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Ein Ruf nach Wahrheitsliebe

Eine alte Freundin postete auf Facebook, das sie ein Lied, das einen bezeichnenden Titel hat, den es spaeter zu raten gilt, ganz nett faende und sich fragte, ob die Lippen der Saengerin echt seien, und auch ihr Haar, und an wen sie die Stimme der Saengerin eigentlich erinnern wuerde. Ich haette mich fast dazu hinreissen lassen, ihr einen langen Text darunter zu posten. Aber das waere unangebracht gewesen, weil meine Ideen, zu denen Ihre Fragen mich inspirierten, nicht die Antworten waren, die sie hoeren wollte. Also, meine Antwort waere einleitend erst einmal gewesen: so echt wie alles.
Laenger ausgefuehrt wuerde ich sagen: sie hat die Lippenform, die gerade gefaellt, die Haarfarbe und Haarfuelle, die gerade gefaellt, und die Stimme, die aus den erfolgreichsten Stimmen zusammengemischt und passend zu ihrer natuerlichen Stimme designed wurde und in Echtzeit bei jedem Live-Auftritt ueber die angeborene Stimme gemischt wird. Dies ist bei Radiosprechern – soweit ich weiss – schon seit etwa 15 Jahren gaengige Praxis. Deshalb kommt ihre Stimme sie vielen so bekannt vor, weil ihre Stimme mit einem aus den beruehmtesten Stimmen zusammengemischten Klang kuenstlich aber unmerklich verstaerkt wird!

Das behaupte ich jetzt einfach mal ganz frech! Und ich weiss, dass ich 1992 hoechstens zu 5% richtig gelegen haette, aber 2012 denke ich, liegen meine Chancen bei gut 95%. Oder meine Sicherheit anders ausdrueckend: wer haelt dagegen?

In diesen 20 Jahren ist in unserer Gesellschaft ein Begriff langsam versickert: Wahrheit. Will man sich heute ernsthaft auf die Wahrheit berufen, genuegt es nicht mehr einen Fotoapparat zu besitzen, man muss schon Wissenschaftler sein oder versuchen sich auf seine Ehre zu beziehen. Ehre, gerade dieser Begriff ist aber mit seinem Mittelalter-Bezug so blutbeschmutzt, dass man im besten Fall als Don Quichotte gegen Windmuehlen der Geschichte belaechelt wird. Aber welcher Geschichte eigentlich?

Ich kann natuerlich keine Wahrheit fordern, sie ist ein idealisierter Grenzzustand, dem die Mathematik mit ihrer universellen Vereinheitlichung und Vereinfachung entweder entspricht oder zumindest am naechsten kommt. Aber ich kann die Suche nach einem Weg zur Wahrheit, das Begehen eines Weges zur Wahrheit oder als Minimum die Liebe zur Wahrheit fordern. Denn wer diesem, meinem kleinen Anspruch nicht genuegen will, dem kann ich halt nicht trauen.

Ich empfinde den fehlenden Ruf nach bedingungloser Wahrheitsliebe, gerade vor dem Hintergrund des Verschwimmens der Realitaet hinter dem Touchscreens eines steuerbaren Augmented-Reality Zerrbildes, in das wir als Gesellschaft hineinschliddern, als aeusserst bedenklich. Wie kann ich denn heute noch einen fremden Menschen einstufen, der gerade Zaehne, schoenes Haar, volle Lippen, eine geschmackvolle Armbanduhr, Disignerkleidung und vielleicht einen akademischen Grad traegt? Doch wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit als Betrueger!

So bitter das klingt, die Auswirkungen dieses gesellschaftlichen „Video-Games“ gehen jedoch ueber das persoenliche Empfinden der Umwelt noch weit hinaus.

Die neue Macht bestimmter Religionen (diese grausamen Ungetuemer aus dem Mittelalter) ist gekoppelt mit dem Verlust des Vertrauens in die politischen Instanzen, das hat auch damit zu tun, das jeder auch noch so ungebildete Buerger fuehlt, das jedes Bild, jedes Video, das er vom politischen Geschehen zu sehen bekommt, gefaelscht sein koennte. Die Religionen brauchten eine Untermauerung durch Wahrheit noch nie, die modernen Demokratien schon! Wer wird also auf lange oder kurze Sicht verlieren?

Das Geschichtsempfinden und damit das eigene Positionieren und Ausrichten des Lebens leidet darunter, dass eine Generation, die mit Sicherheit weiss, dass es keine wirklich wahrheitsgeprueften Bilder mehr gibt, ihre Geschichte nicht mehr anerkennt, denn normalerweise kann man sich logischerweise nicht vorstellen, wie es in einer Zeit vor der eigenen Geburt stand. Und selbst wenn der Lesedrang und Bildungswille vorhanden sind, die Imagination ausreicht, und ein paar tapfere Zeitzeugen auch noch leben, und sich zu einem Gespraech ueberreden lassen: Irgendwann wird man sagen bis 1990 gab es Geschichte, kurze Zeit nach diesem Datum wurde Geschichte zu einer reinen Wissenschaft. Ich habe einen neuen Namensvorschlag: Geschichtshoffnung. Dazu ein Beispiel: Die ganz jungen Leute hoffen oder glauben – trotz aller gegenteiliger Behauptungen – ehrlich, dass zwischen 1969 bis 1972 wirklich zwoelf Menschen den Erdmond betraten und vor ihren Fahnen salutierten. Ich weiss es noch. Dieses „noch“ klingt vielleicht etwas absurd, bringt meine Kritik aber auf den Punkt.

Auch das Wahrheitsfindungsprinzip der Wissenschaften an sich wird mehr und mehr angefeindet, schliesslich ist die Wissenschaft in eine Gesellschaft eingebettet, die sich selbst nicht mehr vertraut. Damit verliert die Wissenschaft ihre Stellung als beratende Instanz in der Judikativen und Legislativen und wir alle sind dann (wieder) der Willkuer von Recht und Gesetz ausgeliefert.

Dann haben wir den absurden Zustand einer hochtechnisierten, wohlernaehrten, medizinisch gesunden Gesellschaft, deren Buerger dumme, ungebildete, aberglaeubische, bigotte, unfreie, fremdgesteuerte Arbeitsbienen sind. Maschinenwarte, Servicepersonal, Produktideenlieferanten, denen George Orwells „1984“ als Ferienparadies und unmoeglich zu erreichende Utopie vorkommen wuerde. Denn in „1984“ gelingt es einem Liebespaar fuer ein paar Tage in Zweisamkeit wie wirkliche Menschen zu Leben.

Und? Wer hat es erraten? Wie heisst das Lied?

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

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