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Ist der Ruf erst ruiniert lebt’s sich voellig ungeniert

oder warum Kreativitaetsseminare sinnlos sind

Die etwas alternativeren oder kreativeren unter meinen Lesern kennen das Problem. Irgendwann kommt jeder im Leben mal an den Punkt, wo er sich fragt, ob ein Verhalten, das auf sein Ansehen hinzielt und dafuer die Selbstentfaltung zuegelt ihm mehr Lebensglueck bringt als ein Verhalten, das vielleicht in Selbstentfaltung muendet und dafuer das eigene Ansehen in der Gesellschaft missachtet. Ein Mittelweg erscheint unlogisch, da er ja mit einer gewissen Selbstkontrolle um eines Mindestansehens bemueht waere, und damit die kreative Selbstentfaltung implizit beschraenkt. Man kann mittlerweile auch medizinisch, physiologisch beweisen, warum es keinen Mittelweg geben kann. Dazu spaeter mehr.

Ist das schwer..

Losloesung als Grundprinzip

Neulich hatten meine Freunde und ich auf Facebook eine Diskussion zum Thema Konstruktivismus aufgrund einer mitgeschnittenen Vorlesung Professors Paul Watzlawicks auf Youtube. In seiner Vorlesung hat er sehr schoen erklaert, warum es unmoeglich ist, Loesungen fuer Probleme zu finden, wenn man sich innerhalb des Definitionsraumes des selben Problems bewegt. Er hat es an dem Neun-Punkte-Problem und seiner Loesung erkaert. Die Problemstellung lautet: verbinde 9 Punkte, die quadratisch angeordnet sind, mit nur 4 Geraden (zur Visualisierung des Problems siehe z.B. [1]). Fast jeder, der die Loesung nicht kennt, wird daran scheitern, denn fast jeder wird sich innerhalb des Blatt Papiers oder des Quadrats bewegen. Erst wenn man das Quadrat und das Blatt Papier komplett verlaesst und die Geraden wild auf dem Tisch weiter zeichnet, ist die Loesung ploetzlich nicht mehr unmoeglich, sondern voellig einfach, eigentlich trivial. Kindern faellt die Loesung des Problems uebrigens leichter als Erwachsenen. Kepplers Ellipsenbahnen als Loesung des hellenistischen Epizyklenproblems der Planetenbahnen oder Einsteins Relativitaetsprinzip als Loesung des Problems der von Michelson/Morley bewiesenen konstanten Lichtgeschwindigkeit sind ebenfalls beruehmte Beispiele von mit dem Neun-Punkte-Problem verwandten Problemloesungen. Und auch hier war es in beiden Faellen so, das die Loesung jeweils viel einfacher war als all die vielen vorherigen komplizierten Erklaerungsversuche und „einfach nur“ den Bezugsrahmen sprengte.

Um zurueck zu den Kreativitaets-Seminaren zu kommen. Diese werden in der Industrie gerne angeboten. Man erhofft sich, damit die Kreativitaet der Mitarbeiter zu steigern, ihr Vermoegen zur Ideenfindung und damit zur Findung von Loesungen fuer technische oder organisatorische Probleme, im besten Falle sogar zur Findung neuer Produktideen. Trotzdem sollen die Mitarbeiter im normalen Geschaeftsalltag natuerlich weiterhin funktionieren und ihre Taetigkeit effektiv ausueben. Dies ist aber, so zeigt die medizinische Psychologie, ein nicht zu loesender Widerspruch. Es kann keinen Mitarbeiter geben, der gleichzeitig ein „Kreativer“ und „Guter Mann“ ist, um die gaengigen Bezeichnungen fuer Mitarbeiter die entweder zum versponnen oder zum stets verlaesslichen tendieren zu benutzen. Bei Frauen heisst es meines Kenntnisstandes nach „Kreative“ und „Verlaessliche Mitarbeiterin“, der Begriff „Gute Frau“ ist, soweit ich weiss, unueblich. Wenn ich im weiteren den Begriff „Guter Mann“ benutze, meine ich selbstverstaendlich Mitarbeiter beiderlei Geschlechts.

