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Wie breiten sich Ideen aus?

Heute las meine Frau in der Zeitung einen aktuellen Artikel ueber eine wissenschaftliche Veroeffentlichung, zeigte ihn mir und sagte:

„Darueber hast Du doch auch mal geschrieben, das sind doch Deine Ideen!“

„Interessant, zeig mal her.“ antwortete ich und las ihn durch.

Moment mal, da stimmt doch etwas nicht an der beruehmtesten physikalischen Formel aller Zeiten! Trotzdem ist es legitim sie zu hinterfragen, immer und immer wieder. So funktioniert Wissenschaft und nur so koennen neue Ideen entstehen: aus der Kritik, aus dem Unglauben, aus dem Misstrauen gegenueber dem Status Quo

„Ja, es koennte durchaus sein, dass der Wissenschaftler zu seiner Computersimulation, die er jetzt veroeffentlichte, durch das Durchlesen einer meiner Artikel angeregt wurde. Oder ein Kollege hat es gelesen und sie haben vielleicht mittags in der Kantine darueber diskutiert und er weiss gar nicht woher die Idee urspruenglich stammt. Ist aber genauso moeglich, dass er von ganz alleine darauf kam. Es gibt noch viele andere Menschen mit ungewoehnlichen und interessanten Ideen.“

„Ich hoffe, Deine Veroeffentlichungen haben wenigstens ein Datum.“, meinte sie.

„Ja, klar. Und?“

„Also ich haette keine Freude, mir solche Muehe zu machen und andere heimsen die Lorbeeren ein.“, antwortete sie.

„Ach das meinst Du!“, rief ich jetzt ueberrascht.

„Erst einmal ist das eine ganz gewoehnliche wissenschaftliche Arbeit, die eine Uni nun mal veroeffentlicht, und die die Presse einfach nur interessant genug fuer einen Artikel auf ihrer Wissenschaftsseite fand. Da will niemand Loorbeeren einheimsen. Zweitens ist es ein Unterschied von vielen hundert bis tausend Stunden Arbeit zwischen ein paar Tagen des Aufschreibens einer Idee, die einem mal nachts um Vier irgendwann in den Sinn kam, und ein paar Monaten wissenschaftlicher Arbeit mit mathematischen Modellen und der Auswertung von Simulationslaeufen. Drittens kann der Wissenschaftler auch ganz gut selber auf die Idee gekommen sein – wer weiss mit welchen Gedanken er sich die letzten Jahre beschaeftigt hat. Und viertens kann er sich trotzdem taeuschen und wir liegen zusammen falsch.“

„Unsinn, so verrueckte Ideen hat doch keiner. Da muss man schon voellig weltfremd sein und einem sowieso alles komplett und voellig egal sein wie Dir – Du koenntest uebrigends endlich mal den Wasserhahn reparieren!“, konterte sie.

„Du verstehst nicht was ich will.“, sagte ich. „Wenn das so waere, dass der Wissenschaftler durch Zufall beim Recherchieren unter bestimmten Stichworten im Internet auf meiner Seite fuendig wurde und ihn eine hypothetische Idee von mir  zu seiner Arbeit angeregt haette, dann ist das genau das, was ich mir gewuenscht habe. Oder vielmehr damals eigentlich nicht zu wuenschen gehofft hatte, als ich mit dem Schreiben anfing.“

„Ja aber Du und wir haben doch gar nichts davon!“, sagte sie unglaeubig den Kopf schuettelnd.

„Wenn ich dem Bettler auf der Strasse mein letztes Geld schenke, haben wir anscheinend auch nichts davon.“

„Das kann man doch gar nicht vergleichen!“

„Doch es ist genau das selbe.“

„Du spinnst ja!“, rief meine Frau und lachte mich aus.

Ich lachte auch. Aber nicht ueber mich selbst oder meine Frau sondern ganz einfach, weil ich sehr gluecklich war.

Das interessante Gespraech mit meiner Frau brachte mich zu den folgenden Gedanken. Wie breiten sich Gedanken oder Ideen eigentlich aus? Klar, erst einmal durch Buecher oder Artikel und heute auch das Internet und manchmal sogar noch das Fernsehen, auch wenn es leider immer mehr verkommt. Das Radio darf ich nicht vergessen, auch hier gibt es interessante wissenschaftliche Beitraege und natuerlich Zeitschriften und die Zeitungen, aus deren Berichterstattung ja ueberhaupt das Gespraech und alles weitere resultierte..

Natuerlich handelt es sich in den Medien meist um etabliertes Wissen. Es ist schwierig zwischen Humbug und guten Ideen zu unterscheiden, wenn man sich selbst nicht mit gleichen oder verwandten Themen beschaeftigt. So verlaesst man sich gerne auf den guten Ruf, die Reputation der beteiligten Personen oder Wissenschaftler. Die Geschichte hat bewiesen das dies haeufig nicht ausreichend ist. Der beruehmteste Fall der letzten Jahrzehnte ist der der kalten Fusion Ende der Achtziger Jahre.

Die beiden Wissenschaftler, ueber deren Namen schon viel zu oft haemisch hergezogen wurde, genossen auf ihrem Fachgebiet das denkbar hoechste internationale Ansehen bei allen Kollegen, bis man ihnen nachwies, das sie bei ihren entscheidendsten Versuchen schlicht etwas geschlampt hatten und ueberhaupt keine Fusionsreaktion existierte. Aber um dies zu erahnen, haette man selbst sehr tief im Gebiet der Elektrochemie oder Strahlungsmesstechnik gefestigt sein muessen, und letztendlich um Sicher zu gehen, die Versuche selbst nachstellen muessen. Die Sensation verpuffte, alle die dafuer eingetreten waren schaemten sich nun fuer ihre Leichtglaeubigkeit, die wohl teilweise aus dem unbedingten Wunsch der verbreiteten Vorstellung der achtziger Jahre resultierte, das man fuer alles eine sanfte technische Loesung faende. Einige wenige wollen es tatsaechlich bis heute nicht wahr haben, dass es keine kalte und sanfte Fusion im Palladiumkristall gibt.

