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Der neue Lebensmittelschwarzmarkt von Berlin

Gestern traf ich in der Kneipe am Tresen einen Fremden. Wir kamen ins Gespraech und er erzaehlte mir folgendes:

„Wenn ich heute in den Supermarkt einkaufen gehen, empfinde ich die Qualitaet der Lebensmittel, die ich dort bekomme als beleidigend. Ich habe den Verdacht, das man mich mit wiederaufbereiteten Abfaellen abspeist, waehrend man die wirklichen Lebensmittel in irgendwelchen hochpreisigen Geschaeften, die ich mir nicht leisten kann, anbietet. Die Ware, die ich im Supermarkt bekomme, schmeckt nach gar nichts und haelt sich nur kurze Zeit im Kuehlschrank, bis sie zu einer fauligen Masse zerfaellt. Das koenen keine echten Lebensmittel mehr sein. Ich kenne echte Lebensmittel noch aus meiner Kindheit.


Ich bin als Kind auf dem Land gross geworden, das ist aber schon wieder 50 Jahre her – wie die Zeit vergeht – und habe dort Wurst und Fleisch aus Nachbars Schlachtung gegessen und den Kaese vom Senner, zwanzig Kilometer entfernt. Diese Lebensmittel waren wohlschmeckend und wuerzig, ohne irgenwelche Zusatzstoffe. Sie waren ein Genuss und wir Kinder haben uns um die Wurst gekloppt. Nicht weil wir hungrig waren – klar, natuerlich immer – sondern weil sie so fantastisch lecker schmeckte. Unsere Lebensmittel hielten sich auch mal einen Tag im Wanderrucksack und im Kuehlschrank mindestens zwei Wochen. Sie verfaulten auch nicht, sondern trockneten ein und faerbten sich durch Oxydation durch den Luftsauerstoff einfach braun mit der Zeit. Niemanden stoerte das. Und dann gab es natuerlich noch die Dauerwurst, also Salami, die man gar nicht erst im Kuehlschrank aufbewahren musste. Das war ganz normal.

Hier in Berlin und den anderen grossen Staedten kann man Lebensmittel fast nur noch in Supermaerkten kaufen. Kleine Einzelhaendler, die individuell auf die Wuensche ihrer Kunden eingehen, um es einmal euphemistisch auszudruecken, also auf Deutsch: Einzelhaendler, die man persoenlich kennt und denen man ordentlich in den Hintern treten kann, wenn etwas nicht gefaellt, sind so gut wie ausgestorben. Wir leben in einer anonymisierten Lebensmittelausgabegesellschaft und muessen uns mit dem schlabberigen Papp den wir bekommen entweder abfinden oder hungern.

Aber auch auch in den Kleinstaedten und Doerfern gibt es keine kleinen Einzelhaendler und auch keine kleinen Produktionsbetriebe von Lebensmitteln mehr. Woran liegt das? Vor allem an der Gesetzgebung. Mit der EU kamen strenge Hygienegesetze, die es Kleinbetrieben unmoeglich machten, ihre Produktion weiter beizubehalten, und zur Aufgabe zwangen. Auch fuer viele kleinere Mittelstaendler lohnte es nicht, auf Kuecheinrichtungen im Bereich von Einhunderttausend Euro umzustellen, um Hygiene auf Industrieniveau bereitzustellen. Wurden diese Gesetze eingefuehrt, um die vielen Toten und Erkrankten in der Bevoelkerung durch Lebensmittelvergiftungen nach dem Verzehr von Nahrungsmitteln aus kleinen Betrieben zu verhindern? Nein, denn diese Toten und Erkrankten gab es nicht. Natuerlich haben die Industrie-Lobbyisten von Nestle, Kraft und Mueller damals mit Statistiken vor den EU-Parlamentariern argumentiert und natuerlich fuehrten diese Statistiken letztendlich – davon ausgehend, das die wenigsten EU-Parlamentarier bestechlich sind – zu diesen strengen Hygienegesetzen, die die kleinen und mittelstaendischen Betriebe ausloeschten.“

Bei den EU-Parlamentariern musste er laut lachen. Ich lachte auch und liess ihn weiterreden.

„Nur, ich kenne niemanden, der von den Lebensmitteln der Nachbarsschlachtung, vom Fleisch vom (unbeliebten) Metzger aus dem Dorf, von der Milch von Bauer Hoffmann und vom Senner – ich weiss seinen Namen nicht mehr – aus dem uebernaechsten Dorf krank geworden waere. Und jeder weiss doch, dass es den Initiatoren der strengen Hygienegesetze nicht um die Gesundheitsstatistik ging. Es ging ihnen ausschliesslich um die Erschliessung des Marktes der Kleinen und Mittelstaendischen Betriebe und den damit verbundenen Dividenden fuer ihre Aktionaere.

