellschaft. Wir alle machen gemeinsam unsere Meinungen, es gibt niemanden, der sie uns in der Demokratie aufzwingt. Da setzt sich niemand zusammen und bespricht unsere Zukunft gegen unseren Willen. Ich wuenschte es waere so, dann koennte man die Boesen aus dem Land jagen. Aber es gibt sie nicht. In der Demokratie teilen tausende und abertausende Autoren, Journalisten, Politiker, Industrielle, Funktionaere, Prominente aufgrund des allgemeinen Informationsflusses die selben Aengste und Hoffnungen und versuchen die hoffentlich richtigen Trends zu setzen, um die Situation entweder fuer alle oder zumindest ihre Unterstuetzer oder Freunde zu verbessern. Aber was nutzt es, wenn solche Trends aus Idealen stammen und wissenschaftlicher Humbug sind und nur in die naechste Sackgasse fuehren?

So was geht natuerlich auf Dauer nicht gut. Und daher kann man annehmen: so wie die Wissenschaft die Demokratie braucht, um ueberhaupt frei ohne Doktrin und Fremdsteuerung forschen zu koennen, genauso braucht die Demokratie die Wissenschaft, um ihre Entscheidungsgrundlagen, das heisst den Wissensstand der Bevoelkerung auf eine moeglichst wahrheitsbasierte und freiheitliche Basis zu stellen. Beide, Demokratie und Wissenschaft sind dynamisch miteinander verknuepft und unterstuetzen gegenseitig Wahrheit, Freiheit, Gerechtigkeit oder zerstoeren sie gemeinsam. Unsere Universitaeten muessen sich aus der Spirale der zunehmenden Anforderungen aus der Gesellschaft befreien, oder wir werden unsere Demokratie verlieren. Dieser Ruf geht weniger an die Verwaltungen und Lehrer, denn diese sind relativ machtlos, als an die Studentenschaft, die die neue Generation von Akademikern dieses Landes darstellen, und von denen die Zukunft und Prosperitaet in groesstem Masse abhaengt. Noch habt ihr alle gemeinsam die Macht der totalen Verweigerung. Befreit Eure Universitaeten von der Politik, rettet zusammen die Freiheit der Wissenschaft. Ihr rettet damit die Demokratie.

Es geht hier um viel mehr als freien und kostenlosen Zugang zur Bildung, Selbstbestimmung der Semesterzahl und des Lernstoffs und die Rueckgewinnung des inspirierenden Lebensabschnittes Studienzeit. Es geht hier um einen Interessenskonflikt: Auf der einen Seite stehen die Besitzenden und Anteilseigner, die eine fuer ihre industriellen Prozesse zielgerichtete Forschung und ein moeglichst kurzes Fachstudium fordern um ihre kurzfristigen Kapitalertragsziele zu erreichen. Mit ihrem Argument „alle Buerger haben was davon“ haben sie recht, jedoch bedarf es regelmaessig des Druckes aus den politischen Fraktionen der Mehrheit der Nichtbesitzenden um diese Bringschuld einzuloesen. Eine Bringschuld daher, weil die Gesellschaft fuer den grossen Besitz einiger Weniger deren konstruktive Beteiligung am Staat zum Beispiel in Form der Schaffung von Arbeitsplaetzen oder Steuerzahlungen oder weitgehendem sozialen oder kulturellen Engagement erwartet. Eine Entziehung von dieser Bringschuld gilt als asozial oder kriminell. Die Besitzenden und Anteilseigner brauchen Experten fuer die Investitions- und  Konsumprodukterstellung, die sich in der hochspezialisierten, ausgefeilten Arbeitsteilung der heutigen Arbeitswelt von Entwicklung ueber Produktion bis in den Vertrieb alle gegenseitig ergaenzen. Was haben sie von universalgelehrten DaVincis, spitzbuebischen Einsteins, intellektuellen Camus‘ ? Nichts als Aerger und geringe Produktivitaet aus ihrer berechtigten Weltsicht des Kapitalertrags.