Freier Raum fuer Kreative

Es waere besser, sich die Kreativitaetsseminare fuer verlaessliche Mitarbeiter zu sparen und stattdessen den versponnenen mehr Freiraum zu geben. Wenn man eine neue Loesung eines Problems sucht, muss man ALLES zulassen. Und ALLES ist noch nicht genug, wie das Neun-Punkte-Problem einfach und verstaendlich zeigt. Man muss MEHR ALS ALLES zulassen, auch alles was anscheinend ueberhaupt nichts mit dem Problem zu tun hat. Eben WIRKLICH ALLES. Wenn ein Mitarbeiter z.B. beim Schwimmen die besten Ideen hat, sollte er vielleicht sofort Schwimmen gehen. Wenn einer erst mal Schlaf braucht, sollte er eigentlich sofort die Fuesse hoch legen und im Buero schlafen, wenn man an seiner guten Idee interessiert ist. Wenn einer glaubt, es bringt etwas, den Loesungsvorschlag des frueheren Kollegen, dessen Idee einen Millionenschaden verursachte und der immer noch, weil er gleichzeitig Geld unterschlug, im Gefaengnis sitzt, neu aufzugreifen, dann sollte er dies einfach tun duerfen. Und wenn jemand ueber Juden, Hitler, Schwule, Inkontinenz, Kinderpornos, Sex mit Tieren und sogar Stuetzstruempfe diskutieren moechte, dann sollte keiner vor Scham erroeten oder gar schimpfen: „Was hat das jetzt mit dem Thema zu tun?“ Diese Frage ist der Todfeind und das Ende jeder Kreativitaet. Vorausgesetzt man ist wirklich an neuen Ideen interessiert, darf es keine Tabus geben, denn Tabus sind Teil der Vernunft und Vernunft widerspricht Kreativitaet. Aber ich warne Sie, lieber Leser, versuchen Sie das besser nicht so ohne weiteres in ihrer Firma.

Um neue Ideen zu finden, sollte man auf jeden Fall immer abgeschlossene „Think Tanks“ von kreativen Mitarbeitern bilden, die moeglichst liberal und kuenstlerisch veranlagt sind und am besten untereinander vertrauen, so das der Rest der Firma die verrueckten Geistesblitze der „Kreativen“ nicht ab bekommt. Das Gelaechter waere gross, die Ablenkung von der konzentrierten Arbeit noch groesser. Anders ausgedrueckt: all die vielen Kreativitaets-Seminare in Industrie und Behoerden sind von Vornherein zum Scheitern verursacht, weil ein normaler Mitarbeiter, ein Mensch der sich um sein „Image“, also sein Ansehen in der Gesellschaft, kuemmern muss, seine Kreativitaet im wahrsten Sinne medizinisch unterdrueckt. Es ist ein halbherziger Versuch in die falsche Richtung. Ein Hammer bleibt ein Hammer, auch wenn man versucht seine zarte pinselige Seite zum Malen von Bildern frei zu setzen. Die Mitarbeiter, die in diesen Seminaren sitzen muessen, um ihre eigene Kreativitaet zu entdecken, wissen genau wovon ich rede.

Auch wer allein ist, ist immer zu zweit

Warum widerspricht eigentlich Vernunft Kreativitaet? Zurueck zum ersten Abschnitt. Ein zur Kreativitaet neigender Mensch spuert irgendwann, das ihn die Vernunft zu hindern scheint und die guten Ideen blockiert. Er ist irgendwann an dem Punkt, wo er spuert, dass „dieses letzte Fuenklein Vernunft“, was verhindert, dass ihn alle auslachen, ihn wie eine Stahlfessel festhaelt und er keinen Schritt mehr weiter kommt. Warum ist das so? Die Neurophysiologen koennen dies seit ein paar Jahrzehnten biologisch erklaeren. Jeder von uns hat zwei ebenbuertige Gehirnhaelften. Die Linke „ist – nicht ausschließlich, aber hauptsächlich – für rationales Denken (Logik und Wörter) sowie für analytische und mathematische Prozesse verantwortlich. Die rechte Gehirnhälfte steuert mehr die Intuition, Kreativität, Symbole und Gefühle. Diese Gehirnhälfte wird durch Metaphern aktiviert, durch die im Rezipienten [Anm: im Versuch] eigene, dazu passende Bilder, Symbole, Melodien oder Gerüche entstehen können“ [2]. Eine schoene Grafik dazu gibt es in [3].