Da nun fast alle Lebensmittel aus Industriebetrieben stammen und mit betriebswirtschaftlichen Mitteln gewinnoptimiert werden, koennen wir nun alle keine wohlschmeckenden Lebensmittel mehr erwerben. Wir muessen die teilweise recycleten extrem billigen Rohstoffen und die ausgekluegelten Verfahren, um ihnen appetitliches Aussehen, Farbe und Aroma zu verleihen hinnehmen. Das kein Joghurt mehr nach Joghurt schmeckt, wissen die meisten gar nicht. Wie ein Kochschinken schmeckt wissen nur wenige, nein, es gibt heutzutage viele Menschen die haben noch nie einen Kochschinken gegessen, obwohl sie sich jeden Tag eine Masse mit der Bezeichungn „Kochschinken“ auf ihr „Brot“ mit „Butter“ legen. Die armen Schweine.

Nun gibt es Menschen, die sich noch an die echten Lebensmittel erinnern und sie so sehr vermissen, dass sie bereit sind, alles dafuer zu tun, sie wieder zu bekommen. Einige besorgen sich Gerste, Malz und Brauhefe und brauen sich ihr Bier in 300 Liter-Ansaetzen oder weniger. Aber Bier ist noch das einfachste. Einige besorgen sich Sauerteigbakterien, vermehren sie in einer Bakterienzucht, kaufen sich eine elektrische Muehle und backen aus rohem Getreide und Sauerteigansatz wieder echtes Sauerteigbrot. Es gibt Menschen die besorgen sich ein viertel Schwein von 60 Kilo, also was man zu zweit noch tragen kann, und machen daraus selbst Kochschinken und Wurst. Einige machen wieder echten Joghurt und Quark. Letzteres soll extrem schwierig sein, man muss sich damit viele Jahre beschaeftigen.

Ihre Freunde und Bekannten sehen das und wollen daran partizipieren. Sie geben ihnen Geld dafuer, immer wieder. Manche von den neuen Produzenten ziehen mit ihrem Bauchladen unter der Hand durch die Kneipen und Weinstuben und bieten ihre selbstgemachte Ware heimlich feil.

Du hast mich eben gefragt, ob ich wuesste, wer dieser Typ ist, der selbstgemachte eingekochte Blutwurst im Glas verkauft. Ja, ich kenne ihn, ich habe auch schon von seiner Ware gegessen. Du kannst sie bedenkenlos kaufen. Sie schmeckt uebrigends herrlich. Ich musste selbst ueberlegen wann ich das letzte Mal so gute, so selbstverstaendlich gute, weil echte Blutwurst gegessen habe, es war 1971.

Nur moechte ich Dir noch folgendes mit auf den Weg geben, Ralf, das war doch Dein Name?“

Ich bejahte.

„Wenn Du bei ihm kaufst, erzaehl es nicht ueberall herum. Egal, wie begeistert Du bist, egal, ob Du glaubst, so etwas leckeres muessten auch alle Deine Freunde unbedingt kennen. Tu es nicht. Wenn Du es anderen erzaehlst, wird irgendwann jemand dabei sein, der mal eben fragt: zahlt der denn Steuern? Oder jemand fragt, ganz naiv und neugierig: wo kocht er seine Wurst denn?“

„Warum, das sind zwar Fragen, die man vielleicht diplomatischerweise nicht stellen sollte, aber es wird ihn doch nicht gleich jemand anschwaerzen. Ausserdem erzaehle ich es doch nur Leuten, denen ich einigermassen vertraue, wo ich nicht davon ausgehe, dass sie so ne Denunzianten-Arschloecher waeren. Und uebrigends: sie wuerden sich ja selber schaden, wenn sie ihn anzeigen, weil sie dann die leckeren Lebensmittel nicht mehr bekaemen!“, antwortete ich.

„Seine Sachen sind verdammt gut. Er kocht sie in seiner Kueche zuhause. Er hat in keine Einhunderttausend Euro Kochkueche investiert und muss den Preis nun auf seine Ware aufschlagen. Er zahlt vielleicht auch keine Steuern und muss die Kosten nicht optimieren, um davon leben zu koennen. Sagen wir mal, was sonst als Steuergelder davon fliessen wuerde, behaeltst Du nun in Form hochpreisiger Rohstoffe in Deiner Ware. Von allem partizipierst Du und partizipieren Deine Freunde durch den Genuss beim Essen. Was machst Du, wenn er durch den grossen Erfolg bei seinen Kunden irgendwann genug Geld zusammen hat, dass er sich einen knallroten Alfa Romeo Spider, Baujahr 1989 – also den ganz huebschen – , sein Lieblingsauto, das weiss ich zufaelligerweise, vor sein Haus stellt.“

„Natuerlich gar nichts, ich goenne ihm seinen Erfolg, er hat ihn sich auf jeden Fall verdient! Fuer mich ist er jetzt schon ein Held!“, rief ich zurueck. Ich hatte ja schon mein drittes Bier in der Hand.

„Wuerden alle Deine Freunde, denen Du von den herrlichen Wurstwaren, die wieder so lecker schmecken wie frueher, erzaehlt hast, unserem Wurstverkauefer ebenso seinen Erfolg goennen?“, antwortete der Fremde, bezahlte sein Bier, verabschiedete sich und ging.

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

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