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Koennte die Oekologische Landwirtschaft die Welt ernaehren?

In meinen letzten Artikeln habe ich mich vor allem mit der ultimativen Frage beschaeftigt, wieviele Menschen die Erde ueberhaupt ernaehren koennte [3] und in welchem Verhaeltnis die heutige Anzahl von Menschen mit der zukuenftigen Erdbevoelkerung steht [4]. Dabei stellte sich heraus, das Populationen von vielen hundert Milliarden mit heutiger Technik und ueber einer Billion Menschen und mehr mit in Entwicklung befindlicher Technik auf der Erde ernaehrbar waeren, wenn man, und das war entscheidend, flaechendeckend auf moderne Treibhaustechnologie zurueckgreifen wuerde. Treibhaeuser mit geregelter hochdosierter CO2-Zufuhr stellen gegenueber der Freilandhaltung nochmal einen vergleichbaren Sprung in den Ernteergebnissen dar wie die moderne wissenschaftliche Landwirtschaft gegenueber der frueheren vorwissenschaftlichen.

Oekologische Landwirtschaft

Da ich selbst ein grosser Anhaenger der Bio-Bauern-Bewegung bin und mich ausschliesslich von deren Produkten ernaehre, auch staendig versuche, meine Nahrung von moeglichst kleinen Betrieben, moeglichst Familienbetrieben, zu beziehen, stellt sich mir nun automatisch als naechstes die Frage, wieviele Menschen auf der Erde durch Oekologische Landwirtschaft ernaehrt werden koennten.

Zuerst muessen wir die Oekologische Landwirtschaft kurz definieren. Sie ist absolut wissenschaftlich. Sie kennt, genauso wie die auf chemischen Produkten basierte Landwirtschaft die Stoffkreislaeufe der Pflanzen und ihre physikalischen, chemischen und biologischen Beduerfnisse. Sie unterliegt jedoch einer selbst auferlegten Doktrin. Sie verzichtet weitgehend auf chemische Produkte und versucht alle notwendigen Eingriffe in die Natur auf biologischem Wege umzusetzen. So wird z.B. kein Gift fuer den Pflanzenschutz eingesetzt sowie keine Kunstduenger eingesetzt. Die komplette Duengung erfolgt biologisch und mineralisch. Dadurch ist sie nicht ganz so effektiv wie die industrielle Landwirtschaft. Das Wachstum der Pflanzen ist etwas langsamer, der Ertrag etwas geringer. Das ist aber kein unbedingter Nachteil, weil sich dies wiederum als Konsequenz in einem exquisiten Geschmack der Lebensmittel aeussert. Zumindest empfinden dies Menschen mit einem empfindlichen Gaumen so.

Auch versucht die Oekologische Landwirtschaft die Landschaft moeglichst wenig zu entstellen. Damit entfallen hochtechnologisierte Treibhausloesungen mit Hydrokulturen statt Mutterboeden definitiv. Der Oekobauer ist dem Mutterboden stark verbunden. Er sieht in ihm die Quelle des Geschmacks, der Gesundheit und der Qualitaet seiner Lebensmittel. Dies gehoert alles mit zu den Grundregeln der Oekologischen Landwirtschaft, zur Doktrin.

Wir benoetigen fuer unser Gedankenspiel wieder eine Verteilung der Erdoberflaeche nach Vegetationsaspekten:

Mio qkm Prozent von Fläche Erde Prozent von Fläche Land
Fläche Erde 510 100.00%
Fläche Ozeane 361 70.78%
Fläche Land 149 29.22% 100.00%
Eiswueste 15 2.94% 2.94%
Wüste 15 2.94% 10.07%
Unbesiedelte Steppen warm/kalt 10 1.96% 6.71%
Borealer Wald 15 2.94% 10.07%
Tropischer Wald 16 3.14% 10.74%
Sonstiger Wald 9 1.76% 6.04%
Hochgebirge ab 2000m 16 3.14% 10.74%
Seen/Flüsse 5 0.98% 3.36%
Summe nicht nutzbar 101 19.80% 67.79%
Von Menschen nutzbare Flächen:
Durch Nomaden beweidete Steppe 10 1.96% 6.71%
Grasland 25 4.90% 16.78%
Brachliegendes (ungenutztes) Ackerland 4 0.78% 2.68%
Vorindustriell genutztes Ackerland (groesstenteils Raubbau) 5 0.98% 3.36%
Industriell und postindustriell (oekologisch) genutztes Ackerland 4 0.78% 2.68%
Summe nutzbar 48 9.41% 32.21%
Kontrollsumme nutzbare + nicht nutzbare Landflaeche 149 29.22% 100.00%

Vier Millionen Quadratkilometer industriell bebauter Ackerflaechen ernaehren heute ungefaehr 4,4 Milliarden Menschen auf der Erde, sowie ihr Mastvieh. Ausserdem werden grosse Anteile dieser Landwirtschaft als Rohstofflieferungen fuer die verarbeitende Industrie genutzt und neuerdings auch fuer biologische Treibstoffe.