Diese beiden Hirnhaelften koennen voellig unabhaengig voneinander Arbeiten, sie sind wie zwei Zwillingsgeschwister, wie zwei Personen, zwei Menschen im selben Koerper. Sie stimmen sich ueber einen einzigen Nervenstrang, der sie verbindet untereinander ab, damit der eine immer weiss was der andere tut. Einer von beiden muss aber der Bestimmende sein und der andere der Befehlsempfaenger, damit es zu zielgerichtetem Handeln kommt. Ist dies nicht der Fall und die beiden liegen im Kampf miteinander, leidet ihr Besitzer an einer schweren Geisteskrankheit. Diese kann sich auch aus gesellschaftlich bedingter Unterdrueckung der „falschen Persoenlichkeitshaelfte“ mit der Zeit entwickeln. Wenn ein Mensch nun mal rechtsdominiert ist aber sein Leben lang gewaltsam auf Links gepolt wird, kann das nicht gesund sein. Als Kinder sind wir fast alle die Rechte Person. Das Rechte Gehirn ist irrational, unlogisch, animalisch, von Lust bestimmt und sehr kreativ. Nach der Schulzeit sind wir fast alle die Linke Person. Das Linke Gehirn ist rational, logisch, humanistisch [hier als Gegenteil zu animalisch], von Vernunft bestimmt und wenig kreativ. Den meisten Menschen schadet das ueberhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Das alles sind keine Hypothesen, sondern seit vielen Jahrzehnten medizinisch durch empirische Versuche – z.B. an Unfallgeschaedigten – in Verbindung mit neurologischer Analyse wissenschaftlich bewiesen.

Blick auf die rechte Hirnhaelfte

Daher ist es nicht moeglich, ein Vernunftsmensch zu bleiben und dabei kreativ zu sein. Wer also in seinem Beruf ein Image, ein Ansehen braucht, kann sich nicht in der Oeffentlichkeit entbloessen – ueberspitzt ausgedrueckt in beiden Bedeutungen des Wortes, weil ihn das gerade auf eine gute Idee bringt. Er wird dies aus Vernunftsgruenden einfach nicht tun und die gute Idee wird sich vielleicht niemals einstellen. Jetzt erklaert sich auch, warum die „Kreativen“ auf die „Guten Maenner“ oft geistig verrueckt wirken. Ich will auch die andere Seite erwaehnen: oder warum die „Guten Maenner“ auf die „Kreativen“ oft wie Langweiler wirken. Beides sind dumme Vorurteile, die aus Unwissenheit ueber die neurophysiologischen Grundlagen resultieren. Ein typischer Kreativmensch, z.B. ein Bildhauer oder ein Kunstschmied, laesst seiner rechten, wilden Hirnhaelfte auch nur begrenzt Raum. Eigentlich ist auch bei ihm der linke Mensch oft der Bestimmende und er laesst den rechten nur ab und zu mal frei, wie eine Bestie, die sonst im Kaefig vor sich hindaemmert. Der normale Buerger laesst sie fast nie heraus, vielleicht mal im Rausch, oder beim Geschlechtsakt, vielleicht auch nie. Manche Menschen – viele Maler – entscheiden sich aber bewusst dazu, der linken Hirnhalfte wieder das Oberkommando zurueck zu geben. Sie werden wieder verspielt und unberechenbar wie die Kinder. Auch keine schlechte Idee. In ihrer Umwelt gelten sie aber ganz sicher als ziemlich verrueckt.

Der Raum in der Zeit

Ich sprach bisher ausschliesslich vom raeumlichen Aspekt der Kreativitaet, wie sich der kreative Mensch, dessen rechte Hirnhaelfte entweder dominant ist oder zumindest regelmaessig aktiv genutzt wird, von seiner Umwelt beruflich und auch gesamtsozial loesen muss, um auf neue Ideen zu kommen. Es gibt natuerlich noch einen wichtigen Aspekt der Kreativitaet: den zeitlichen, geschichtlichen. Denn unsere Geschichte bestimmt unser Denken. Nur wenn wir uns auch noch von unserer Geschichte loesen, loesen wir uns wirklich von allem.