Die Lilienthals, Heisenbergs, Foucaults, eigentlich alle beruehmten grossen Koepfe, haetten mit ihrer universalistischen Herangehensweise in der Welt der Konsumgueterproduktion faszinierenderweise keinerlei besonderen Wert. Man benoetigt vielmehr hochspezialisierte Experten. Die politischen Vertreter der Besitzenden und Anteilseigner haben daher in den Hochschulen ein System der schnellen Heranzucht der benoetigten Experten mittlerweile auch gesellschaftlich anerkannt etabliert. Die lebenslange Verschuldung der Auszubildenden bei Geldgebern zur Finanzierung hoher Studienkosten, um damit ein finanzielles Abhaengigkeitsverhaeltnis (nur eine uebliche absichernde Vorgehensweise in der Welt des Kapitals) durch Wissenserwerb bei Nichtbesitzenden zu schaffen, ist ihnen in Deutschland noch nicht gelungen.

Auf der anderen Seite dieses Interessenkonfliktes steht das langfristige Wohl der Nation. Trends und insbesondere Markttrends kommen und gehen. Konsumprodukterstellung kann kein Lebensziel eines jungen Menschen sein. Es sei denn man reduziert den Menschen auf eine rein maschinelle Funktion in einem Produktionsprozess. Dem systematisch ausgebildeten Experten fehlt der Ueberblick, er wird kaum dazu faehig sein grundlegend Neues zu erschaffen. Damit bleiben die guten Ideen mittelfristig aus. Auch die guten Produktideen. Damit schaden sich die Besitzenden und Anteilseigner langfristig auch selbst und ihren Erben. Eine Industrienation lebt von ihren guten Ideen und diese koennen nur in einem voellig freigeistigen wissenschaftlich orientierten Umfeld entstehen. Ich moechte hiermit betont die freien Erfinder, leider oft ausserhalb der sogenannten wissenschaftlichen Gemeinschaft stehend, mit einbeziehen. Deutschland braucht seine Traeumer, seine Spinner, seine freien Erfinder, seine Querdenker, seine Tagtraeumer, seine Erkenntnis suchenden Langzeitstudenten, seine gesellschaftlichen Verweigerer, seine Sinnsucher, seine Unberechenbaren, seine Aussenseiter, seine Lebensphilosophen, seine Freaks, seine Andersartigen, seine Idealisten, und ebenso seine Neandertaler. Mit einem Bachelor-Master-Excellence-Universitaets-Leistungssystem schaltet man Denken gleich und schafft solche seltenen hochkreativen anders tickenden Zeitgenossen – die einzigen Lieferanten wirklich neuer Ideen – eher ab, als das man sie – was logisch richtig waere – zumindest zuliesse, besser foerderte.

Man kann keine Menschen zur Kreativitaet erziehen. Eine solche Meinung ist eine unhaltbare und gefaehrliche paedagogische Theorie. Die Meinung, man koenne die Massen ueberhaupt zu irgend etwas erziehen, und ihre Umsetzung in den Schulen des Landes, wird letztendlich immer einen bestimmten erwuenschten, definierten mit dem aktuell bevorzugten paedagoschen Ansatz kompatiblen Menschentyp foerdern und alle anderen Menschentypen systematisch unterdruecken. Die Verschulung der Universitaeten im letzten Jahrzehnt hat dieses Prinzip nun auch in den Hochschulen etabliert. Menschen werden mit ihren besonderen Staerken und Schwaechen geboren. Wir muessen uns darauf einstellen uns an den Staerken der Mitmenschen zu erfreuen und ihre Schwaechen entweder zu tolerieren oder nicht. So ist es mit der Gewalt, der Freundlichkeit, dem Rassismus, der Aufgeschlossenheit, der Agressivitaet, der Friedfertigkeit, der Faulheit, dem Fleiss, der Ordentlichkeit. All dies sind Eigenschaften, die man anerzogen entweder imitieren oder reduzieren kann, die auf sich allein gestellt, in unvorbereiteten Situationen aber sofort wieder in den angeborenen, geerbten Grundzustand uebergehen. Man koennte nun annehmen, ebenso sei es mit der Kreativitaet. Jedoch bekommen wir hier ein klassisches Henne-Ei-Problem. Kreativitaet kann man nicht imitieren. Kreativitaet hat man oder hat man nicht. Menschen sind entweder kreativ geboren oder sie sind es nicht. Die Existenz der Kreativitaet weist die Paedagogik in ihre Schranken. Niemals wird die Paedagogik dieses Universum betreten koennen, es ist ihr fuer immer verwehrt.

