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Die Lebensgeschichte des Friedrich Schilling aus der DDR

Die folgende utopische Kurzgeschichte habe ich waehrend meines Studiums Anfang des Jahres 1996 aufgeschrieben und habe sie heute zuefaellig beim Herumstoebern in uralten Dateien wiederentdeckt, die noch von meinem ersten PC stammten. Beim Durchlesen fiel mir auf, dass ich damals schon in dieser sehr kompakten Lebensgeschichte eines 1957 geborenen DDR-Buergers aus Berlin, der durch eine Verkettung von Zufaellen ueber die Jahrtausende bis an die mythischen Anfaenge der Geschichte der Menschheit geraet, die meisten Themen, die mich auch heute noch beschaeftigen, bearbeitete. Ich habe die Geschichte daher noch einmal mit grossem Vergnuegen gelesen und mit vielen Anmerkungen versehen.

Ich war damals sehr fasziniert von der Entdeckung des ersten extrasolaren Planeten durch die Genfer Astronomen Mayor und Queloz im Herbst 1995 und malte mir monatelang aus, wie eine interstellare Raumfahrt realistisch aussehen koennte. Ich beschaeftigte mich nebenher auch mit Kryonik und anderen Technologien, die sich zum Ziel gemacht haben mit den Methoden der Physik und gerontologischen Medizin den Tod zu besiegen. Auch Robotik im Alltag und Fusionstechnologie gehoerten fuer mich so selbstverstaendlich zum Menschsein wie der Zugriff auf jede Information von jedem Ort.

Dafuer hatte ich mir eine Art fruehe Version eines mobilen Lesegeraetes und Kommunikators ausgedacht, mit dem man seine privaten Bibliotheken in einem Netzwerk virtualisieren koennte und auf alle Datenspeicher der Menschheit von ueberall zugreifen koennte. Wenn ich meinen Bekannten um 1994, aber auch noch 1997 ein Mobilgeraet aehnlich dem spaeteren iPhone beschrieb, haben sie mich dafuer ausgelacht. Unmoeglich, niemals oder in einhundert Jahren wurde mir in Form des damals beliebten Bildes von kilometerhohen Festplattentuermen vorgerechnet. Nicht dass ich auch nur anaehernd selbst ueber eine Realisierung nachgedacht haette – das waere auch mir als viel zu utopisch erschienen. Das kann man heute im Jahr 2012 kaum glauben, ich weiss. Aber es war genau so. Und daran erkennt man das ausserordentliche Genie eines Machers wie Steve Jobs. In der folgenden Geschichte kommt das Mobilgeraet nicht vor, aber die dahinterliegende Netzwerkdatenbank – heute nennt man das wohl Cloud. Fuer mich war Jobs iPhone bei seinem Erscheinen bedauernswerterweise schon laengst veraltet. Ich habe mir damals das erste Modell von einem Bekannten fuer eine Stunde ausgeliehen und dann wieder gelangweilt zurueckgegeben: Kenne ich schon lange, das und das fehlt noch, war meine lapidare Meinung, und der Bekannte war ueber meine nicht vorhandene Begeisterung fuer sein Lieblingsspielzeug leider sichtlich betruebt. Bis heute habe ich kein iPhone und auch kein Smartphone, weil ich es nicht als smart empfinden kann – im Gegenteil.

Fuer mich ist das Zeitalter der Digitalisierung schon lange wieder vorbei, ich trenne mich gerade allmaehlich von allen digitalen Geraeten, wo es geht und plane auch die Abschaffung meines letzten Mobiltelefons von 2004, das ich noch hier und da beim Autofahren mitnehme. Meine Gedanken bewegen sich schon im postdigitalen Zeitalter. Da gibt es neues zu entdecken und tolle Ideen. Ich hoffe, mein lieber Leser, sie fassen die Andeutung ueber ihr geliebtes-verhasstes mobiles Digitalspielzeug nicht negativ sondern so auf, dass ich vielleicht in einigen meiner Texte, auch wenn sie mich dafuer vielleicht fuer versponnen halten moegen – es sei ihnen vergoennt – moeglicherweise in Zukunft gar nicht so falsch daneben liegen mag. Ich liebe nun mal die Vision des nicht physikalischen Widerspruchs. Beachten sie die Wortwahl. Ob sie es glauben oder nicht, ich habe es jetzt in meinem Leben schon mehrmals erlebt: Gerade meine verruecktesten Visionen werden am ehesten wahr. Wenn wir auch nicht wissen wie die Zukunft wird, eines ist sicher: die Zukunft wird anders [41].

Lebensgeschichte des Friedrich Schilling

Berlin, im Vorfrühling 1996

(für Joe, meinen guten Freund [1])

Friedrich Schilling, genannt Fred, wurde am 4. Oktober 1957 im sowjetischen Sektor Berlins geboren. Seine Mutter erzählte immer, das erste, was er gehört habe, sei das Piepen des Sputnik im Radio gewesen. Sein Vater und seine Mutter waren Lehrer. In seiner Kindheit fiel Fred nur einmal dadurch auf, daß er von zu Hause, sie wohnten in Friedrichshain, weglief. Eine Volkspolizei-Streife fing ihn in der Stalinallee [2] wieder auf, er hatte immerhin eine Strecke von fast vier Kilometern zurückgelegt, und das mit knapp drei Jahren. In seiner Familie gab es keine überzeugten Marxisten, und so wurde er auch keiner. Seine Eltern verlegten alle Äußerungen diesbezüglich in ihren Beruf. Sie brachten Fred früh bei, brav zu tun was man ihm sagte, und nicht negativ aufzufallen. Er wuchs auf, besuchte die Polytechnische Oberschule und lernte danach Werkzeugmacher. Für einen weiteren Schulbesuch hatte ihm der Fleiß und die Lust gefehlt. Er hatte ein paar Freunde, damals in Ost-Berlin, darunter einen besten, Tom. Fred kannte ihn aus der FDJ. Mit ihm zusammen träumte er von Reisen nach Amerika und Australien, von schnellen Autos und Motorrädern, von Mädels in engen Bluejeans, Hamburgern und Coca Cola. In einem Kaffee Ost-Berlins lernte er dann die Kellnerin Christina kennen und als er 25 war heiratete er sie. Sie war 22.