Ich moechte ein kleines Beispiel von mir selbst erzaehlen. Vor ein paar Tagen habe ich, inspiriert von der Entdeckung kuenstlicher Erbmolekuele als Alternativloesungen zur DNA durch ein internationales Forscherteam, angefangen, biologische Maschinen zu entwerfen. Ich bin Ingenieur, immer kommen mir Ideen fuer Maschinen. Jetzt habe ich schon einen merkwuerdigen kleinen Maschinenpark von „lebenden“ Maschinen und Geraeten vor mir als Skizzen auf Papier. Diese werden nicht gebaut sondern wachsen gelassen und nicht mit Strom betrieben sondern mit Nahrung gefuettert. Ganz schoen verrueckt, oder? Manche erinnern einen an Mesopotamische oder Aegyptische Zeichnungen, manche erinnern nur an einen Alptraum. Was ich an solchen und anderen utopischen Gedanken immer wieder am interessantesten finde ist die Tatsache, dass, egal wie wir uns die Zukunft vorstellen, sie wird gewiss immer ganz anders und gewiss immer so, dass wir fuer nichts auf der Welt in ihr Leben wollten.

Nehmen wir einen Menschen des viktorianischen Zeitalters und versetzen ihn gedanklich in unsere heutige Zeit. Ihm kaeme unser normaler Alltag, spaetestens jedoch unser stressiger Berufsalltag, hoechstwahrscheinlich wie die schlimmste Horrorvorstellung vor, die er sich nie im Entferntesten, und auch nicht in seinen allerschlimmsten Alptraeumen ausmalen koennte, und er wuerde sich – in unsere Zeit versetzt – sofort in den Wahnsinn oder Freitod fluechten. Wir hingegen sind in unsere Zeit hineingeboren und haben sie mit der Gabe der Anpassungsfaehigkeit des Kleinkindes als normalen Alltag akzeptiert.

Gaengige Zukunfts- und Geschichtsszenarien aergern nicht

Und so ist es eben auch mit Zukunftsszenarien. Beliebt bei den Lesern sind immer nur die, in denen sich die Leser selbst gerade noch zurechtfinden koennen. Alles darueber hinaus ist Wahnsinn und wird nicht akzeptiert. Ich habe ein paar dieser vom Publikum nicht akzeptierten utopischen Geschichten von frueher gelesen, wenn sie zufaelligerweise doch in erster Auflage gedruckt wurden, bevor sie vergessen wurden. Eine sah den Fernseher um hundert Jahre voraus und kam gar nicht gut an.

Oder nehmen wir einmal unser Facebook. Im Jahr 1984 war so etwas wie Facebook ein absoluter Horror. Haette man damals Facebook in seiner heutigen Form beschrieben, man waere fuer seine Ideen gesteinigt worden. Ein Gedanke wie Facebook waere 1984 eher ein Grund gewesen, sich zu erschiessen. Daher werden wir wohl nie erfahren, ob jemand lange vor dem jungen Marc Zuckerberg diese Idee hatte. Jetzt ist Facebook Alltag. Das muss man sich erst einmal klarmachen. So aehnlich ist es mit meinen neuen Biomaschinen auf molekular-kuenstlicher Lebensbasis, die geboren oder gepflanzt und, wenn der Produktlebenszyklus erreicht ist, kompostiert werden. Nicht, dass ich mich in irgendeiner Weise mit dem erfolgreichen Herrn Zuckerberg vergleichen wollte, noch dass ich mir jemals ausmalte, auch nur einen Cent mit dieser Idee zu verdienen, auch wenn ich die biotechnischen Faehigkeiten dazu besaesse. Ich wollte so einer Maschine niemals begegnen. Ich halte meine Idee selbst fuer total plemplem. Aber es ist eine berechtigte Idee. Fuer die Enkel unserer Enkelkinder koennte so ein Wahnsinn – oder noch schlimmeres, vielleicht sogar schlimmeres als Facebook – aber normaler, langweiliger Alltag sein und wir sind die merkwuerdigen, verschrobenen Vorfahren, das wir Abscheu dafuer empfanden.