Ich finde es eigentlich nicht schlimm was diesen beiden Wissenschaftlern passierte, im Grunde konnte an diesem Fall der Wahrheitsfindungsprozess der empirischen, exakten Wissenschaften exzellent bestaetigt werden. Und es ist ueberhaupt nicht schlimm, wenn man sich taeuscht, auch im ganz grossen Stil, wenn man ein guter Verlierer ist. Nur die Enttaeuschung der Glaeubigen war dafuer diesmal um so schlimmer, und diese Enttaeuschung schadete den beiden Wissenschaftlern viel mehr als der schlecht durchgefuehrte, nicht gegengepruefte, und zu frueh veroeffentlichte Versuch. So etwas ist auch schon anderen etablierten Wissenschaftlern im Eifer ihrer Arbeiten passiert. Oder soll ich noch an die Fehlmessungen and den Maeusen von Tschernobyl in den Neunzigern erinnern. Genau das ist Wissenschaft: wenige moegliche Behauptungen, viele moegliche Ueberpruefungen. Manchmal hat man recht, manchmal liegt man komplett falsch. Das ist selbst den beruehmtesten Wissenschaftlern so gegeangen. Ich werde wieder keine Namen nennen, weil es der Haeme ja wohl schon an anderen Stellen genug gibt.

Manche guten Ideen sind aber auch so einfach, dass sie jeder verstehen kann und sagt: da haette ich auch selber drauf kommen koennen! Das sind uebrigends die besten Ideen. Die schoensten, die perfekten. Trotzdem, auch diese Ideen muessen ja erst einmal geboren werden. Ein schwieriger und anstrengender Prozess meist, nur am Ende sieht das Ergebnis so einfach aus. Ein etwas vereinfachendes Beispiel: nehmen wir die hohe Kunst des Kochens, ein grossartiges Rezept braucht viele Jahre, bis es irgendwann vom Koch, nun seinem Anspruch genuegend, wie eine Visitenkarte, irgendwo veroeffentlicht wird, dann aber kann es jeder halbwegs begabte Hobbykoch zuhause problemlos nachkochen. Ist das schoene Essen deshalb trivial? Nein, natuerlich nicht. Im Gegenteil!

Es ist sehr nuetzlich, wenn sich einfache – und selten sogar komplizierte, gute Ideen auf der Welt ausbreiten und zwischen den Menschen geteilt werden. Das Feuermachen, die Axt, die Holzbruecke, das Kanu, die Blockhuette, der Schmelztiegel, das Rad, der Pflug, und und und. Das waren alles sehr gute Ideen, die irgendwann ein unbekannter Mensch, gewiss mit einem schoen klingenden Namen, irgendwo zum allerersten Mal erdacht hatte, und wir alle werden dem Unbekannten fuer immer dankbar sein. Vielleicht hat er sie selbst noch nicht einmal selbst gebaut, sondern sein mit den Haenden sehr viel geschickterer Nachbar, dem er davon erzaehlt hatte. Wer war denn dann eigentlich der Erfinder? Und weil wir niemals erfahren werden, wer es genau war, der Denker oder der geschickte Handwerker, der Afrikaner, der Amerikaner, der Asiate oder der Australier, ein Mann oder eine Frau, so sind wir einfach all unseren Vorfahren irgendwie ein bisschen zu Dank verpflichtet. Das ist sehr schoen, finde ich.

Gruende der Nichtausbreitung

Wie kommen Ideen eigentlich zur Welt? Wenn man eine neue Idee hat, gibt es verschiedene Moeglichkeiten, was mit der Idee passieren kann. Erst einmal gibt es einige gute und auch einige leidige Gruende, warum man Ideen nicht veroeffentlicht:

  • Die Idee ist von Anfang an nicht zur Veroeffentlichung gedacht. Die meisten Ideen wuerden viele Menschen niemals veroeffentlichen, weil sie noch unausgereift oder von so geringer Relevanz sind, dass man nicht glauben kann, dass sie irgend jemanden interessieren koennten. Weltweit erfolgreiche Trivialthemen-Blogger zeigen jedoch, dass unrelevante Ideen, lustig praesentiert, trotzdem fuer Furore sorgen koennen. Ach was sage ich, das halbe moderne Fernsehen funktioniert so. Ich find’s lustig und mag manche von diesen Blogs, v.a. Glove and Boots, und auch Fernsehsendungen.
  • Man haelt die Idee fuer schlecht. Irgendwann wirft man seine Notizen weg. Das mache ich so und jeder kreative Mensch mit den meisten seiner Ideen. Man hat staendig neue Ideen, und die meisten waeren einem peinlich sie zu aeussern, auch wenn sie vielleicht auch fuer andere Menschen interessant waeren.
  • Man redet mit niemandem ueber seine Idee aus Geiz. Es gibt wunderbare kleine, feine Ideen, die moechte man ganz egoistisch und selbstverliebt fuer sich selbst behalten und lacht sich dabei heimlich ins Faeustchen. Man moechte gar nicht, dass irgend ein Fremder die schoene Idee kritisiert und zerredet. Man haelt sie viel zu schade fuer Pragmatiker oder Unkreative.
  • Man stellt fest, die Idee hat es frueher schon mal gegeben. Manchmal sind alte Ideen jedoch schon so sehr in Vergessenheit geraten, dass sie fast wiederentdeckt werden. Die Idee ist vielleicht gut und kaum ein Mensch kennt sie noch. Dann sollte man sich vielleicht trotzdem fuer eine Veroeffentlichung entscheiden, natuerlich mit dem Verweis auf die alte Idee, die man einfach wieder-erfunden hat.
  • Man redet mit niemandem ueber seine Idee aus frueherer unangenehmer Erfahrung. Der Mensch funktioniert zu einem gewissen Grad nach dem Belohnungsprinzip. Wird man fuer eine Sache von seiner Umwelt geradezu geadelt, wiederholt man sie natuerlich jederzeit gerne wieder, hat man am Ende jedoch ein eher neutrales oder sogar schlechtes Gefuehl, laesst man es in Zukunft lieber mit der Aeusserung seiner Ideen und dem damit verbundenen Kraftaufwand. Das kennt wohl so mancher aus seinem Arbeitsalltag. Unsere Industrie hat mit der Zeit ein System erschaffen, in dem es meist so ablaeuft – positive Ausnahmen ausgenommen: Die vielen jungen, naiven Ideenlieferanten frisch aus den Hochschulen kommend, stehen einer eingespielten Horde von erfahrenen, knallharten Schnorrern, Ideendieben und Trittbrettfahrern gegenueber, die sich systematisch erst ueber jede gute Idee lustig machen und sie bis zur Unkenntlichkeit zerreden, um sich nach einer kurzen Zeit des allgemeinen Vergessens die Rosinen aus den nun offiziell geringwertig eingestuften Ideen zu picken, und sie fuer ihre Karriere zu nutzen, waehrend die eigentlichen Ideenproduzenten entweder leer ausgehen oder bestenfalls billig abgespeist werden – deshalb sind neue Idee immer geringwertig. Die Gewinner lachen ueber die Eitelkeit und Gutglaeubigkeit ihrer Opfer. Doch wer zuletzt lacht, lacht am besten, und so sind es immer die einstigen kreativen Verlierer, welche meist die besten, ausgereiftesten, spaeteren Ideen ihres beruflichen Werdeganges aus frueherer Entaeuschung einfach fuer sich behalten. Dann verlieren alle und die Verlierer von einst haben ein gewisses Gefuehl der Revanche. Viele Macher der Wirtschaft glauben daher (nichts ahnend?), die Techniker und Wissenschaftler haetten ihre besten Ideen, wenn sie jung sind. Das ist natuerlich Unsinn. Weshalb sollte das so sein? Die Anzahl der gelesenen Buecher, der Erfahrungen, der Assoziationen waechst mit der Zeit – ja, die Assoziationenen sogar exponentiell. Die Kreativen erzaehlen nur kaum mehr von ihren Ideen, weil sie glauben im Unternehmen oder in der Behoerde, nichts ausser viel Arbeit, Aerger und Verdruss von ihren Ideen zu haben. Womit sie ja meist auch voellig recht haetten. Welche riesigen Schaetze dabei verloren gehen, nur weil viele Unternehmensfuehrungen keinen Weg aus dieser Misere finden..
  • Man will sich nicht selber mit seiner Idee ausgrenzen oder sogar gefaehrden. Manchmal sind Ideen so brisant oder gewagt, dass man sich damit einfach zur Unperson macht, wenn man sie aeussert, egal wie logisch und einleuchtend sie sind. Logisch begruendet, physikalisch keinem Gesetz widersprechend, mathematisch berechenbar – solche Grundlagen von denen so mancher bei seinen eigenen Ideen nur traeumen kann – nutzen einem gar nichts, wenn die Gesellschaft die Ideen nicht mag und nicht will, weil sie bei den Menschen zum Beispiel Uraengste ausloesen oder die Erinnerungen an vorgefallene schlimme Ereignisse hervorrufen. Solche Ideen sind entweder „unvernuenftig, dumm, unintelligent, ekelhaft, blasphemisch, fuerchterlich, irre, geisteskrank, schwachsinnig“ – die Liste der Adjektive fuer kristallklare Erkenntnis die nicht gefaellt, liesse sich lange fortfuehren. Der Erfinder der Idee weiss es schon vorher und er wird sich die Verbreitung gut ueberlegen. Ist sie es wert? Es bleibt der schwache Trost: die Wahrheit setzt sich immer irgendwann durch. Dem Erfinder der Idee nutzt es natuerlich wenig, wenn er irgendwo blutend haengt. Ich rede hier sicherlich nicht von meinen eigenen Ideen, es gibt und gab noch wesentlich gewagtere Ideen auf dieser Welt.
  • Man vergisst seine Ideen. Das ist der trivialste und schlimmste Grund von allen. Alle, die oft Ideen haben, kennen das: kein Papier ist verfuegbar, kein Kugelschreiber, kein Bleistift. Ein Erfinder braucht nur wenig Ausruestung und doch vergisst er sie hier und da. Genau dann kommt sie ploetzlich, die Idee auf die man so lange gewartet hat, man sieht alles ganz klar vor Augen, ein Bild oder eine komplexe logische Herleitung, man kann es verstehen und erfassen. Dann faengt das Bild wieder an zu verschwimmen, jetzt greift man schnell in seine Tasche, aber: kein Stift, kein Papier. Man reduziert es auf drei Saetze, die man vor sich hermurmelt, und sucht weiter nach Papier und Kugelschreiber. Der Nebel verdichtet sich. Da ist ein Cafe an der naechsten Ecke, dort kann man sich vom Ober Papier und Kuli borgen. Man laeuft darauf zu. Dann stoesst man ploetzlich mit einem Passanten zusammen. Vielleicht eine schoene junge Frau, ihre Tasche faellt zu Boden, man hebt sie auf, entschuldigt sich vielmals – oh wie niedlich, Sommersprossen. Man geht weiter und die Saetze sind verschwunden – fuer immer. Ich bin mir sicher, so ist unterm Strich das halbe moegliche Wissen der Menschheit verloren gegangen, nur weil gerade kein Sand, keine Tontafel, kein Papier, kein Strom verfuegbar war. Mit den heutigen Smartphones, Laptops und Touchpads ist das ganze natuerlich noch schlimmer geworden. Deshalb benutzt kein richtiger Erfinder oder Kreativer so etwas.
  • Man haelt seine Idee streng geheim und nutzt sie als Quelle fuer ein kommerzielles Produkt, welches man nicht so einfach „reverse engineeren“ oder nachbauen kann. Viele Produkte werden so hergestellt, dass die Produzenten die dahinter stehenden grundsaetzlichen Ideen nicht veroeffentlichen und patentrechtlich schuetzen lassen muessen, um zum verkaufbaren Produkt zu gelangen. Das funktioniert nur in bestimmten Faellen bei bestimmten Produkten. Die Legende der geheimen „Coca-Cola-Rezeptur“ ist hierfuer das schoenste Beispiel, glaube ich.