Bei einem Ungarn-Urlaub 1987 gingen er und Christina, als sich durch Zufall die Gelegenheit ergab, gemeinsam über die Grenze nach Östereich und von da nach West-Deutschland [3]. Sie lebten nun in München. Dort wurde Fred schnell klar, daß die Menschen im Westen, außer daß sie sich alles kaufen und überall hinfahren durften – vorausgesetzt sie hatten genug Geld – gar nicht großartig von seinen alten Leuten unterschieden [4]. Er fand eine Arbeit und gerade, als er von seinem ersten Ersparten die seit seiner Kindheit ersehnte Amerika-Reise machte, sah er im Fernsehen, wie 1989 die Berliner Mauer fiel. Deutschland war weit entfernt [5] und wurde wiedervereinigt und er konnte seine Eltern und Tom wieder besuchen.

Jedoch mußte er feststellen, daß ihn mit Tom nicht mehr allzuviel verband. Er hatte in der Zwischenzeit in München einen neuen Freund gefunden, Jens, der mit fünfundzwanzig angefangen hatte Medizin zu studieren und jetzt kurz vor dem Examen stand [6]. Wenn er sich mit ihm unterhielt, war er immer erstaunt, wieviel Jens wußte. Er erzählte ihm von den Sternen und Planeten, von der Raumfahrt, der Gentechnologie, von der Quantenmechanik, der Chirurgie, der Literatur, der Philosophie und anderen Wissenschaften, er war schlichtweg ein vielbelesener Mensch. Es gab kaum ein Thema zu dem er nichts wußte, er redete viel und gut, und Fred war sehr neugierig für sein Alter. Er beschloß Physik zu studieren, jedoch mußte er zuerst das Abitur nachholen, das tat er in der Abendschule. Abends und am Wochenende lernte er. Die Jahre vergingen und Fred bekam nicht allzu viel davon mit, denn er hatte neben seiner Abendschule fuer nichts mehr Zeit.

Dann kündigte er seine Arbeitstelle und fing mit 35 ein Physikstudium an, seine Frau arbeitete als Sekretärin. Es kam in ihrer Beziehung zu immer größeren Unstimmigkeiten, vor allem weil er keine Kinder wollte. Das konnte er sich als Student nicht leisten. Sie verließ ihn, als er 39 war. Er war ein fleissiger und begabter Physikstudent und studierte sehr schnell. Seine letzten Semester schlug er sich zuerst mit Gelegenheitsarbeit und dann mit der Sozialhilfe vom Staat durch. Er hatte Glück, als er mit 41 eine Stelle als Hilfslaborant in einem physikalischen Labor in Hamburg bekam. Dort arbeitete er ein paar Jahre.

Im Jahr 2001, mit 44, verließ er Deutschland und ging nach London, denn im Laufe der Zeit hatte er sich ein halbwegs gutes Englisch beigebracht, dass er durch einen taiwanesischen englischsprechenden Kollegen trainieren konnte. Dort arbeitete er als physikalischer Berater in einem Ingenieurbüro, das häufig mit deutschen Kunden zu tun hatte. Er hatte schon vor seinem Studium angefangen, Bücher zu lesen, nun hatte er bereits eine kleine Bibliothek in seiner Wohnung. Jens, der mittlerweile Arzt war, besuchte ihn häufig in London und sie diskutierten lange Abende lang. Fred lebte jetzt wieder mit einer Frau zusammen, Jane, die Malerin war.

Als Fred 55 war, im Jahr 2012, ging er nach Los Angeles, wo er eine Arbeit als Leiter einer Verkaufsabteilung für Laborgeräte gefunden hatte, Jane und seine Bücher blieben zurück. Fred hatte einen Terra-Byte-Speicher bei einer öffentlichen Datenbank gemietet, die er nun mit elektronischen Ausgaben seiner Lieblingsbücher, Filme und Musikstücke füllte [7]. Er hatte schon vorher von der Existenz von Kryonischen-Suspensions-Firmen in Amerika gehört, jetzt nahm er Kontakt mit einer von ihnen auf und schloß einen Vertrag [8].

Mit 68 im Jahr 2025 ging er in den Ruhestand. Seine Rente war nicht besonders hoch, da er nie sonderlich viel zurücklegen konnte, aber auch nicht zu gering, es reichte für ihn und die Frau, mit der er zusammelebte, Linda. Sie war viel jünger als er und konnte gut für sich selbst sorgen. Mit ihr zusammen hatte er einen Sohn, der 2015 geboren wurde. Fred begann ein Medizin-Studium wie einst sein alter Freund Jens aus München, der ihn auch noch in L.A. regelmäßig besucht hatte, aber 2022 an einem Tumor gestorben war. Freds Mutter lebte immer noch in Berlin, sein Vater war schon im Jahr 1997 gestorben. Im Jahr 2036 mit 79 Jahren erlangte Fred den Doktorgrad. Er war für sein Alter auch körperlich topfit, was durch seine sehr gesunde Lebensweise begünstigt worden war: wenig Drogen, wenig Kaffee, wenig Nikotin, wenig Fleisch, keinen Schnaps, wenig Streß, regelmäßig Sport, ausgewogene Vitamin- und Nährstoffzufuhr [9], eine regelmäßige Lebensweise. Mit 81 begann er ein Ingenieursstudium, daß er mit 89 erfolgreich abschloß. Seine Bücher-Datenbank war bis dahin auf achtzigtausend Exemplare angewachsen [10]. Mit 94 Jahren widmete er sich einem Philosophiestudium, das er nicht mehr beenden konnte, denn 2057 – fast hundertjährig – verstarb er ohne vorherige Krankheit an einem plötzlichen Herzversagen.

Er hinterließ eine siebzigjährige Frau, einen zweiundvierzigjährigen Sohn und dessen Familie. Fred war tot und trotzdem lebte er. Denn als Fred in seinem Garten beim Schneiden der Rosen zusammenbrach und der von seiner Frau verständigte Arzt nur noch seinen Tod feststellen konnte, rief sie keineswegs einen Leichenbestatter, sondern – was mit Fred lange vorher besprochen war – besagte Firma an, mit der er einen Vertrag abgeschlossen hatte. Sie rieten ihr, seinen Leichnam mit Nachbarn in den Keller zu schaffen, was sie denn auch tat, und kamen so schnell es ging mit ihrem Notoperations-Wagen. Was jetzt erzählt wird, klingt aus heutiger Sicht, wo die technischen Mittel weit fortschrittlicher sind, etwas barbarisch, war aber früher die einzige denkbare Methode der Kryonischen Suspension: Sie schnitten ihn auf, tauschten sein Blut gegen ein Frostschutzmittel, kühlten ihn knapp über den Gefrierpunkt, nahmen ihn mit in ihre Firma, entnahmen ihm dort sein Hirn und kühlten es herunter auf minus hundertachtzig Grad. Dort lag es dann tief unter der Erde gelagert in einem Tiefkühltank mit einem angenähten goldenen Metallstreifen mit einer Nummer versehen. Seinen Körper schickten sie zurück an seine Familie, die ihn ganz normal beerdigten und sich von ihm verabschiedeten. Weil sie selbst nicht an die von ihm gewählte Unterkühlungsmethode zur Lebensverlängerung glauben konnten, starben sie ganz normal. Seinem Enkel hatte Fred einen nicht zu kleinen Geldbetrag hinterlassen und vorher notariell festlegen lassen, daß er ihm einen gewissen Anteil an den Zinsen entnehmen durfte, den Rest aber nur verwaltete und irgendwann wiederum an seinen Enkel oder einen anderen Treuhänder weitergab. Er sollte ihn außerdem immer bestmöglichst anlegen, einen gewissen Anteil in Gold umwandeln und bei der Gefahr von Rezessionen oder Geldentwertungen reagieren.