Auch bei historischen oder erdgeschichtlichen Themen, kann man logische Verknuepfungsketten bilden, die anerkannten Erklaerungen an Beweisbarkeit in nichts nachstehen, aber wenn man sie zum ersten mal auf der Welt aeussert, zu Unverstaendnis fuehren. Ich muss heute noch oft darueber herzlich lachen, wie vor Jahren eine Gruppe leicht alkoholisierter, aber ansonsten ganz normaler und gebildeter Maenner mich fast dafuer geschlagen haette, als ich einen dreiminuetigen Monolog ueber das Thema Behaarung des Menschen und der Menschenaffen hielt und warum Frauen meiner Meinung nach heute kaum mehr Koerperbehaarung besaessen. Der Monolog basierte auf Gedanken zur Evolution, eigentlich einem rein wissenschaftlichen Thema. Ich war mir jedoch auch absolut sicher, noch nie eine aehnliche Theorie irgendwo gehoert zu haben. Meine Intention war leichte Unterhaltung in dieser geselligen Maennerrunde, die Reaktion verstoertes Entsetzen und wueste Beleidigungen. Ja, so geht’s halt, wenn man mal seinen sicheren Think Tank verlaesst.

Macht Euch frei oder gruebelt lange

Der kreative Mensch kann nicht nur den Bezugsrahmen des Papiers, also den Bezugsrahmen der Flaechen- oder Raumvorgaben verlassen, er kann auch den Bezugsrahmen der Geschichte und der historischen oder futuristischen Extrapolation komplett verlassen. Wenn er das tut, sind seine Gedanken wirklich frei und MEHR ALS ALLES wird moeglich. Dann sind auch die interessantesten Ideen moeglich und Loesungen fuer die schwierigsten Probleme werden mit etwas Glueck ploetzlich ganz einfach.

Wer Ideen haben will darf sich also nicht eine Sekunde um sein gesellschaftliches Ansehen und seinen Bezug zum Jetzt, zur Vergangenheit oder Zukunft kuemmern. All das verhindert seine Kreativitaet. Davon sind die ueblichen Kreativitaetsseminare unendlich weit entfernt. Natuerlich.

[1] http://www.methodik-fuer-innovationen.de/9dottask_de.html

[2] http://www.argedon.de/akka/t_lehre/geh1.htm

[2] http://www.ah-usability.de/anatomie/gehirnhaelften.html

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

2 Antworten zu “Ist der Ruf erst ruiniert lebt’s sich voellig ungeniert

  1. Pia Lihm ⋅

    Keinesfalls umgangssprachlich „natürlich“, sondern eher „Gott sei Dank“ sind wir davon weit entfernt!

    Denn die Psychologie (eben auch die, die ‚hoffentlich‘ im Bewusstsein um ihre Macht und daraus resultierenden ethisch-professionellen Verantwortlichkeit, hinter den Konzepten solcher Kreativitätsseminare steht) umfasst mehr als nur die zielgerichtete Orientierung an den Möglichkeiten maximale Kreativität zu fördern. Ganz wesentliche Berücksichtigung erfahren neben der, für das Wachstum und die „Entwicklung“ unserer Spezies erforderlichen Förderung dieser kreativen Potentiale, eben auch ganz elementare Aspekte der menschlichen Existenz.

    Erst ein anderer Mensch macht den Mensch zum Menschen!
    Der Mensch ist ein soziales Wesen, das in seinem Überleben sowie im Prozess der Bildung seiner Identität von der Fürsorge und Erziehung (Sozialisation) durch andere Menschen, von der Kultur seiner Umwelt und Geschichte abhängt.
    Er ist verwoben in ein Netz wechselseitiger Gebundenheit natürlicher und sozialer Abhängigkeiten. In dieser Eigenschaft ist er sowohl durch die Individuen als auch durch die systemischen Dynamiken, die im Zusammenwirken der einzelnen Individuen entstehen, in seinem Gewordensein, Sein und Werden beeinflusst. Gleichzeitig nimmt er seinerseits direkt und indirekt (willentlich gesteuert und zwangsläufig/unfreiwillig) Einfluss auf das System und darüber auf dessen Elemente, oder umgekehrt, über den Einzelnen auf das Ganze. Er formt es aus sich heraus, und es formt ihn.
    Das organisch-systemische Perpetuum Mobile!😉
    Seine Existenz ist ohne die der anderen, ohne die Verbindung mit den Polaritäten (das Ich ohne das Du), nicht denkbar. Die Abhängigkeit ist dem Menschen also immanent. Daher kann es für einen ‚gesunden Menschen‘ keine ‚absolute Freiheit‘ geben!