Will man Kreativitaet, muss man kreative Menschen zulassen. Diese Menschen sind komplex, oft schwierig und anstrengend. Man kann nicht alles haben. Der Versuch aus den Massen von Unkreativen an den Universitaeten neue Kreative heranzuziehen ist zum Scheitern verurteilt. Gerade weil sie heute eher formbar, folgsam, angepasst, leistungswillig sind, werden sie ja niemals kreativ sein koennen! Die eher zur Kreativitaet neigenden, kommen meistens gar nicht so weit. Es gibt nur ganz wenige, die Formbarkeit, Folgsamkeit und Angepasstheit ueberzeugend vorgaukeln koennen, dazu leistungstark und kreativ gleichzeitig sind. Ich gehe dabei von meinen eigenen Erfahrungen mit kreativen Menschen aus. Die wenigsten waren leistungsstark, wenn dann nur aus eigenem Antrieb, niemals durch aeusseren Wunsch, und ganz sicher war keiner von ihnen formbar, folgsam oder neigte zur Angepasstheit. Ich habe zu diesem Thema einen recht unterhaltsamen Artikel geschrieben, sein Titel Ist der Ruf erst ruiniert lebt’s sich voellig ungeniert [13] weist auf das grundsaetzliche Problem hin, das nichtkreative Menschen oft mit Kreativitaet haben.

Unser neues Bildungssystem ist eine Selektion in eine kurzfristig gedachte, falsche Richtung. Es ist mir ein Raetsel wie diese Chimaere aus wissenschaftlicher Didaktik, angewandter Forschung, Konsumprodukterstellung, arbeitsmarktorientierter Ausbildung und internationalem Handel ueberhaupt entstehen konnte. Man koennte es auch als europaeisierenden Wildwuchs bezeichnen. Ich bevorzuge den einfachen Begriff Monster. Nur die Studentenschaft selbst kann den Wagen jetzt, nachdem er sich komplett verfahren hat, noch aus dem Dreck ziehen. Zum Beispiel mit einem Generalstreik, der so lange anhaelt bis die Politik sich wieder komplett aus den Universitaeten zurueckziehen muss. Man sollte darueber oeffentlich nachdenken. Die Kraefteverhaeltnisse sind klar, die Studierenden wuerden siegen. Wenn diese jungen formbaren, folgsamen, angepassten, leistungswilligen Menschen dies ueberhaupt so sehen wie ich. Ich weiss nicht genau, inwieweit das Gros der jungen Akademiker in Deutschland an der intellektuellen Absicherung ihrer Demokratie interessiert ist und wie viel die egoistische Sicht der „Karriere“ wiegt. Aber bedenkt: eine „Karriere“ in einem gleichgeschalteten, geistes- und naturwissenschaftlich tendenzioesem, autokratischen System ist kein erstrebenswertes Leben. Der geringste Bettler in einem anderen, noch freiheitlich demokratischen System wuerde niemals mit Euch tauschen wollen (oder gab es einen Obdachlosen im Westen, der freiwillig in die DDR gegangen waere?).