Fred war zwar Zeit seines Lebens Atheist geblieben, hatte jedoch immer wieder gerne Martin Luthers Ausspruch rezitiert: Auch wenn ich wüßt’, daß ich morgen sterben würde , so würd’ ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen [11]. Und die Jahre vergingen, die Jahrzehnte, die Jahrhunderte. Freds Geist wartete in seinem Tiefkühltank in einem tiefen Keller und wartete.

Er hatte alle Zeit der Welt.

Kriege wurden gefochten,

Politiker und Parteien kamen und gingen,

Philosophien,

Moden,

Künstler und Künste

aber auch:

Technologien..

Dann kam die Zeit des Erwachens. Während man in einem Tank mit Nährlösung über Jahre den gehirnlosen [12] Körper Freds aus einer entnommenen Zelle nachwachsen ließ, reparierten Nano-Roboter allmählich, ganz sorgsam, ohne gewachsene Strukturen zu verändern, die Hirnschäden auf zellulärer Ebene, die der Einfrierungsprozeß mit sich gebracht hatte. Hirn und Körper wurden nun vereinigt, es war ein recht junger Körper, etwa dreißigjährig. Im Jahr 2283 öffnete Fred nach zweihundertzechsundzwanzigjährigem traumlosen Schlaf im Alter von 326 seine Augen und er fühlte sich, als wäre ihm gerade beim Rosenschneiden in seinem Garten schlecht geworden.

Die Welt hatte sich stark verändert. Es gab nur wenig Alte und Kinder, die meisten Menschen sahen etwa dreißigjährig aus. Die Menschheit hatte Behandlungen entwickelt, die den Alterungsprozeß völlig stoppen konnten. Um keinem Bevölkerungskollaps zu erliegen, war es verboten, Kinder zu haben, es sei denn man nahm freiwillig den Alterungstod in Kauf. Dafür gab es dann doch überaschend viele Kinder [13]. Die einzige Methode, beides zu haben, ewige Jugend und Kinder, war Weltraumkolonist zu werden. Die Welt bestand nun aus folgenden Himmelskörpern: Merkur, Erde, Mond, Mars, Io, Europa, Ganymed, Kallisto und Titan, hinzu kamen gewaltige Raumstationen in Planeten- und Sonnenumlaufbahnen, von denen die größten fast eine Milliarde Menschen beherbergten. Die Gesamtzahl der Menschen im Jahr 2283 belief sich auf hundertsechzig Milliarden. Man kannte weder Energie- noch Rohstoffknappheit, denn man nutzte Sonnenenergie, in Sonnennähe durch gigantische, freischwebende Solarkollektoren, in Sonnenferne durch Kern- und Fusions-Reaktoren, man baute Asteroiden und Kleinmonde ab und hatte für alle Stoffe geschlossene Kreisläufe entwickelt.

Die Menschen kannten fast keine Krankheiten und Seuchen mehr, nur in die seltensten, exotischsten Krankheiten war noch nicht genügend Forschungsaufwand gesteckt worden. Ein Unfalltod kam nur noch vereinzelt vor, denn jeden, dessen entscheidende Gehirnteile noch zu etwa fünfzig Prozent intakt waren, konnte man retten und ihm einen neuen Körper geben. Allmählich wuchsen die defekten Hirnabschnitte nach und wurden von selbst mit der alten Persönlichkeit des Patienten verbunden [14]. Es gab Hochgeschwindigkeits-Ambulanzen, die einen vollautomatischen Operationssaal mit sich trugen, der jeden noch so schwierigen Eingriff beherrschte.

Niemand mußte noch für seinen Lebensunterhalt arbeiten. Die meisten besaßen stattdessen Maschinen, die sie mit günstigen Krediten von sich gegenseitig unterbietenden Banken, erwarben [15]. Diese Maschinen waren vollautomatisch und teilweise auch schon selbstregenerierend [16].

Die Menschen zahlten geringe Steuern, mit denen öffentliche Einrichtungen und Bauwerke gebaut und unterhalten wurden, und die unterstützt wurden, deren Geschäft gerade nicht besonders lief, oder die aus irgendwelchen Gründen nicht in der Lage dazu waren, unternehmerisch tätig zu sein. Die größte und stärkste Institution der Menschheit war nicht die Regierung sondern das Markt-Kontroll-Zentrum, das aus dem früheren Kartellamt hervorgeganggen war [17].

Die Psychologische Forschung wurde in jener Zeit am intensivsten betrieben, denn niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte hatten sich die Lebensumstände gewaltiger verändert als in den letzten zwei Jahrhunderten und viele Menschen, vor allem die über Hundertfuenfzigjährigen, die die alten Verhältnisse noch gekannt hatten, hatten seelische Probleme. Auch kreative Tätigkeiten wurden von intelligenten Maschinen ausgeführt, trotzdem blieb die Kunst allein das Metier der Menschen. Hier versuchten sie bewußt ihre irrationale, animalische Vergangenheit auszuleben, die die Maschinen nicht besaßen [18]. Diese erzeugten eine andere Kunst, die man von der der Menschen sofort unterscheiden konnte, wenn es sich nicht gerade um ein Plagiat handelte.

Das Lebensgefühl der Menschen hatte sich von der Geschwindigkeitssucht der früheren Zeit zu einer Langsamkeitsphilosophie hin gewandelt. Hektik wurde als schlimmstes Vergehen angesehen, Streß als schlimmste Geisteskrankheit überhaupt, Workoholics ließen sich freiwillig in psychiatrische Kliniken einweisen. Man hatte eben alle Zeit der Welt und ließ sich Zeit, beim Gehen, beim Essen und Trinken, beim Reisen, beim Sex, man schlief lang, unterhielt sich gemütlich und spielte Geduldsspiele, meditierte, trieb langsame Sportarten, sah mit Verachtung auf die Geschwindigkeitrekorde der Vergangenheit [19].