Gruende der Ausbreitung

Das Feuer, Kanus, beruehmte logische Argumentationen, die meisten Industrieprodukte fuer den Endkonsum (Autos, Eigenheime, Telefone, Motorraeder, Tauchgeraete, Spielsachen, Armbanduhren, Zellstoffwindeln, Waschmaschinen, Fernseher, Segelyachten, Laptops und so) und auch – zumindest die veroeffentlichten – Limondanrezepturen. Nehmen wir die allgemeine Relativitaetstheorie noch hinzu, und beruehmte Kunstwerke, und natuerlich viele leckere Kochrezepte. Was haben diese Ideen alle geimeinsam? Es waren einmal tatsaechlich allesamt neue Ideen und sie sind nicht geheim gehalten worden oder wieder verschwunden sondern haben es geschafft, sich zu verbreiten. Was sind denn eigentlich ueberhaupt Gruende, warum sich Ideen eines erfinderischen Menschens zum ersten Mal von ihm loesen und versuchen, sich auszubreiten:

  • Man laesst seine Ideen schuetzen und versucht mit der Verbreitung und Vermarktung der Ideen selbst Geld zu verdienen. Das geht mit den Mitteln des Urheberrechts oder Patentrechts. Jeder Buchautor, jeder Verlag, Designer, jede Werbeagentur, jeder Maler, jeder Fotograf, jeder freie Erfinder, jedes Technologieunternehmen nutzen diese Moeglichkeiten des gesetzlichen Rahmens, mit den eigenen Ideen durch deren Weiterverkauf Geld verdienen zu koennen. Dann ist immer die Frage wo dieser Schutz gueltig ist und ob man gerade zufaellig ueber das finanzielle Durchhaltevermoegen verfuegt, den Schutz durch die Instanzen im Rechtsstreit auszufechten. Denn freiwillig hat noch kein Ideendieb auf der Welt Geld gezahlt. Zum Beispiel nutzt einem ein Patentschutz in den fuehrenden Industrienationen der Welt recht wenig, wenn ein Industrieunternehmer in einem autokratischen, rechtsfremden Staat die Idee zum Wohle des Volkes von der Fuehrung autorisiert umsetzt, und spaeter auch international vertreibt.
  • Man teilt seine Idee von Anfang an mit allen und freut sich daran, wenn sie sich verbreitet, weil man am Allgemeinwohl interessiert ist. Hier ist wohl der gute Linus Torvalds, der Erfinder von Linux, das beste Beispiel. Mittlerweile leben wir in einer Welt, umgeben von eingebetteten Linux-Rechnern (Fernseher, Mobiltelefone, Autos, etc.) und trotzdem ist Torvalds kein Multimillionaer, geschweige denn Milliardaer, wie manch anderer Computerpionier. Aber jeder, der einmal darueber nachgedacht hat und natuerlich auch Torvalds selbst wissen: Linux waere niemals zum fuehrenden Computerbetriebssystem geworden, wenn er es vermarktet haette. Der Grund, warum es alle anderen verdraengte, war ja eben, weil es von Anfang an der gesamten Menschheit gehoerte und nicht einem Einzelnen oder einem Unternehmen. Die „Piratenpartei“ in Deutschland ist fest davon ueberzeugt, dass diese Art der Verbreitung von Wissen und Erfahrung, die des groessten volkswirtschaftlichen Nutzens ist. Wichtig ist aber eine klare Abgrenzung: der Urheber entscheidet alleine und frei, ob er seine Ideen verschenken oder verkaufen moechte, es darf kein Zwang zum Verschenken auf der einen Seite und auch kein Kavaliersdelikt des Ideenklaus auf der anderen Seite entstehen. Auch sollte es zum guten Ton gehoeren, dass man, wenn man schon geschenkte Ideen nutzt, deren Urheber und Schenker in den Quellen erwaehnt.
  • Man moechte mit seinen ungewoehnlichen Ideen provozieren und damit die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. So mancher Kuenstler hatte schon grausame Ideen. Einer hat sogar die Abdruecke toter Menschen ausgestellt und hat damit soviel Aufmerksamkeit auf seine Wanderaustellungen gezogen, dass er mit seinen Abdruecken etwas Geld verdienen konnte. Wem’s gefaellt.. Der eine tut’s fuer Geld, der andere fuer den Ruhm, wieder einer weil er eine messianische Botschaft mit seinen Ideen, zum Beispiel seiner Musik, verbreiten will: Ja, so mancher Kuenstler will die Menschen zum Nachdenken anregen, indem er die Aufmerksamkeit auf seine Arbeiten zieht. Die Welt soll eine bessere werden und gleichzeitig als nuetzlicher, kleiner Nebeneffekt der eigene Name einen Stellenwert erhalten. Warum das nicht wirklich funktionieren kann, erklaere ich gleich.

Jetzt sind zu den vielen Konsumprodukten und mehr von oben noch Buecher, Designs, Fotografien, Aktionskunst und die Rockmusik hinzugefuegt worden und sogar Computerprogramme, die materiell gar nicht zu existieren scheinen [*]. Allesamt Ideen, alle waren sie einmal neu und hatten es schwer. Warum setzen sich einige von ihnen so viel einfacher in der Welt durch, wie Hamburgerrezepte und Zellstoffwindeln, und andere viel schwerer, wie Gedanken neuzeitlicher Aufklaerung, oder Raumfahrt- und Raketentechnik fuer jedermann [**]? Wenn man einmal genau hinsieht und sich fuer gute Ideen zu interessieren anfaengt, bemerkt man sogar, dass es viele gute Ideen oft bemerkenswert schwer haben und sich gar nicht so ausbreiten, wie man es eigentlich erwarten wuerde. Woran liegt das eigentlich?

Warum sich viele gute Ideen dann doch nicht ausbreiten

Bei all den Ideen, die Menschen veroeffentlichen, muesste unsere Welt doch eigentlich voller guter Ideen sein, die das Leben insgesamt ertraeglicher, schoener, und sinnvoller werden lassen. Warum gibt es trotzdem soviel Leid und Grausamkeit, soviel Dummheit und Sinnlosigkeit? Na ja, weil wohl niemand der unangenehmen Akteure je von diesen guten Ideen erfahren hat. Dumm sind sie ja nicht, die meisten Menschen, nur haben sie wirklich keine Ahnung, was es hinter ihrem erlernten geistigen Horizont noch alles an phantastischen Moeglichkeiten gibt. Gelaeuterte Schlaeger, Moerder, Terroristen, Neonazis, Sektier ausserhalb der Gesellschaft, sowie Ueberzeugungstaeter verschiedener anderer Gebiete innerhalb der Gesellschaft, sie alle erzaehlen am Ende ihres alten Lebens / am Anbeginn ihres neuen Lebens immer irgendwie das Gleiche: haette ich all dies vorher gewusste! Haette ich vorher gewusst, dass es noch andere Wege, Moeglichkeiten, Ideen, Philosophien, Lebensweisen gibt, als die eine, die man mich lehrte. Vielleicht waeren Angst und Schrecken, die ich verbreitete, nie passiert. Einige gute Ideen drangen einfach nicht durch zu diesen doch eigentlich ganz netten Jungs, oder? Warum? Warum mussten bis dahin so viele Menschen unschuldig durch ihre Haende leiden?