Sollte es hier und da junge Erben von Besitz und Anteil geben, die auf einer Sinn- und Erkenntnissuche im Leben auch einmal ueber philosophisch ausgerichtete Blogs im Internet stolpern: man erzaehlt sich, die meisten von Euch wuerden – an dem Gefuehl sinnloser Existenz leidend – so sagt man – nur Windsurfen, Snowboarden, Sportauto fahren und aehnlich aktions- und adrenalinreich ihre Lebenszeit verplempern. Ich kann das einfach nicht glauben, ich sehe vielmehr Eure grundsaetzliche Freigeistigkeit, die Euch den tieferen Sinn mehr hinterfragen laesst, als Menschen deren persoenlicher Sinn im Leben von vornherein klarer aber kleingeistiger definiert ist: ihre Existenzabsicherung. Euch betrifft die Zwangslage der Komilitonen nicht direkt, die wie die Tiere eines Rennpferdezuechters in Vorbereitung auf spaetere Hoechstleistung im Training nach Luft japsen muessen, weil ihr Euch immer frei kaufen koennt, und wenn ihr an einer deutschen Universitaet keine Freiheit des Denkens findet, dann zieht ihr einfach weiter, bis ihr eine solche Akademie im Ausland findet, wo ihr Euch dann entfalten koennt. Die meisten Eurer Komolitonen besitzen diese Option nicht. Ihr solltet die Studentenschaft logischerweise anfuehren, auch um damit das Gemeinsame an dem Ziel zu betonen: laengerfristige Bewahrung der deutschen Demokratie durch die Freiheit des Denkens und die Freiheit der wissenschaftlichen Lehre und Forschung gegenueber der kurzfristig denkende Politik. Der Seiteneffekt wird die neue sprudelnde Kreativitaet im Land sein, die Eure eigenen Unternehmen oder die Unternehmen an denen Eure Familie Anteile haelt, wiederum durch neue Ideen zu neuem Weltruhm fuehren wird. Dazu braucht man wirklich kreative, ungewoehnliche, etwas verrueckte Absolventen, die es hier und da gibt, die vom derzeitigen Hochleistungszuchtsystem aber selbstverstaendlich meist schon fruehzeitig eleminiert werden, denn sie sind nicht so kontinuierlich wie die Hoechstleister, es sind halt andere Menschen.

Es hat schon seinen Grund dass in der Autobauernation Deutschland zur Zeit die Firma VW der erfolgreichste Autoproduzent ist. Sie produzieren bei fast all ihren Marken das durchschnittliche Auto (hoechster Qualitaet, hoechster technischer Ausgereiftheit, von schoenem Aussehen und grossem praktischen Nutzen selbstverstaendlich) fuer durchschnittliche Menschen bestimmter Bevoelkerungsgruppen. Dafuer brauchen sie Menschen (hoechsten Wissensstandes, groesster Leistungsbereitschaft, hoechsten Niveaus natuerlich) die wie ganz normale, durchschnittliche Menschen denken. Fuer diese Ingenieure und Kaufleute ist unser Bildungssystem zufaelligerweise gerade ideal. Das ist auch in Ordnung, denn wir brauchen VW, aber es darf nicht sein, dass alle anderen Unternehmen, die auch andere Menschentypen als den idealen VW-Angestellten bei sich gut gebrauchen koennten, darunter leiden muessen, weil diese in unserem Bildungssystem nicht mehr absolvieren koennen. Und was passierte, wenn der Weltmarkt durch einen chaotischen Zufall ploetzlich keine praktischen, pragmatischen, alltagstauglichen, hochoptimierten, nahezu perfekten Fahrzeuge mehr annaehme? Ist das so unwahrscheinlich? Diese Absolventen koennen keine anderen Fahrzeuge herstellen. Jede Technik ist auch immer ein Abbild des Ichs auf die Welt.