Reisen zwischen den Planeten dauerten schon aus physikalischen Gründen sowieso Monate oder Jahre, die Stern-Kolonisten, die nun regelmäßig mit ihren gigantischen Raumschiffen aufbrachen waren sogar Jahrhunderte oder Jahrtausende unterwegs [20]. Aber lange Zeiträume ängstigten niemanden, denn wenn man wollte konnte man in ein paar tausend Jahren seine Verwandten wieder besuchen und in deren Leben, davon war man überzeugt, hätte sich bis dahin sicherlich nicht allzu  sehr verändert. Außerdem blieb man ja über Funkverbindungen in Kontakt, und Nachrichten waren damit nur Jahre oder Jahrzehnte unterwegs. Jede Art von schneller Veraenderung jedoch machte den Menschen zu schaffen und als schnell empfanden sie Jahrzehnte.

Zunächst beschloß Fred seinen Vermögensverwalter, seinen siebenfachen Urenkel, zu besuchen, der hundertsiebenundzwanzigjährig auf dem Jupitermond Io wohnte. Er kündigte ihm seinen Besuch an, ließ sich für den Anfang genügend Geld überweisen – er war ja jetzt sehr reich – und machte sich auf die achtzehnmonatige Reise, in der er die Geschichte der Menschheit, die er verpaßt hatte, mit Hilfe der opto-elektronischen [21] Bordbibliothek nacharbeitete. Er weigerte sich strikt, sich für die achtzehn Monate in den Kälteschlaf versetzen zu lassen und antwortete der Dame im Reisebüro, daß er davon “vorläufig genug hätte”.

Nach eineinhalb Jahren einer sehr einsamen Reise, denn er war davon ein ganzes Jahr lang alleine mit den Schiffsrobotern an Bord, wurden die zehntausend Passagiere des Linienfluges von der Erde zum Jupiter geweckt und stiegen um auf die verschiedenen Fähren zu den vier großen Jupitermonden Io, Europa, Ganymed, Kallisto und den Raumstationen des Jupitersystems. Der Große Rote Fleck war immer noch genauso gewaltig wie 270 Jahre zuvor [22]. Dann ging es in einem mehrwöchigen Flug zu Io, wo Fred am 20. Juli 2285 zum ersten mal Fuß auf einem fremden Himmelskörper setzte und zufälligerweise war es gerade der zweitgrößte Feiertag der gesamten Menschheit und Neil Armstrong hatte einen fast halbgottaehnlichen Status erlangt. Der uebliche Gruss an diesem Tag war “nur ein kleiner Schritt” [23].

Fred hatte nun auch die uebliche Alterungsbehandlung angefangen und sich erst durch verschiedene Produkte hindurchtesten müssen, bis er eines fand, das er vertrug. Er musste es täglich einnehmen, und schon während des langen Fluges hatte er über die Monate merkliche Veränderungen an seinem Körper bemerkt. Obwohl sein Körper Anfang Dreissig war, bemerkte er: er wurde jünger.

Der Empfang bei seinem Urenkel siebenten Grades – er nannte ihn kurz Altenkel – war sehr herzlich, sein Name war Abrasinius Malthus. Fred mußte ihm – als lebendes Relikt – alles erzählen, woran er sich überhaupt erinnern konnte, vor allem seine persönlichen Eindrücke, denn sein Altenkel war Historiker und kannte die Daten der wichtigsten Ereignisse in Freds Lebenszeit viel besser als Fred.

Fred ließ sich dafür von Abrasinius das Jupitersystem zeigen und sie machten einen dreijährigen Rundflug zu allen Jupitermonden und den großen Raumstationen mit ihren gewaltigen Ausmaßen. Die größte war einhundertzwanzig Kilometer lang und zwanzig Kilometer im Durchmesser, ein riesiger Hohlzylinder. Sie bot bis zu fünfzig Millionen Menschen Platz und war bereits von zehn millionen Menschen bewohnt, die sich dort an der inneren Wand des riesigen rotierenden Zylinders ein Eigenheim fuer sehr wenig Geld kauften [24].

Auf dem Rückflug nach Io sah Fred ein Sternenschiff starten. Es war ein Schiff der First-Klasse, die Konstantin Ziolkowski, etwa fünfzig Kilometer lang, an seiner dicksten Stelle einen Durchmesser von drei Kilometern habend wog es dreißig Milliarden Tonnen und bot 200.000 Menschen genügen Platz [25]. Denn Menschen brauchten auch im Jahr 2288 immer noch viel Platz: Platz zum leben, Platz zum sterben, zum lieben, zum streiten, zum hoffen und verzweifeln. Das Ziel der Ziolkowski war der Stern 70 Virginis in 35 Lichtjahren Entfernung und es sollte 1300 Jahre unterwegs sein. Jedes Jahr startete ein solches Schiff und die Plätze waren heiß begehrt, bedeuteten sie doch das Recht auf Kinder, wenn man einige Zeit später am Ziel erwachte und die Planeten des Systems besiedeln sollte. Sein Altenkel erklärte ihm, daß dieses Sternenschiff zu der damals kleinsten Schiffs-Klasse gehörte, denn Sternenschiffe mußten so riesig sein, um den gewaltigen Belastungen des Fluges Jahrhunderte zu widerstehen. Deshalb waren solche Schiffe auch durchweg aus Stahlbeton gebaut, der von den Asteroiden stammte.

Als nächstes reiste Fred zum Saturnmond Titan, wo er ebenfalls Nachkommen hatte, doch die Mondscheinathmosphäre auf dessem wolkenverhangender Oberfläche behagte ihm nicht sonderlich, daß er nur ein paar Monate blieb. Eine noch kürzere Zeit hätten seinen bayerischen Verwandten dort mit Sicherheit als Unverschämtheit aufgefaßt, jede Epoche hatte eben wie schon immer ihre Vor- und Nachteile, und Fred langweilte sich seit seiner Ost-Berlin Zeit zum ersten Mal in seinem langen Leben wieder mal ein wenig.