Es folgt eine Liste der fuenf grossen Filter, die eine Ausbreitung der guten Idee vom Erfinder zum potentiellen Empfaenger verhindern. Ich habe dabei bewusst nicht auf die Begriffe Desinteresse, Dummheit, Ignoranz Bezug genommen, die oft in diesem Zusammenhang genannt werden, weil ich sie eigentlich nicht als Filter betrachte, die ein Durchdringen verhinden. Diese Begriffe bezeichnen eher Eigenschaften von Individuen, die womoeglich Ideenempfaenger sind, zum Beispiel typischerweise bei der Ausbreitung von Konsumprodukten. Der Grad von Interesse, Schlauheit und Aufgeschlossenheit von moeglichen Empfaengern stellen mehr eine Anziehungskraft bis hin zu Abstossungskraft fuer neue Ideen dar, und ich wuerde sie daher nicht als Filter bezeichnen. Bei einem Filter gehe ich davon aus, dass der Empfaenger die neue Idee eigentlich gerne empfangen wuerde, sie aber aus anderen Gruenden nie erhaelt.

  1. Die freiwillige Abschottung eines Umfeldes ist sicherlich der erste und naheliegendste Grund. Wie einfach, einem jungen Menschen zu erzaehlen, wo es langgeht, was richtig und was falsch ist. Manche Kinder werden heute nach wie vor zu Killern erzogen, zu Menschen die anderen Menschen willentlich Gesundheit oder Leben nehmen sollen. Mancher erzieht sein Kind, sein eigenes Leben einer Sache, einer Philosophie oder Religion oder einem System zu opfern, und nimmt dabei die fruehe Aufgabe eines erfuellten, reichhaltigen Lebens oder brutalerweise sogar den Tod seines geliebten Kindes willentlich in Kauf. Welchen Gott er auch immer haben mag, falls er einen hat, dieser hat ihn ganz sicher schon lange verlassen. Dieser anscheinend einzige Weg wird oft schon ueber Generationen gelehrt. Wuessten die Vaeter oder ihre Soehne ueber die tausende anderer Wege, die sich seit dem Anbeginn der Zeit entwickelt und veraestelt haben, wuerden sie nur ein paar von diesen tausenden alternativen Wegen zur Weisheit einmal ohne Angst und Scheu erkunden, sie wuerden ihren jetzigen Weg und auch den ihrer Vorfahren und auch den ihrer Kinder besser verstehen, von allen Seiten betrachten und dann noch einmal frei entscheiden. Zu was sie sich auch immer entscheiden wuerden, es waere keine Zwangsentscheigung mehr sondern eine freie Entscheidung. Freiwillige Abschottung fuehrt immer irgendwann zu Zwang, denn freier Wille basiert auf der Kenntnis vieler Alternativen.
  2. Eine Zwangweise Abschottung von Aussen ueber eine Zensur der Medien, des Internet, des Brief- und Telefonverkehrs wird heute bei Milliarden Menschen auf der Erde taeglich praktiziert. Die Meisten stoert es nicht. Einige Wenige leiden wahrscheinlich sehr darunter. Sie koennen als Minderheit nichts dagegen tun, die Maechtigen ihres Landes entscheiden ueber die richtigen und die falschen Ideen. Das dies jede wirkliche, neue Dinge erschaffende Kreativitaet im Kern erstickt, ist den Machthabern voellig egal. Man kommt auch gut mit der einfachen, kontrollierbareren Form der Kreativitaet – der phantasievollen Variation von bereits Bestehendem – gut voran. Die Menschen ihres Landes sollen nicht verwirrt werden von so viel Alternativen. All die hunderte Philosophien, all die Lebensweisen und Gesellschaftformen die im Laufe der Menschheit schon ausprobiert wurden, wuerden sie nur vom rechten Pfad abbringen. Sie brauchen Klarheit und Vorbilder, keine weiteren Zweifel. So denkt man und glaubt vielleicht sogar ernsthaft, man taete sich und seinem Land und seinen Leuten einen Gefallen. Das tut man aber nicht.
  3. Die Ideen sind gar keine neuen Ideen. Ihre staendige Ausbreitung und Diskussion blockiert und filtert damit die wirklich neuen Ideen. Immer wieder werden die selben Themen durchgekaut und wiederholt, immer wieder gibt es eine nachrueckende Generation von Jungen die die Zeitschriften und Artikel und Buecher noch einmal kaufen. Immer wieder werden alte Ideen variiert und perspektivisch veraendert. Piere Boulle der grosse franzoesische Romancier hat sich diesem Thema in einem seiner Werke ausgiebig gewidmet. Mit erschreckendem Resultat: die meisten Menschen aeffen einfach alles nach. Es gibt kaum Menschen, die ueberhaupt neues erschaffen koennen. Ich kann es nicht glauben, ich will es nicht wahr haben. Ich ertrage den Gedanken kaum. Ist es so? Aeffe ich nur nach?
  4. Die Ideen sind nicht so gut, wie die Urheber dachten. Das kann passieren. Da haben die Menschen die in der Abschottung leben ja nochmal Glueck gehabt. Die Menschen die nicht von den freien Ideen abgeschottet leben, hoeren also von der neuen Idee, und ueberlegen sich, was sie davon halten sollen. Was macht eine gute Idee aus, was macht eine schlechte Idee aus? Eine gute Idee zeichnet sich dadurch aus, dass sie das Leben der Menschen entweder leichter, freier, schoener, wohlhabender, gesuender, weiser, klueger, froehlicher, ausgeglichener, entspannter, freundlicher, usw. macht. Jede Art von positiver Kraft, die von einer Idee ausgehen kann, macht sie zu einer guten Idee. Um so mehr davon erfuellt wird, um so besser. Trotzdem sind gute Ideen aufgrund der Vielfalt ihrer moeglichen, oftmals indirekt auftretenden Auswirkungen, oft nicht einfach zu erkennen und von schlechten Ideen zu unterscheiden. Eine Bewaehrungsprobe kann da helfen. Wie kann