    Der Mensch unterscheidet sich wohl dahingehend vom Tier, dass er, aufgrund seiner nicht spezialisierten Physiologie, der Flexibilität seiner Hände und der Beschaffenheit seines Gehirns, mit dem er über ein Bewusstsein verfügt, das ihn u.a. befähigt, sich selbst zu erkennen, sich als Subjekt getrennt von der Umwelt zu erleben und über sich selbst hinaus zu denken. Dadurch ist er in der Lage und darauf angewiesen, sich selbst zu beherrschen und willentlich anzupassen, sich gleichzeitig aber auch aus der Gebundenheit an ein bestimmtes Milieu zu lösen, seine Umwelt selbst zu wählen und gestaltend auf sie einzuwirken (vgl. Arnold Gehlen. Der Mensch als Mängelwesen). Dennoch bleibt er Teil der Natur und sie Teil seiner selbst!
    Er bewegt sich stets im Spannungsfeld zwischen den Möglichkeiten seines potentiell genialen Gehirns; das über sich hinauszudenken in der Lage ist; und den unüberwindbaren physiologischen Gegebenheiten seines Daseins. Welche sein Gehirn eigentlich einschließen!
    Doch seit jeher strebt er danach, die Natur, seine Natur, zu überwinden. „Gottgleich“ zu werden. Worin, nach meiner Auffassung, also die Wurzel der menschlichen Destruktivität zu suchen ist.
    Ein Mensch, der sich von all diesen Bindungen versucht zu ‚befreien‘, entbindet sich auch der ihn fördernden, stützenden und somit seine Identität bestimmenden Einflüsse und wird dadurch auf lange Sicht zwangsläufig ‚wahnsinnig‘ (sich selbst schädigend/zerstörend bzw. seine Umwelt schädigend/zerstörend) werden.

    Wo ist also der Haken? Was fehlt?
    Hier befinden wir uns inmitten hochphilosophischer Fragestellungen:
    Was ist der Mensch? Wie kommt es, dass wir über dieses Gehirn/Bewusstsein, den aufrechten Gang und den opponierbaren Daumen verfügen? Und wozu ist es gut? Soll es überhaupt „gut“ sein? „Soll“ überhaupt irgendetwas? Wo der Mensch zur Vernunft fähig ist, verpflichtet ihn das nicht auch ihr zu folgen? Wie kommt es, dass er es nur sehr bedingt tut? Was ist eigentlich Geist, was Vernunft?
    Was, wenn das Hirn eine „krankhafte“ Mutation ist, die sich, wie in einer absteigenden/aufsteigenden Spirale, ständig um sich selbst zu schrauben verdammt ist, um schließlich z.B. sich selbst zu vernichten oder in einem schwarzen Loch zu verschwinden? Was, wenn das Über-sich-Hinausdenken gar eine Illusion darstellt? Wenn „beweisbare Fakten“, wissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten und Erkenntnisse, der konstruktivistischen Theorie folgend, ein bloßes Konstrukt unserer „kranken“ Gedankenwelt sind?
    Und letztlich ist es wohl allein noch die Frage danach, welcher der vielen dazu existierenden Theorien ich „Glauben schenken“ mag, um Antworten auf all diese Fragen zu erhalten. Oder war „meine Philosophie“ noch nicht dabei? Vielleicht habe ich sie dann aber auch nur noch nicht „richtig“ verstanden, um mich in ihr zu erkennen.