Nun trat er eine dreijährige Reise zurück in Richtung Sonne zum Mars an, wo er einen Ururenkel hatte, der sich hatte ebenfalls einfrieren lassen. Sein Name war Dr. Emil Kanakawa, er war 176 Jahre alt und hatte nur fünfzig Jahre schlafen müssen, bis die Technologie weit genug war ihn wieder aufzuwecken. Er war wie Fred Arzt und Ingenieur, da er sich mit ihm auch menschlich in jeder Hinsicht sehr gut verstand, blieb Fred einige Jahre auf dem Mars und lernte dessen Landschaften lieben. Kanakawa war ein Mitglied des “Vereins zur Förderung der Terraforming-Idee auf dem Mars” und wußte daher über dessen Geologie, Geographie, Meterorologie und Astronomie vorzüglich bescheid. Durch ihn erfuhr Fred auch daß es noch einen weiteren Nachkommen Freds gegeben hatte, der sich hatte einfrieren lassen, die Kryonische Suspension aber aufgrund eines Bombentreffers waehrend des dritten Aristarchischen Krieges, der die Kühlanlage zerstört hatte, nicht überlebte. Nach 15 Jahren verließ Fred seinen Altenkel Emil Kanakawa wieder, diesmal um seine alte Heimat Erde zu besuchen. Der Flug dauerte nur ein Jahr.

Die Erde war nun ein einziges Naturschutzgebiet, alle nur irgendwie bedenklichen Technologien hatte man auf den Mond verbannt [26], die einst von Menschen zerstörten Biosysteme waren größtenteils repariert oder befanden sich noch in der Umwandlung in ihren ursprünglichen, wilden Zustand. Es lebten nun vierzig Milliarden Menschen auf der Erde und diese Bevölkerungszahl wurde seit mehr als einhundert Jahren gehalten, es gab keine Armut mehr, die Menschen hatten sich in ihre Metropolen zurückgezogen und lebten dort auf kleiner Fläche in geschlossenen Lebenskreisläufen, ohne die Natur ausnutzen zu müssen [27]. Es waren nur noch etwa zwei Prozent der Landflaeche der Erde unter menschlicher Kontrolle. Der Rest der Erdoberfäche war Wildnis. Nur ganz wenige bevorzugten das harte Leben in dieser Wildnis, wo sie als Bauern im Gleichgewicht  mit der Natur lebten, und selbst für ihre Nahrung sorgen mußten, man nannte sie „die Agrariöks”. Die größte Stadt der Welt war Los Angeles mit 357 Millionen Einwohnern [28], sie war auch die größte zusammenhängende Stadt des Sonnensystems. Wenn auch einige Staedte im Jupitersystem und auf dem Mars ihr allmählich nahe kamen.

Fred besuchte als erstes Berlin, die Stadt in der er 1957 geboren worden war, in der Hoffnung, Spuren seines alten Lebens zu finden, aber nichts sah mehr so aus, wie es einst war, nur die Spree floß noch in ihrem alten Bett. Die Bauwerke waren im letzten Krieg von 2217 völlig vernichtet worden und man hatte beschlossen die Stadt von Grund auf neu zu gestalten, die alte Stadt konnte man in den verschiedensten Epochen in Cyber-Raum-Simulationen begehen. Im Grunde war die Stadt jetzt ein einziges zusammenhängendes 500 Meter hohes Hochhaus mit einer Ausdehnung von ungefähr hundert mal hundert Kilometern, in dem sich alles befand: landwirtschaftliche Nahrungsproduktionsstätten, Fabriken, Werkstätten, Straßen, Magnetbahnen, Flugschneisen fuer durchfliegende Flugzeuge, Hallen mit Glasdächern, Wohnhäuser, Parks, Bäder, Vergnügungsstätten, Bibliotheken, Museen, einfach alles. Fred versuchte vergeblich das Grab seiner Eltern zu finden, dann erfuhr er daß man alle Friedhöfe beseitigt hatte und stattdessen aus den DNS-Molekülen der Verstorbenen Holographie-Simulationen ihrer ehemaligen Körper angefertigt hatte, die man sich in virtuellen Gedenkräumen anschauen konnte und sogar mit ihnen sprechen konnte [29]. Fred erschien das geschmacklos und so verließ er Berlin wieder.

Dann besuchte er London, wo es ähnlich wie in Berlin aussah, jedoch hatte man hier die berühmten Bauwerke wie die Tower-Bridge und den Buckingham Palace geschickt in die biosynthetische [40] Glas-Stahl-Architektur eingebettet. London gefiel ihm daher etwas besser als Berlin, wenn er auch die Sprache der Menschen kaum verstand. Das Englisch das man heute sprach, hatte sich stark verändert, er konnte es kaum noch verstehen, obwohl er mehr als die Hälfte seines früheren Lebens englischsprachig gewesen war.

Nun ging es nach L.A. und er war sehr überrascht, als er aus dem Flugzeug beim Überfliegen nichts weiter sah als Strand und Bäume und schrie kurz auf, als sich das Flugzeug, in dem er saß, das wie fast alle anderen Transportmittel auf der Welt vollautomatisch war, sich einfach in Richtung eines schwarzen Schlunds, der sich am Boden auftat, herabstürzte. Aber dies war kein Fehler im Programm, sondern nur der richtige Weg nach L.A. Die Stadt lag nun in dreihundert Metern Tiefe unter dem Ozean. Ihr Hafen war ein U-Boot Hafen, was nichts besonderes war, denn es gab kaum noch Schiffe, die die Wellen durchpflügten, man hatte begonnen, den Meeresgrund zu besiedeln und Meereswirtschaft war neben der Hydroponischen Agrarwirtschaft die wichtigste Wissenschaft der Erdbewohner geworden.

L.A. bestand aus riesigen hellbeleuchteten Hallen von mehreren hundert Metern Durchmesser, die sich aneinanderreihten und auf verschiedenen Ebenen lagen, bis in Tiefen von vier Kilometern unter dem Meeresgrund. Seine Energie bezog die Stadt aus Fusionsreaktoren auf dem Mond und Solarkraftwerken in der Erdumlaufbahn [30], die ihre Energie gebündelt zu Empfangsantennen auf dem Festland schickten. Nach diesem Verfahren  bezogen alle Riesen-Metropolen der Erde ihre Energie.

Fred besuchte noch einige Jahre lang die anderen großen Städte der Erde, einige hatten sich wie Berlin völlig verändert, andere hatte man ganz unter Denkmalschutz gestellt, wie zum Beispiel Rom oder Moskau. Einige gab es nicht mehr: München, der einstige Wohnort Freds, wurde bei einem Atomschlag im Jahre 2217 von der Erdoberfläche wie Berlin ausradiert, aber die verbliebenen Bajovaren hatten sich entschlossen, die Stadt nicht mehr wieder aufzubauen und viele waren zum Saturnmond Titan ausgewandert. “Saturnbier mit den zwei Ringen” war nun überall die beliebteste Getränkemarke, denn ihre größte Fähigkeit hatten die Bajovaren auch über die Jahrhunderte nicht verlernt. Der Krater, so groß wie die ehemalige Stadt, mußte in Jahrzehnten von Spezialunternehmen entseucht werden [31].