Aktuelle Studien behaupten, dass die Effizienz der Oekologischen Landwirtschaft nur bei 75% der industriellen Landwirtschaft laege. Nehmen wir diese Zahl an und wenden sie auch an. Vier Millionen Quadratkilometer postindustriell angebaut wuerden in dieser Form also nur noch 3,3 Milliarden Menschen ernaehren.

Weitere 5 Millionen Quadratkilometer auf der Erde werden vorindustriell angebaut und ernaehren damit 2,6 Milliarden Menschen auf der Erde. Ein Umstieg auf die oekologische postindustrielle Landwirtschaft waere hier auf jeden Fall ein grosser Fortschritt. Industriell muessten sich von dieser Flaeche rund 5,5 Milliarden Menschen ernnaehren lassen. Postindustriell oekologisch waeren es auf jeden Fall noch 75%  davon, also 4,1 Milliarden Menschen. Wir waeren jetzt bei insgesamt 4,1 + 3,3 = 7,4 Milliarden Menschen und koennten somit die gesamte heutige Menschheit oekologisch und gesund ernaehren.

Zusaetzliche vier Millionen Quadratkilometer Ackerland auf der Erde liegen einfach brach. Diese Ackerflaechen zu aktivieren, wuerde also nach wenigen Jahrzehnten wiederum 3,3 Milliarden Menschen oekologisch Nahrung, Tierfutter, Rohstoffe und Treibstoffe bringen. Insgesamt waeren dies nun 10,7 Milliarden Menschen vielleicht im Jahr 2050.

Wachstum der Population der Erde

Pflanzenbau fuer die ausschliessliche Herstellung von Futtermitteln ist eine ethisch diskutierte Frage, man sollte es meiner Meinung nach verbieten, da sowieso von Natur aus schon sehr viele Anteile des Pflanzenbaus in der Tierfutterherstellung landen. Es gibt keinen Grund, auch die fuer Menschen zum Verzehr geeigneten Anteile den Tieren zu ueberlassen. Das Selbe gilt auch fuer die Treibstoffe. Nur bei den Rohstoffen gibt es einige Ausnahmen, z.B. in der Arzneiherstellung. Man kann trotzdem damit rechnen, dass bei Umlenkung von Tierfutter-, Rohstoff- und Treibstoffproduktion insgesamt rund 50% mehr Ertrag fuer Lebensmittel moeglich waere. Dann koennten wir statt 10,7 im Jahr 2100 rund 16 Milliarden Menschen oekologisch ernaehren.

Als naechstes sollte man sich der ausreichenden Bewaesserung widmen. Dies muesste mit den Grundsaetzen der oekologischen Landwirtschaft vereinbar sein und sollte, wenn schonend durchgefuehrt auch das Landschaftsbild nicht allzu gross veraendern. Grosse Spruenge in der Produktion waeren hier also nicht zu erwarten, aber mit 25% mehr Ertrag koennte man global rechnen, besonders weil in ariden Regionen die Ernten auf jeden Fall stark zunehmen wuerden [2]. Mit global umgesetzter Bewaesserung aller Felder waeren also um das Jahr 2150 rund 20 Milliarden Menschen auf der Welt oekologisch ernaehrt.

Die Oekologische Landwirtschaft ist auf brauchbare Mutterboeden angewiesen, von daher wuerde eine Landneugewinnung in den Graslandschaften und Steppen der Erde nicht soviel erhoffen lassen, wie bei bodenunabhaengigeren Methoden der Landwirtschaft. Auch wuerde man aufgrund des Landschaftsschutzes sicherlich die grossen Naturreservate der Erde unberuehrt lassen. Trotzdem will ich hier annehmen, man koennte noch einmal 13 Millionen qkm Ackerland hinzugewinnen und damit das Ackerland der Erde verdoppeln.

Damit koennte die Menschheit mit den Methoden der postindustriellen Oekologischen Landwirtschaft 40 Milliarden Menschen auf der Erde ernaehren. Sie wuerden dann im Jahre 2400 etwa 26 Mio qkm der Erdoberflaeche dicht besiedeln, das waeren 5% der Erdoberflaeche oder 17,3% der Landflaeche der Erde. Mehr Menschen waeren mit den Methoden der Oekologischen Landwirtschaft auf der Erde aufgrund ihrer selbstgewaehlten Doktrin nicht ernaehrbar.

Die Frage „Koennte die Oekologische Landwirtschaft die Welt ernaehren?“, welche ich in der Artikelueberschrift in die Welt gesetzt habe, wuerde ich also folgendermassen beantworten: Ja, definitiv. Und: sogar sehr gut. Aber: zeitlich begrenzt.

[1] http://www.weltagrarbericht.de/themen-des-weltagrarberichtes/baeuerliche-und-industrielle-landwirtschaft.html

[2] http://www.pik-potsdam.de/aktuelles/pressemitteilungen/archiv/2009/wasser-sammeln-und-speichern-steigert-landwirtschaftliche-ertraege

[3] https://monstermaschine.wordpress.com/2012/05/07/flaechenverteilung-der-erde/

[4] https://monstermaschine.wordpress.com/2012/05/08/geopolis-modell-der-weltbevoelkerung/#more-314

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

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