man ohne Bewaehrungproben eine Vorauswahl treffen? Ein wenig geht mit einfachster Logik: Viele Probleme entstammen dem Phaenomen der Knappheit und dem unmittelbar folgenden Verteilungsstreit. Wenn man also etwas gegen Knappheit tun kann, ist das anscheinend grundsaetzlich immer eine gute Idee. Aendert man die Verteilung, gibt es noch mehr Streit – anscheinend nicht unbedingt eine gute Idee. Viele Probleme entstammen dem Phaenomen der Unwissenheit. Ohne Wissen und dessen Anwendung kann man nur schlecht Probleme loesen. Gegen die Unwissenheit vorzugehen, ist also anscheinend auch grundsaetzlich eine gute Idee. Wendet man sein eigenes Wissen an um anderen bei Problemen zu helfen, haben sie die selben Probleme wieder, sobald man sie verlaesst – anscheinend nicht unbedingt eine gute Idee. Solche einfachen Ueberlegungen koennen sehr hilfreich sein, um zu entscheiden, welche Ideen man auf jeden Fall erst einmal in einer Bewaehrungsprobe testen sollte, bevor man sich auf sie verlaesst. Die meisten Probleme enstammen uebrigens der Angst vor den Problemen selbst und aus Loesungsversuchen fuer andere Probleme, wie es scheint. Aber das ist ein philosphisch tiefer gehendes Thema, das ich noch nicht ganz verstehe [***]. Aber es soll tatsaechlich Menschen auf der Welt geben, die haben keine Probleme mehr, weil sie weit darueber stehen. Gehen wir also davon aus, das diese weisen, und endgueltigen Menschen, eine gute Idee vielleicht auf Anhieb und praezise erkennen wuerden. Gute Ideen muessten sich somit irgendwann doch von den schlechten unterscheiden lassen und immer bis zum Empfaenger durchdringen, wenn man sie nicht abschottet. Was tut der Empfaenger nun damit?
  5. Ehrgeiz und die Eitelkeit geben den guten Ideen dann meist den Rest. So wenige Menschen auf der Erde bleiben uebrig nach einer 1. Freiwilligen Abschottung oder 2. Zwangsweisen Abschottung von fremdem Gedankengut. Von den wenigen freien Ideen, die zu den wenigen freien Menschen durchdringen, stellen sich viele Ideen nur als 3. Imitiationen heraus, die von keinem Mehrwert sind. Die Ideen die wirklich neu sind, sind meist 4. Schlechte Ideen, im gegenteiligen Sinne wie eben die guten Ideen beschrieben wurden. Da gibt es viele schoene Beispiele aus der Technik, von anscheinend guten Ideen, die uns das Leben mehr und mehr zur Hoelle machen, und eigentlich Selbstzweck sind. Und sie brauchen viele Resourcen und Energie die dann fuer gute Ideen fehlen. Auch jetzt werde ich wieder keine Namen nennen. Nur ein kleiner Teil von guten Ideen bleibt da noch uebrig, der ueberhaupt in der Lage ist, bis zum moeglichen Empfaenger durchzudringen. Die weisen Menschen, die eine objektive Sicht der Dinge besitzen, wuerden die gute Idee sofort erkennen, aber es sind wenige. Die meisten, die die guten Ideen auf Anhieb ebenfalls erkennen, sind die, die nach einer aehnlichen Idee gesucht haben. Nun sehen sie die zu ihnen durchgedrungene Idee vor sich, und sind ziemlich enttaeuscht. Warum? Weil es nicht ihre eigene Idee war. Das ist ganz natuerlich. Kommt die Idee von einem Anderen, macht sie nur noch halb soviel Freude, weil sie eben nicht dem eigenen Werk entstammt, dem eigenen „Sandkasten“. Ehrgeiz und Eitelkeit des Empfaengers verhindern zu guter Letzt doch noch das Durchdringen der guten Ideen zu ihm. Im Gegensatz zu Desinteresse, Dummheit, Ignoranz erfasst der Empfaenger also durchaus die Qualitaet und Relevanz der Idee, lehnt sie jedoch aus anderen Gruenden ab. Das ist fuer mich ein Filtermechanismus. Das Problem kenne ich selber, und ich muss es mir immer wieder klar machen. Ich frage mich bewusst, wenn ich eine interessante Idee entdecke, ob mir diese Idee noch besser gefallen wuerde, wenn es meine eigene waere – oder nicht. Wenn nein, ist das ein schlechtes Zeichen, wenn ja ist das vielleicht ein Grund, sich die Sache einmal genau durchzulesen, und vielleicht sogar die eigene Suche auf diesem Gebiet vorerst einzustellen, und sich anderen Gebieten zu widmen – denn man muss das Rad ja nicht neu erfinden (man darf natuerlich!); lieber den alten Raderfinder loben..

Schulen und Universitaeten als Quellen der freien Ideen

Die genannten fuenf Filtermechanismen verhindern das Durchdringen vom Ideenschoepfer zum moeglichen Empfaenger. Es bleibt also unterm Strich fast nichts von den guten neuen Ideen in den Koepfen der Menschen haengen. Selbst wenn alle, die das ueberhaupt duerfen und koennen, zur Schule und zur Universitaet gehen und danach ihr Leben lang lesen und nach Erkenntnis suchen. Dies nutzt gar nichts, wenn nur im jeweiligen System etablierte Ideen verbreitet und zum Auswendiglernen angeboten werden – wenn nichts gewagt wird.

In den Schulen gibt es kaum Raum fuer freie Gedanken. Einige wenige Lehrer ermoeglichen ihn ihren Schuelern durch freiwillige ergaenzende Zusatzfaecher, die sie meist in ihrer privaten Freizeit anbieten, und in denen mal nicht „mit dem Trichter“ Lehrstoff „gepaukt“ wird, sondern lieber frei im Seminarstil ohne jede Erwartungshaltung ueber ein zu lernendes Thema diskutiert und erzaehlt wird. Die Schueler sind ihnen dafuer im spaeteren Leben sehr dankbar, wenn sie rueckblickend den Wert dieser entspannten Zeit geistiger Beschaeftigung zu schaetzen lernen.