    Erkenne dich selbst! Werde Mensch!
    Die Herausforderung sehe ich darin, (eine) ‚gesunde Methode(n)’ zu finden, die diese einander scheinbar divergierenden Energien des Menschseins ausbalanciert, ihre Kräfte respektiert, ihre Potentiale erkennt und nutzbar macht, damit sich jeder Einzelne und die Menschheit als Ganzes, dynamisch weiterentwickeln kann. Anstatt sich weiterhin im Teufelskreis zu drehen.

    Daher kann und muss die Ausrichtung des Handelns letztlich immer eine moralische oder bestenfalls eine, einer übergeordneten/allgemeinen Ethik folgende, bewusste, also vernünftige sein!

    Etwas, wie eine geleitete, begleitete, moderierte Evolution auf der Ebene eines wachsenden, wachen Bewusstseins, sehe ich gegenwärtig als Weg und Ziel der menschlichen Existenz. Und wenn man darüber hinaus auch religiösen Schriften glauben möchte, liegt darin vielleicht sogar unser Daseins begründet.

    Um nun die Grätsche zwischen dem permanenten Pendeln von einem Extrem ins andere bzw. die Konsequenzen des totalitären, einseitigen Verhaftetseins (des Ich VERSUS Du, vgl. auch: Prinzip von Versuch und Irrtum, Geschichte der sozio-kulturellen und politischen Entwicklungen auf diesem Planeten, Revolutionen, Autoritäre Systeme, Extremismus, Kapitalismus, Sklaverei, Diskriminierung und Ausgrenzung, bis hin zum Jo-Jo-Effekt sämtlicher Diäten😉 sowie „im Individuellen“ z.B. die Persönlichkeitsstörungen etc. pp.) zu überwinden, entwickelt sich in unserer Gesellschaft derzeit eine anthropologisch-humanistische Bewegung des Sowohl-als-auch (des Ich UND Du, vgl. Integrations- und Anti-Gewalt-Bewegung: u.a. Interkulturelle Kommunikation, Mediation, Gewaltfreie Kommunikation nach M. Rosenberg, Demokratie als Lebensform im Sinne des Betzavta-Programmes; oder auch die aktuelle Bewegung um das Bedingungslose Grundeinkommen, etc. pp.)

    Wohin uns das führt, wie sich ‚die Regel‘ dieses neuen Denkens, das Regeln eigentlich überflüssig macht (wenn man sich nur an ‚die Regeln‘, die für die richtige Haltung nötig sind, hält), entwickeln werden? Wir können es abwarten und sehen was kommt. Oder wir beginnen es zu erahnen, folgen Watzlawick auf den Spuren des Konstruktivismus, indem wir unser ‚geniales Gehirn‘ benutzen, um den Bezugsrahmen der alten Welt zu verlassen und zu beginnen, die möglichen Lösungen und ihre Wege, außerhalb dessen zu denken.😉

    Entdecke die Möglichkeiten!

  2. Danke fuer Deinen Kommentar, Pia. Ich finde ihn hoch interessant. Ich schreibe ein Pladoyer fuer die Narrenfreiheit und das Verrueckt sein duerfen, weil ich davon ueberzeugt bin, das nur das voellige Losloesen von allem, Gesellschaft und Geschichte, zu neuen Ideen fuehren kann. Und Du schreibst genau das Gegenteil, wie wichtig es ist, einen Bezug zur Gesellschaft und zur Geschichte zu behalten und bist der Ueberzeugung es gaebe eine gesellschaftliche, historische Kreativitaet.

    Du gehst aber von einem viel umfassenderen Kreativitaetsbegriff aus, als ich es tat. Bei mir sollte Kreativitaet wirklich ausschliesslich das Finden von Problemloesungen bedeuten, so wie ein Herr Gauss als Junge vor dem Problem stand moeglichst schnell die Zahlen von 1 bis 100 zu addieren (eine Strafarbeit), damit er schnell zum Spielen gehen konnte. Sobald das Problem geloest ist, das Kunstwerk erschaffen, das Buch geschrieben ist, darf mein Kreativmensch auch wieder seine Verruecktheiten und Kindereien aufgeben und wie vorher ganz vernuenftig sein (oder zumindest so tun als ob).

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