Deutschland wird in naher Zukunft ganz gewiss wieder richtig gute Universitaeten mit ungewoehnlichen Koepfen unter den Lehrern und Schuelern haben, die dort so forschen und studieren koennen, wie diese lebenden Menschen es fuer sich und ihre persoenlichen Lebensziele individuell brauchen und nicht fuer ein theoretisches Gebilde eines statistischen internationalen Konsummarktes unter der Fremdsteuerung eines willkuerlichen, unmenschlichen, chaotischen, hirnlosen, sich schnell veraendernden Trends, dem kein Mensch genuegen kann (und doch auch nicht wirklich will, oder?). Ein Trend ist ein theoretisches, nicht lebendes, nicht fassbares Gebilde in einem komplexen dynamischen System. Es existiert nicht wirklich, es besitzt weder Herz noch Verstand. Befreit Euch einfach selbst, es ist sehr einfach, wenn man das Wort „Nein“ aussprechen gelernt hat. Ihr werdet Euch gar nicht mehr woanders ausbilden lassen wollen, als an unseren guten alten Universitaeten. In einer Sackgasse kann nur eine Rueckbesinnung einen Fortschritt bringen. Aber zuerst muesst ihr alle gemeinsam anhalten und den Peitschenhieben Eurer unerwuenschten neuen politischen Kutscher standhalten, bis sie sich kleinlaut verziehen. Dann koennt ihr neuen Platz zum Atmen, Platz zum Denken, Platz zum Lernen und Platz zum Forschen schaffen – mit viel Zeit, die ihr Euch einfach so nehmen werdet, wie jeder einzelne sie fuer sich ganz unterschiedlich und individuell benoetigt. Jeder Mensch ist potentiell ein eigenes Universum von unermesslichem Wert, wenn man ihn sich entfalten laesst. Dies und nichts anderes ist das Prinzip Universitaet.

Wenn Paedagogen zu instinktiven Menschen werden

Obwohl man an der Mosel, durch die im Alltag staendig umgebende extreme Variation von verschiedenen Menschentypen, im Grunde in der Praxis damals kaum Rassismus kannte (einige einsame Rassentheoretiker gab es natuerlich und dumme jugendliche Raufbolde sowieso), und obwohl die Lehrer durchweg entweder christlich-buergerlich gepraegt oder aus ihrer Studienzeit in den Sechzigern und Siebzigern linksliberal-intellektuell orientiert waren, und damit vor den Standardformen des Rassismus oder genetisch begruendeter Ausgrenzung jeder bekannten Art gefeit waren, haben sie bei dem voellig anders aussehenden Jungen komplett versagt. Die meisten haetten sich in jedem bekannten Fall einer Abweichung, die sie theoretisch kannten, aufgrund ihres Weltbildes, noch vor den Schuelern fuer einen Aussenseiter eingesetzt. In dem einen Fall, auf den niemand vorbereitet war – einer Abweichung ganz seltener und bis dato wissenschaftlich nicht erfasster Art, mussten sie auf ihren Instinkt zurueckgreifen, und der hiess bei den meisten Paedagogen: WEG MIT IHM.

Nicht beim Biologielehrer, der ein gutes Herz hatte, und nicht bei den Schulrabauken (ein paar wenige waren sogar gute Schueler), die sich ihren Spass lieber bei Lehrern und Dummen (viele von ihnen waren gute Schueler) holten, und wo Aussehen nicht zaehlte, weil sie sich damit sowieso die ganze Zeit gegenseitig haenselten. Das sollte man sich einmal so richtig auf der Zunge zergehen lassen! Jede Art von Erziehung versagt aufgrund ihres beschraenkten Bezugssystems offensichtlich in Situationen unvorbereiteter Art gegenueber dem menschlichen Instinkt, selbst bei ausgesprochenen Erziehungs-Experten wie Schulpaedagogen! Hegel und Marx haben auf allen Ebenen versagt: der Mensch ist am Ende immer ein unerziehbares, genetisch bestimmtes Haustier oder Raubtier. Er kann es sich nicht aussuchen, es ist ihm in seinem Erbgut mitgegeben. Viele meiner Lehrer wurden im unbewussten Angesicht des Neandertalerkindes zum Raubtier.