Nach zehnjähriger Reise um die Erde, entschied er sich, die Agrariöks aufzusuchen, wovon man ihm sehr abriet, da sie als nicht besonders gastfreundlich galten. Fred tat es trotzdem. Er verschwand in den Urwäldern Europas. Dort blieb er und kam nicht mehr zurück und galt in der Presse, die bis dahin seinen zweiten Lebensweg – als einen der ältesten Menschen überhaupt – aufmerksam verfolgt hatten, als von den Agrariöks ermordet. Offiziell galt er als vermißt.

Es vergingen 97 Jahre. Dann beschlossen Freds Altenkel Dr. Emil Kanakawa und Abrasinius Malthus nach einem gemeinsamen Treffen auf dem Mars, nach Fred zu suchen. Sie flogen zur Erde, kauften sich dort Gelände-Geher-Maschinen [32] und machten sich auf die Suche, indem sie von Siedlung zu Siedlung der Agrariöks zogen und einfach nach Fred fragten.

Eines Morgens in Südfrankreich kamen sie aus einer Lichtung auf einen kleinen Acker, auf dem sich ein sonnengebräunter Mann laut fluchend mit einem Feldroboter herumärgerte, der anscheinend nicht genügend Zugkraft besaß, den feuchten, schweren Lehmboden zu pflügen. Sie riefen Freds Namen, und dieser schaute sich um und freute sich wie ein Kind seine beiden Altenkel wiederzusehen, ließ alles stehen und liegen und lud sie in sein Dorf ein, wo er mit einer schönen, rassigen Frau, Kamille, seiner Ehefrau, lebte [33].

Seine Altenkel blieben, auch von den Agrariöks fasziniert, nun selbst ein paar Jahre in Freds Dorf, um den Leuten bei der Landarbeit zu helfen. Dann war die Zeit des Abschieds gekommen. Fred überraschte alle damit, daß er ihnen mitteilte, er und seine Frau würden mit Abrasinius Malthus zum Jupiter gehen, um sich dort in der Warteliste eines Sternenschiffs einzutragen, denn alles was ihnen zum Glücklichsein fehlte, seien ein paar Kinder, und vor der harten Arbeit im Planetensystem eines fremden Sterns würden sie sich ja gewiss nicht fürchten.

Und so taten sie es, sie verabschiedeten sich von den Dorfbewohnern und es wurde ein Abschiedsfest gefeiert. Dann ritten Fred, Kamille und Freds Altenkel mit den Gelände-Gehern zurück zur nächsten Metropole: Paris. Von da aus ging es zum Raumhafen in der Erdumlaufbahn, hier verabschiedeten sie sich von Emil Kanakawa, der zurück zum Mars flog, um sich seiner Arbeit als Terraforming-Befürworter zu widmen. Fred und Kamille flogen mit Abrasinius zum Jupitersystem. Sie wohnten bei Abrasinius auf Io, solange sie auf den Flug warteten. Nach einer Wartezeit von nur dreizehn Jahren bekamen sie zufälligerweise zwei Plätze auf einem Sternenschiff zugeteilt, die durch einen kurzfristigen Rücktritt freigeworden waren. Der Name des Schiffs war Miralda und sein Ziel Beta Hydri in 20,5 Lichtjahren Entfernung. Am 31.Januar 2430 war es dann soweit, die Miralda zündete ihre Triebwerke, ein dünner, schimmernder Plasmastrahl von 100 Millionen Kilometer Länge, den man im gesamten Sonnensystem sehen konnte. Ganz langsam beschleunigte das Schiff, in dem Fred und Kamille tot in ihren Kryo-Kälte-Särgen lagen [34]. Das Leichenschiff verließ einige Monate später das Jupitersystem, nach weiteren dreißig Jahren das Sonnensystem, jetzt schon rasend schnell. Nach hundert Jahren waren die Treibstoffe für die Beschleunigung verbraucht.

Das Schiff zog nun mit rasendem Tempo

von fast drei Prozent der Lichtgeschwindigkeit

durch den interstellaren Raum.

Der mehrere hundert Meter dicke Schutzpanzer am Bug vibrierte

durch den Bombenhagel kinetischer Energie

einzelner Wasserstoffmoleküle hier und da,

wurde dünner und dünner, doch er hielt.

Die Zeit verging..

600 Jahre später schaltete sich das Bremstriebwerk ein und bremste langsam in einhundert Jahren auf die Einschußgeschwindigkeit in das Beta Hydri System ab. 800 Jahre nach dem Start, im Jahr 3230, öffneten Fred und Kamilla ihre Augen und sahen zum ersten Mal das gleißende Licht einer fremden Sonne. Die toten Menschen wurden wiederbelebt. Das Schiff brachte sie zu dem einzigen erdähnlichen Planeten des Systems, wo sie mit gigantischen Landefähren abstiegen und am Strand eines fremden Kontinents landeten. Sie pflanzten die Fahne der Menschheit: Hand und Auge – Sehen und Tun [35]. Und benannten den Planeten Bon Bon und den Kontinent Wells End [36]. Hier bauten sie sich eine goldene Stadt. Von dort aus begannen sie, sich in das Landesinnere vorzuwagen.

Fred und Kamille, die ihr Alter nicht mehr zählten, ließen sich in einem Gebirgstal am Ufer eines Bachs nieder bauten sich ein Schloß und bestellten dort ihr Land, sie lebten dort über 840 Jahre, bekamen 65 Kinder und eines davon war ich. Mein ältester Bruder ist 219 Jahre älter als ich, meine jüngste Schwester 537 Jahre jünger als ich. Einige von uns sind auf Bon Bon geblieben und gestorben, andere haben das Beta Hydri System besiedelt, einige, wie ich, zogen weiter hinaus in die Galaxis. Aber dies ist eine andere Geschichte… Auf Bon Bon waren wir Götter, später noch mehr [37].

Meine Eltern Fred und Kamille bekamen in den letzten Jahren immer mehr Probleme mit den eingeborenen Halbaffen, gegen die sie automatische Geschütze auf den Turmspitzen ihres Schlosses schützten, die tödliche Blitze auf Angreifer warfen. Hier und da wurden auch Feldroboter bei ihrer Arbeit beschädigt. Mit einer fliegenden Einmann-Platform flog Fred jeden Tag über seine Ländereien um die Arbeit der Feldroboter zu begutachten [38].