In den Universitaeten war vor ihrer Verschulung etwas Platz, sich auszuprobieren, zu erlernen, mit seinem kreativen Verstand konstruktiv neues zu entwickeln. Sich aus dem Baukasten des gesamten menschlichen Wissens ueber alle Disziplinen hinaus das notwendige Wissen fuer die Entwicklung der eigenen Ideen herauspicken zu koennen. Jeder solange er wollte und es fuer sich brauchte. Ich zum Beispiel wollte erlernen, wie man grosse Traegerraketen baut, die gigantische Lasten in den Weltenraum zu hieven in der Lage waeren. Das dauerte immerhin gute zehn Jahre, bis ich alle unbedingt notwendigen Grundlagen darueber wusste.

Diese Moeglichkeiten des freien Wissenserwerbs sind wohl mittlerweile stark eingeschraenkt, wie mir einige junge Menschen in den letzten Jahren berichteten. Damit ist das Prinzip der Universitaet eigentlich gestorben. Als ich zur Universitaet ging, hatte ich vom ersten Tag an klare Ziele, ich hatte eine ungefaehre Ahnung, welche Maschinen – die erwaehnten Traergerraketen – aber auch Geraete, Anlagen, welche Kunstwerke, Gesellschafts- und Weltmodelle, welche Geschichten, Gedichte und Lieder ich gerne erschaffen wuerde, wenn ich die Mittel dazu erlernen koennte. Damit war das Bildungssystem der humanistischen Universitaet wie fuer mich geschaffen und ich bin den Erfindern des Prinzips Humboldtsche Universitaet sehr verbunden. Aber ich bemerkte damals schon, dass es nur wenige Studenten gab, die sich in der Universitaet ebenso zielgerichtet wie ich selbst bedienten. Die anderen verschrieben sich mehr oder weniger mit der Zeit einem einzigen Vertiefungsgebiet bei einem einzigen Professor. Aber es war ihre freie Entscheidung. Das Vorlesungsverzeichnis der TU Berlin war fuer mich damals das schoenste aller Buecher und ich freute mich jedes Semester darauf.

Und ich hoerte damals mit Entsetzen in der Studentenschaft der Universitaet die ersten Forderungen nach einem strukturierten Lehrplan, nach mehr Vorgabe und weniger Eigenverantwortung. Es gab auch Professoren, denen die allzugrosse Selbstaendigkeit einiger Studenten, vor allem derer aus anderen Laendern der Erde, gar nicht gefiel, und ich glaube mich an eine Aussage wie „das ist doch hier kein Selbstbedienungsladen“ seitens eines Professors zu erinnern. Ich denke in diesem speziellen Fall war es ihm aufgrund eines Wutanfalls herausgerutscht, und es war nicht seine grundsaetzliche Einstellung, aber sein Satz war bezeichnend fuer die Stimmung bei einigen Professoren, die besser an reinen Ingenieursschulen statt Universitaeten gelehrt haetten. Ich konnte nur den Kopf ueber die selbstbeschraenkenden Forderungen meiner Komilitonen schuetteln. Aber es wunderte mich nicht, dass einige von ihnen, nachdem sie die Universitaeten verliessen und teilweise auch Karrieren in der Lokalpolitik ihres Heimatorts starteten, genau diese Forderungen nun demokratisch untermauert stellten, in die Parlamente gewaehlt wurden, und nach Jahren auf noch weniger Widerstand innerhalb der Universitaeten gegen diese Forderungen stiessen.

Welchen Namen und Vorwand man fuer diese Selbstbeschraenkung in der Bildung fand, spielt in diesem Text keine Rolle, denn es geht mir mehr um die dahinterstehenden grundlegenden Prozesse als die konkreten Details in nationaler und europaeischer Bildungpolitik, deren Analyse aufgrund des allgemein bekannten politischen Versteckspiels um Macht und Einfluss nicht so einfach ist. Grundsaetzliche informationsverbreitende und -filternde Prozesse sind viel klarer zu erkennen als die einzelnen Details, deshalb schreibe ich diesen Text.

Ausbildung hat in unserer heutigen Zeit mit dem Bildungsideal leider nur noch sehr wenig zu tun. Gesellschaft und Politik fordern die Nuetzlichkeit des Wissens. Eine Produkterstellungs-Mentalitaet hat sich durchgesetzt. Was man nicht verkaufen kann und in Geld aufwiegen kann, scheint keinen Wert mehr zu besitzen. Man fordert die Praktikabilitaet der guten Idee! Man fordert ueberhaupt etwas von der Idee. Ideen werden also zum ersten Mal in einem demokratischen System beurteilt, noch bevor sie geaeussert werden. Ich kann mich an keine saekularisierte Demokratie in der Geschichte erinnern, wo es so etwas schon mal gab. Neue Ideen werden somit systematisch verhindert. Bis zu einer Bewaehrungsprobe, wo sie beweisen koennten, ob sie gut oder schlecht sind, werden viele gute Ideen somit niemals gelangen, nicht morgen und nicht in Jahrzehnten, weil es sie nie geben wird. Sie werden den demokratischen Abstimmungsprozess somit nie erreichen koennen. Man umgeht an dieser Stelle die Demokratie.

Man kann den eben erwaehnten modernen Mechanismus zur Verhinderung neuer Ideen an den Universitaeten durch die Forderung nach deren Nuetzlichkeit fuer die Gesellschaft natuerlich ebenso als einen Ideenfilter der Kategorie 1. Freiwillige Abschottung vor der neuen Idee einstufen. Hier ist es keine Religion oder ein politisches Weltbild, sondern vielleicht einfach nur Dummheit, die zu dieser Selbstbeschraenkung fuehrt. Hoffen wir es mal.

Aber selbst wenn Bildung und Erkenntnisgewinn einst wieder zum Ziel in einer unserer modernen Gesellschaften wuerden, so gibt es einfach zu viele unsinnige Filter zwischen Ideenproduzent und moeglichen Empfaengern. Ich will sie noch einmal zusammenfassen und bei ihren haesslichen Namen nennen. Vorher aber will ich kurz noch auf den einzig konstruktiven Ideenfilter eingehen, der leider keineswegs mehr der entscheidende Filter ist: die Bewaehrungsprobe.