Bis hierhin ist es messbare Verhaltensforschung. Wissenschaftliche Versuche zu der Reaktion eines geschulten Menschen mit gefestigten, reflektierten Meinungen auf unbekannte Situationen gibt es ja. Auch die soziologisch-utopische Literatur hat einige Szenarien dazu schon praesentiert. Nun kommt die Philosophie ins Spiel: Fuer mich waren diese Lehrer, die meinen Mitschueler, den versteckten Homo Neanderthalensis, ablehnten, einfach qualitativ schlechte Homo Sapiens, sie reagierten instinktiv-aggressiv wie Raubtiere. Und weil ich damals emotional die instinktive Reaktion eines domestizierten Haustieres fuer gut und die Reaktion eines gefaehrlichen Raubtieres fuer schlecht eingestuft haette, waren diese Menschen fuer mich schlechte Menschen. Ich hielt den „Mensch als Raubtier“ fuer qualitativ minderwertig. Man koennte mein damaliges Gefuehl als eine rudimentaere Naturethik bezeichnen, schliesslich hatte ich noch nie in meinem Leben von irgend einem Philosophen oder auch nur von einer einzigen weltlichen Alternative zum Neuen Testament gehoert (ja, eine Schande, ich weiss). Gegenueber meinen Rabauken-Kollegen haette ich natuerlich das Gegenteil ueber Haustiere und Raubtiere gesagt. Aber was ich selbst empfand war heimliches Mitleid und Liebe fuer meinen Mitschueler aus dem Neandertal, und das obwohl ich mich bereits mit zwoelfeinhalb vom Christentum aus Ueberzeugung abgewandt und an Gott gezweifelt, ja ihn herausgefordert hatte. Trotz anderer Philosphen, die ich spaeter langsam kennenlernte und die Faszination ihrer teilweise radikalen Philosophien bin ich zum Neuen Testament und auch anders begruendbarer Ethik immer wieder zurueckgekommen. Wir Menschen brauchen eine Ethik, wir brauchen sie als Leuchtfeuer. Wir werden immer boese handeln als Menschen, es liegt in unserer Natur – nur wenn wir vergessen, was gut und was boese ist, wird das Boese zur Normalitaet und das Gute zur Ausnahme.

Fuer diese tiefgehende philosophische Erkenntnis der selbstbestimmten und begruendbaren freien Entscheidung der philosphischen (auch rechtsphilosophischen) Bewertung von Verhalten auf der einen Seite und der ausgepraegten Determiniertheit des Verhaltens selbst, mit geringer Moeglichkeit der positiven Manipulation durch Schulung auf der anderen Seite, werde ich meinem urspruenglicher anmutenden Schulkameraden immer sehr dankbar sein. Er war fuer mich der strahlende Protagonist in einem klassischen Drama und meine instinktiv handelnden Lehrer die Laiendarsteller des Guten und des Boesen. Auch wenn ich es damals noch nicht so ausdruecken konnte, ich habe alles mit eigenen Sinnen gesehen und gehoert, meine Schluesse gezogen, und mir fuer immer gemerkt.