Die Attacken der halbmenschlichen Tiere gegen die Maschinen wurden immer häufiger. Einmal hatte Fred sich an die goldene Stadt gewandt und zu bedenken gegeben, daß die Halbaffen anscheinend immer intelligenter würden. Man hatte ihm nur schulterzuckend geantwortet, daß man dies aus den verschiedensten Regionen schon gehört habe, man riet ihm zum weiteren abwarten, und sollte es unerträglich werden, zum Rückzug. Sie waren nicht gekommen, eingeborene Tiere zu verdrängen. Allerdings hatten die Goetter bei ihrer Ankunft allenfalls damit gerechnet, niedere Tiere anzutreffen [39]. Doch diese niederen Tiere entpuppten sich als mehr.

Das Ende ist schnell erzählt. Eines Nachts fingen die Turmgeschütze an, wie wild zu feuern, was schon nichts ungewöhnliches mehr war, doch diesmal wollten sie nicht mehr aufhören. Als Fred endlich die dreihundert Meter von seinem Himmelbett bis zum Fenster zu Fuss zurückgelegt hatte und aus dem fünfzig Meter hohen Fenster des Schlafgemachs seines Schlosses sah, erkannte er im Mondlicht, wie hunderte der nackten Halbaffen Baumstämme vor sich herrollten, hinter denen sie her krochen, Deckung suchend vor den tödlichen Schnellfeuergeschützen. Viele blieben blutend und in Stuecke gerissen liegen, doch einige schafften es bis zum Wassergraben, durchschwammen ihn und begannen, die Mauern hinaufzuklettern. Sie fielen und starben massenweise, doch sie wollten nicht aufgeben. Was war geschehen? Es schien so, als würden die Tiere geplant, organisiert, zielgerichtet handeln – zu allem bereit. Fred beauftragte Kamille, die Kinder zu wecken und sich zu einem der titangepanzerten Gleiter zu begeben. Meine jüngeren Geschwister entkamen mit dem Fluggeraet, Kamille hingegen war zurückgekehrt, um mit  Fred die Stellung zu halten. In den Überresten des niedergebrannten Palastes konnte man später erkennen, daß sie noch genau 137 Magazine und 5 Schuss ihrer selbstgehenden sechsbeinigen 23mm Maschinenkanonen verschossen hatten, bevor sie überwältigt wurden. Von ihnen selbst blieb kein Haar übrig.

Das war also die Lebensgeschichte von Friedrich Schilling, geboren am 4. Oktober 1957 in Friedrichs Hain in Berlin, der Hauptstadt der DDR, eines Landes des Warschauer Paktes, auf dem Kontinent Europa des bewohnten Planeten Erde im System der Sonne am Rande des nullten Sprialarms unserer Milchstrasse, gestorben im Kampf an der Seite seiner mutigen Frau am 17. Februar 4087 im Schilling-Gebirge auf dem Kontinent Wells End des Planeten Bon Bon im Beta-Hydri-System während der ersten Revolution der Halbmenschen. Ich bin stolz sein Sohn zu sein.

Ende

Anmerkungen

[1] Ich habe die Geschichte damals einem meiner Freunde im Leben gewidmet, mit dem ich aehnlich wie die Figur Friedrich Schilling mit ihren Freunden ebenfalls naechtelang durchdiskutieren konnte: Joe – Name geaendert – den ich leider heute meide. Aber es bleibt dabei, gewidmet war sie ihm, als er noch ein Junge war.

[2] In der Stalinallee, der spaeteren Karl-Marx-Alle habe ich zwischen Anfang 1994 und Fruehjahr 1995 mal gegenueber dem Kino International in einem der Plattenbauten gewohnt.

[3] Hier wollte ich ein wenig auf die tatsaechlichen geschichtlichen Ereignisse Bezug nehmen.

[4] Ich finde heute, dass hat sich gerade nach den Gesetzen zur Aufhebung des Bankgeheimnisses, der gesetzlich erlaubten Abhoerung der Telefone und dem Aufstellen oeffentlicher Ueberwachungskameras gezeigt; wo war da der Aufschrei der westlichen demokratisch freiheitlichen Mehrheit? Es gab keine Mehrheit.

[5] Ist es heute nicht ferner, denn je? Wer macht sich Gedanken ueber die Ideale seiner Nation? Die Deutsche Gesellschaft von heute ist meiner Meinung nach mehr oder weniger ein Zufallsprodukt aus den Umgebungbedingungen, vor allem der europaeischen Politik. Damit steht und faellt sie, was danach kaeme, ist voellig willkuerlich, nicht absehbar, denn es gibt kein Deutsches Ideal. Und ich rede gewiss nicht von dem Fussball-Wirr-Gefuehl der Massen in den letzten Jahren. Ich meine den intellektuellen Aspekt des nationalen Bewusstseins und der damit verbundenen gesellschaftlichen, humanistischen Ziele, die es in Deutschland nicht gibt.

[6] Einer der interessantesten Aspekte dieser Geschichte fuer mich ist, dass es eine Art Jens in meinem Freundeskreis spaeter tatsaechlich gab.

[7] Das tun heute tatsaechlich die meisten Menschen. Es ist natuerlich Zufall, dass ich ausgerechnet jetzt, 2012, meine alte Geschichte wiederentdeckt habe.

[8] In den USA gibt es mindestens ein solches Unternehmen schon lange, auch lange vor 1996, schon mindestens seit den 70er Jahren. Aber jetzt gerade entstehen in Russland die ersten Startups, die noch unter primitiven Schlachthausbedingungen genau das Selbe versuchen.

[9] Ich beschaeftigte mich damals auch intensiv mit Methoden der Lebensverlaengerung durch optimale Naehrstoffversorung, wie man zwischen den Zeilen heraushoeren kann.

[10] Hier stand frueher zehntausend, das musste ich einfach aendern, es erschien mir aus heutiger Sicht so laecherlich klein.

[11] Anscheinend gefiel mir dieser Ausspruch Martin Luthers damals auch.

[12] Das war fuer mich damals ein ganz entscheidendes Detail, um das Zwillingsproblem und die damit verbundenen schwerwiegenden ethischen Fragen zu umgehen. Ein bekannter Hollywood-Film (The Island, 2005) hat sich spaeter dieser Problematik ausgiebig zugewandt. Ich habe mich daher bei dem Film etwas gelangweilt, auch wenn er gut gemacht war, denn ich wusste natuerlich schon nach wenigen Minuten um was es bei dem Film ging. Meine Partnerin wollte mir das natuerlich nicht glauben, als wir ihn zusammen ansahen und ich ihr nach der Aufloesung des Raetsels im Film gestand, ich haette es von Anfang an gewusst. Der Cassandra-Komplex des Sehers en Miniature..

[13] Heute wuerde mich das gewiss nicht mehr ueberraschen, aber damals mit 25 tat es das.