Die destruktiven Ideenfilter

Es gibt nur einen einzigen konstruktiven Filter fuer Ideen: die Bewaehrungsprobe, die eine Idee als eher gut oder eher schlecht identifiziert. Ein absolut berechtigter und notwendiger Filter. Und sie ist meist noch nicht einmal fuer alle Zeiten endgueltig, weil sich veraendernde Rahmenbedinungen auf die Nuetzlichkeit von Ideen rueckkoppeln. Viele Ideen bekommen tatsaechlich eine zweite Chance. Ein sehr intelligenter Mechanismus eines moeglichen Hintertuerchens, die uns das Universum da zur Verfuegung stellt. Hier ist mein Lieblingsbeispiel: Otto Lilienthal und der Schneider von Ulm. Ein Narr, wer ueber den armen Schneider lacht, dem die Werkstoffe und die neuen mathematisch technologischen Methoden der Ingenieursschulen noch fehlten.

Frueher habe ich, wie wohl viele meiner Leser, gedacht, die Bewaehrungsprobe waere der einzige Filtermechanismus fuer neue Ideen. Leider jedoch ist die Bewaehrungsprobe mittlerweile zu einem winzigen Ideenfilter geschrumpft, der vor der Groesse der anderen Filtermechanismen voellig verblasst. Wenn man sich diesen sinnvollen und wichtigen Ideenfilter heute ersparen wuerde, dann wuerde dies wohl gar niemand mehr bemerken.

Und ich glaube, wir erleben dies mittlerweile staendig, wie Bewaehrungsproben fuer neue, aber erwuenschte, dem zufaelligerweise gerade modischen Gedankengut schmeichelnden Ideen, staendig uebergangen werden, wenn wir beobachten, wie Grossbaustellen, Erschliessungsprojekte und moegliche neue Energiequellen immer wieder scheitern, weil niemand mehr die Bewaehrungsprobe auch nur erwaehnt. Viele dieser Projekte sind schon mehrfach in Folge gescheitert. Es  interessiert niemanden. Man macht einfach keinen Platz mehr fuer neue Ideen. Was solls? Denn vor den anderen Ideenfiltern der Menschheit, die dafuer um so wilder wueten, bemerkt das eh niemand mehr:

  • Freiwillig Abschottung vor Ideen
  • Zwangsweise Abschottung vor Ideen
  • Verkauf von Imitationen als neue Ideen
  • Ablehnung von neuen Ideen aus Ehrgeiz und Eitelkeit

Unter der erdrueckenden Last dieser massiven Ideenfilter erscheint eine Verbreitung von neuen, ungewoehnlichen Ideen, um ueberhaupt jemals bis zur Bewaehrungsprobe vorzudringen, voellig hoffnungslos. Und deshalb hat mich der Gedanke, der Wissenschaftler haette sich vielleicht von einem meiner Texte inspirieren lassen, so gluecklich gemacht. Ob es stimmt oder nicht kann mir doch voellig egal sein.

Ende

Anmerkungen

[*] Die materielle Nichtexistenz von Computersoftware fuehrt, wenn man sie hinterfragt, letztendlich zu der Unterscheidung von Materie und Form bei anderen Ideen. Es stellt sich dann schnell heraus, dass es eigentlich die Form ist, die die Erfindung oder das Kunstwerk ausmacht, und damit jede Idee nicht materiell ist. Selbst ein beruehmtes Gemaelde, dass ja ebenso in allen Techniken und Materialien, oder einfach durch Fotografie, wiedergegeben werden kann. Die Idee bleibt, selbst wenn das Gemaelde durch einen Brand fuer alle Zeit verloren ginge, weil sie die Empfaenger einmal erreichen konnte.

[**] Raumfahrt- und Raketentechnik fuer jedermann erwaehne ich bewusst um zu zeigen, dass es noch andere brisante Ideen ausser bestimmten politisch-gesellschaftlichen Ideen auf der Welt gibt. Das ist auch kein reiner Unsinn, denn in den USA wird dieses Thema nun schon seit Jahrzehnten regelmaessig versucht und es scheint so, als koenne sich eine nichtstaatliche, private Raumfahrt nun zum ersten Mal vorsichtig dort etablieren. Wir sind hier in Europa davon natuerlich unendlich entfernt. Private bemannte Raumfahrt ist noch ein zartes Pflaenzchen und wir muessen abwarten. Aber es gibt Grund zur Hoffung und einen Praesidenten der fuer politische Rueckendeckung sorgt. Es ist noch schwierig zu sagen, ob die junge Pflanze dem Sturm der Altetablierten nach einem Machtwechsel in vier Jahren dann schon standhalten kann, oder ob wieder aehnliche Zustaende wie vor November 2008 hergestellt werden. Ich gehe einfach mal davon aus, das der jetzige Praesident Obama noch einmal gewaehlt wird.

[***] Vor ein paar Monaten habe ich mich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem interessanten philosophischen Aspekt der selbst geschaffenen Probleme aus der Angst vor Problemen beschaeftigt. Dies fuehrt den Denkenden zu spirituellen und weniger logischen Aspekten des Lebens, denn schnell kommt man zu den Fragen des grundsaetzlichen Antriebs allen Strebens. Ich habe dazu einen Text geschrieben, den ich ueberhaupt nicht fuer gelungen halte. Ich werde ihn noch einmal vollkommen ueberarbeiten muessen. Es war ein Gedankenspiel, in dem ich den Leser dazu bringen wollte, fuer einen Moment sein Wissen um die Welt zu vergessen, und sich auf eine haarstraeubende aber logische Argumentation einzulassen, und danach temporaer aber ernsthaft zu glauben, alle Probleme der Welt waeren laengst wissenschaftlich technisch geloest. Wir wuerden uns nur in einem Zustand der selbst auferlegten Pruefungen befinden, den wir jederzeit freiwillig betreten und auch wieder verlassen koennen. Jeder einzelne und auch ganze Gesellschaften. Es war der Versuch eine Bruecke zwischen Spiritualitaet und Wissenschaft zu schlagen. Ich glaube, dass dies moeglich ist. Ohne in die nicht logische  mathematische  empirische Verschwommenheit der Esoterik oder noch schlimmer in die Faenge dieser Hubbard-Sekte zu geraten.

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

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