Die meisten meiner damaligen Lehrer haben trotz ihres teilweise christlichen oder linksliberalen Umfeldes, die sie haetten eigentlich vor Rassismus bewahren sollen, gegenueber dem voellig fremden Jungen, den man eben nicht in Semitisch, Sozial-Benachteiligt, Schwarz oder Behindert einteilen konnte, trotz ihrer gruendlichen paedagogischen Ausbildung und ihrer Erfahrung und Professionalitaet komplett versagt. Auf so einen Aussenseiter waren sie nicht vorbereitet und daher reagierten sie zum groessten Teil – aus meiner Sicht damals fast wie die Versuchstiere in einem Tierversuch – instinktiv ablehnend und brutal. Das war mir eine grosse Lehre. Daher folgere ich auch logisch, dass man eine kaum fassbare, rudimentaere, instinktive, emotionale – an die Intelligenz nicht notwendig gekoppelte aber durch sie verstaerkte – Grundfunktion im Menschen wie seine Kreativitaet niemals anerziehen kann. Sie gehoert zu seinen angeborenen, grundlegenden Eigenschaften – ganz genau so wie seine Intelligenz (im klassischen Sinne der Denkarbeit pro Zeit) oder wie seine von der Erziehung unabhaengige, instinktive Tendenz entweder zum menschenliebenden Haustier oder zum aeusserst gefaehrlichen Raubtier. Wir brauchen sie ganz gewiss alle, unsere teilweise sehr unterschiedlichen Mitmenschen und muessen weise waehlen, welche Eigenschaften wir als erstrebenswertes Ziel, als eine Ethik idealisierend (und Recht sprechend) hoch halten. Und wir muessen ein Auge dafuer entwickeln, welcher Mensch in seiner Einmaligkeit und Einzigartigkeit gewisse angeborene Eigenschaften von Natur aus besitzt. Oft sind es andere Menschen, als man gedacht hat, bei all den Vorurteilen, die man so mit sich herumtraegt. Dabei wird eine allgemeine Staatsbuergerethik als erstrebenswertes Ziel eine andere Ethik sein als eine Soldatenethik oder eine Rechtsethik oder eine Wirtschaftsethik. Ich sah damals einige potentiell gute Soldaten und Soldatinnen unter meinen Lehrern aber nur wenige gute Erzieher und Erzieherinnen.

Ich hoffe nun es geht meinem damaligen Schulkameraden, der dann auf massiven Druck der Lehrerschaft die Schule verlassen musste, heute gut und er ist nicht mehr von so vielen xenophoben, zwar maechtigen aber unflexiblen Homo Sapiens umgeben. Mit etwas Glueck hat er ja vielleicht auch die steinzeitliche Anpassungsfaehigkeit und Ueberlebenskunst unserer gemeinsamen Vorfahren Homo Neanderthalensis etwas ausgepraegter in sich als ich oder Du.

Ende

Quellen und Anmerkungen

[1] http://news.nationalgeographic.com/news/2012/10/121012-neanderthals-science-paabo-dna-sex-breeding-humans/?source=link_fb20121015news-neandstudy&utm_source=Facebook&utm_medium=Social&utm_content=link_fb20121015news-neandstudy&utm_campaign=Content

[2] Ao- der letzte Neandertaler, Spielfilm von Jacques Malaterre, SUNFILM entertainment: http://www.amazon.de/AO-Neandertaler-Simon-Paul-Sutton/dp/B004FVDQC4

[3] Die Entscheidung des alten Erfinders

[4] The 10 most dangerous Technologies ever

[5] Why Mankind must not fear the Pure Fusion Bomb

[6] http://www.nature.com/nature/journal/v444/n7117/full/444254a.html

[7] http://www.nature.com/nature/journal/v444/n7117/full/444275a.html

[8] http://www.sciencemag.org/content/328/5979/710

[9] http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/neandertaler-lernte-schmuckherstellung-vom-menschen-a-864097.html

[10] http://www.mpg.de/6600084/Neandertalerkultur

[11] http://en.wikipedia.org/wiki/Neanderthal

[12] Diesen Klausewitz, den ich meine, den gab es nie. Sollte einer meiner Leser erahnen, dass er wuesste, von wem oder wann ich erzaehle, muss ich ihn enttaeuschen. Es war anders. Es war es zu einer anderen Zeit. Es war an einem anderen Ort. Eigentlich waren es Erfahrungen an verschiedenen Plaetzen zu verschiedenen Zeiten. Auch mein Mitschueler der Neandertaler war nicht der, von dem Sie glauben, dass er es war. Leider nicht.

[13] Ist der Ruf erst ruiniert lebt’s sich voellig ungeniert

[14] Flaechenverteilung der Erde

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

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