[14] Das ist heute tatsaechlich gaengige Praxis bei der Behandlung von Parkinson-Patienten und anderen hirnzerstoerenden Syndromen. Es gibt hier einen grossen philosophischen Disput, inwieweit eine solche Behandlung den Tot des Menschen und die Geburt eines bis dahin ungeborenen, abgetriebenen Kindes (aus dem die Stammzellen stammen) verursacht. Manche reden von einem Virus, der die Persoenlichkeit des vorigen Menschen allmaehlich verdraengt.

[15] So gedachte ich damals, koenne man das Problem der Automation loesen. Indem jeder sein eigener Kleinunternehmer wuerde und seinen eigenen Roboter verleihen und fuer sich arbeiten lassen wuerde.

[16] Eine fruehe, diffuse Ahnung der erst 2012 erschaffenen Monstermaschinen.

[17] Damals begann die Dominanz der Konzerne gegenueber den Mittelstaendler, dies war meine Antwort.

[18] Sehr interessanter Aspekt, finde ich jetzt. Genau dies ist der Unterscheidungsfaktor: selbst wenn Maschinen und perfekt nachempfunden waeren und ebenso eine Seele und eine Kreativitaet besaessen, sie haben nicht unsere Geschichte. Damit muessen sie sich fuer immer und unueberbrueckbar von uns unterscheiden.

[19] Dieser Abschnitt ist auch heute noch eine fast spirituelle Vision einer besseren Zukunft.

[20] Zu dem Thema der physikalisch machbaren interstellaren Raumfahrt habe ich mittlerweile ausgiebig geschrieben.

[21] Damals dachte ich, wie viele andere, die Opto-Eleltronik wuerde einst die Digitaltechnik abloesen – Schnee von Gestern.

[22] Das ist der unrealistischste Aspekt der ganzen Geschichte, alles andere ist wesentlich realistischer.

[23] Neil Armstrong ist in diesem Jahr verstorben. Es reichte fuer eine Zeitungsmeldung, ansonsten hat es niemanden sonderlich interessiert. In meiner Geschichte ist er fast ein Gott.

[24] Eine Anlehnung an die O’Neilschen Raumkolonien.

[25] Mittlerweile weiss ich, dass man solche Archen auch in wesentlich kleinerer Bauweise erreichen kann: mehrere Million Tonnen reichen voellig aus. Also mindestens eintausend mal kleiner. Dann waeren entweder 200 Menschen in einem (inzuchtgefaehrdeten) Dorf unterwegs oder sie wuerden wie in meiner Geschichte tiefgefroren abwarten, am Ziel wieder aufgetaut zu werden.

[26] Aus dieser Idee entstand letztendlich mein spaeterer Nomad Reaktor.

[27] Die Idee der in sich geschlossenen Stadte, die die gesamte Menschheit auf kleinstem Raume beherbergen, um die Natur zu schonen, hatte ich schon frueh. Ich habe die Idee in meinem Text ueber Geopolis bis auf die Spitze getrieben.

[28] Hier wuerde ich heute die zehn- bis einhundertfache Zahl ansetzen, sie erscheint mir wesentlich realistischer.

[29] Diese alte Idee von mir finde ich heute einfach nur noch geschmacklos und pervers. Als junger Mensch hat man einfach eine noch viel groessere Distanz und kalte emotionslose Beobachtungsweise gegenueber dem Tod. Wenigstens hat mein Reisender dies in der Geschichte bereits erkannt.

[30] Die Fusionskraftwerke sind seit der Idee der Nomad Reaktoren und ihre neuerdings auch als moeglich erscheinende Verlegung auf die Erde, zumindest in Miniaturversion von 10 kT, sehr nah gerueckt. Allerdings sehe ich heute nicht mehr, wozu man dann ueberhaupt noch Solarkraft braeuchte, die ja doch eher etwas schwach auf der Brust ist.

[31] Ich habe nichts gegen Bayern, im Gegenteil. Nehmen wir dies einfach als ausufernde Stilbluete der Geschichte an.

[32] Solche Gehmaschinen zur Unterstuetzung der Infanterie sind heute fast schon Realitaet. Es ist nur noch eine Frage von wenigen Jahren, bis sie die Reife und Robustheit erreichen. Hier ein Video auf Spiegel.de.

[33] Aus der Figur der Kamille wuerde ich heute interpretieren, dass ich trotz meiner damaligen blonden Freundin anscheinend eine geheime Vorliebe fuer rassige Frauen hegte.

[34] In der Tat, eine Aufbewahrung ueber Jahrhundete oder Jahrtausende ginge wirklich nur in einer sehr strahlungsarmen Umgebung hinter meterdicken Waenden nahe dem absoluten Nullpunkt. Damit waeren die aufbewahrten Menschen tatsaechlich tot. Man wuerde sie nur eben spaeter wiederbeleben. Es muss sehr schmerzhaft und belastend sein, eine Reise anzutreten, fuer die man erst sterben muss, in der Ungewissheit, ob die automatische Wiederbelebung in 1000 Jahren funktionieren wird.

[35] Meine Idee einer Fahne der gesamten Menschheit mit Hand und Auge finde ich heute ziemlich gut.

[36] Ueber den Namen des Planeten Bon Bon haben meine damaligen Mitbewohner merkwuerdigerweise sehr gelacht. Aber bon heisst angenehm, zutraeglich, gutherzig, freundlich, tuechtig.

[37] Es ist klar, dass ich hier den Rueckbezug zu den fruehen Mythen und Religionen der Menschheit und ihre moderne Interpretation seit H.P. Lovecraft suchte. Mit Erich von Daenikens Wunscharchaeologie hat dies nichts zu tun.

[38] Turbinengetrieben Einmannplatformen, auf denen Menschen stehend schnell fliegend weite Strecken zuruecklegen koennen, gibt es schon seit den 70er Jahren. Das ist ueberhaupt keine neue Idee. Hier ein Video auf Youtube. Jedoch eine moegliche Interpretation als eine Art Streitwagen der den griechischen Goettern verwandten zukuenftigen Sternensiedler, finde ich interessant.

[39] Hier ist die Verwandlung Friedrichs Schillings, eines sozialstischen Jungbuergers der Deutschen Demokratischen Republik, eines Jungpioniers und Mitglieds der FDJ vollbracht. Nun ist er einer der neuen Goetter in einer fernen Welt, der perfekte Aristokrat, und schon wird an seiner Allmaechtigkeit und Rechtssprechung gezweifelt.

[40] Ein weiterer Hinweis auf die spaeteren Monstermaschinen, wenn auch im Bereich der Architektur.

[41] Dieser Satz ist aber nicht von mir, ich glaube mich zu erinnern, dass er von Robert Forward stammt. Wer weiss es besser?

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

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