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Antike Analogcomputer

„This is not a computerr, that is a computerr!“

Berlin, 27. April 12,

Hauptfragment des Antikythera Mechanismus‘, wie es am 17 May 1902, vom griechischen Archaeologen Valerios Stais in der im Jahr 1900 geborgenen Ladung eines antiken Handelsschiffes gefunden wurde.

Muss so schnell wie moeglich nach Athen, mir den einzig in Fragmenten [3] erhaltenen vorchristlichen Analogcomputer ansehen. Der Apparat ist wirklich eine aeusserst komplexe analoge Rechenmaschine. Nach Eroberung Griechenlands durch die Roemer hat es rund 2000 Jahre gedauert, bis Menschen einen solchen Computer WIEDER – und das ist ja das verrueckte – bauen konnten.

Ich muss ihn mit eigenen Augen sehen bevor ich es wirklich glauben kann.. Was haetten wir dann alles versaeumt..

Habe neulich im Fernsehen [5] einen Bericht ueber eine antike analoge Rechenmaschine im Tragetaschenformat gesehen, die im 1. Jhd v. Chr. gebaut worden sein soll und aus 60 bis 72 metallenen Zahnraedern bis zu 223 Zaehnen bestand [1][2][5]. Diese war u.A. in der Lage Sonnen- und Mondeklipsen ueber 20 Jahre im Voraus auf die Stunde genau zu berechnen [4][5].

Schema der Anordnung von einigen der Zahnraeder des Antikythera Mechanismus‘. Der Mechanismus bestand, so weiss man heute, wahrscheinlich aus 60 bis 72 Zahnraedern, mit bis zu 223 Zaehnen!

Nach wenigen Minuten war ich der Meinung, weil an diesem Tag gerade zufaellig der Kalender den 1. April anzeigte, das Arte sich hier einen schoenen Aprilscherz mit den Zuschauern machte. Schliesslich hatte ich bereits an der Schule und spaeter auch an der Universitaet gelernt, dass die ersten praezisen Rechenmaschinen aus dem 17. Jhd stammten und eine solche kompakte Mechanik im Taschenformat fruehestens gegen Ende des 18. Jhd gebaut werden konnte, also vor ca. 240 Jahren oder 8 Generationen [6].

Hahns Rechenmaschine

Erst um 1774 gelang es dem Mechaniker Philip Matthäus Hahn, Rechenmaschinen mit ausreichender Zuverlässigkeit in Kleinserie herzustellen. Sie war aber wahrscheinlich noch weniger praezise als der Antikythera Mechanismus.

Dann habe ich recherchiert [1][2][3][4][5]. Nein, es stimmte. Die antike Rechenmaschine gab es wirklich und sie ist im Nationalmuseum von Athen ausgestellt.  Ich war sprachlos.

Die alten Griechen bauten einen solchen Apparat in ihren Feinmetall-Werkstaetten vor 2050 Jahren oder 68 Generationen [4][5]. Man hat den Apparat vor gut 100 Jahren im Jahre 1902 entdeckt aber lange ignoriert, weil niemand ihn verstand [5] (schliesslich gab es vor 100 Jahren nur wenige und heute noch weniger, die so etwas haetten bauen koennen). Dann wurde der Apparat Anfang des Jahrtausends fuer die Wissenschaft wiederentdeckt [2][5]. Da er nach Jahrtausenden am Meeresboden quasi versteinert war, und es nicht moeglich war in aus dem Gestein zerstoerunglos zu befreien, hat man ihn mit modernsten Hochenergie-Roentgenverfahren durchleuchtet und erhielt ein dreidimensionales Bild des in Stein eingeschlossenen metallenen Apparates. Man hat ihn dann in einem aufwendigen mehrjaehrigen interdisziplinaeren Forschungsprojekt unter der Leitung des Ingenieurs und Mathematiker Michael Wright, dem Curator des London Science Museum, zum groessten Teil entschluesselt und verstanden. Der Apparat war ungefaehr so kompliziert und praezise wie mechanische Rechenmaschinen des fruehen zwanzigsten Jahrhunderts [4][5], bevor eine Elektrifizierung der Zahnraeder und Walzen durch Motoren geschah. Wie gesagt, er konnte Sonnen- und Mondfinsternisse der naechsten zwanzig Jahre auf die Stunde im Voraus berechnen.

Moderner Nachbau des Antikythera-Mechanismus‘.

Von griechischen experimentellen Dampfmaschinen wusste ich schon lange, aber nicht von funktionierenden, praxistauglichen, groessenoptimierten, mobilen Computern. Das war mir voellig neu. Die Griechische Zivilisation stand demnach kurz vor der industriellen Revolution als sie von den militaerisch maechtigeren, kulturell und wissenschaftlich aber nicht annaehernd vergleichbaren Roemern um 147 vor Christus unterworfen wurde [7].

Geht man davon aus, das die technologische Entwicklung, wenn die Roemische Machtexpansion nicht statt gefunden haette, damals genauso vorangeschritten waere wie seit dem 18. Jahrhundert, dann koennte man einen Zeitverlust von rund 2000 Jahren fuer die Menschheit verbuchen. Vor dem Hintergrund einer geschriebenen Menschheitsgeschichte von rund 6000 Jahren [8] ist das eine grosse Zahl. Seien wir uns dessen bewusst, das so etwas nicht wieder vorkommen sollte und unterstuetzen wir daher logischerweise die Kraefte der menschlichen Kultur, der Wissenschaft und der Vernunft unserer Zeit.

Quellen:

[1] http://hist.science.online.fr/antikythera/index.htm

[2] http://en.wikipedia.org/wiki/Antikythera_mechanism

[3] http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-14098.html

Hier sind zwei weitere Filme zum Antikythera Mechanismus: Der erste Film [4] ist von der Firma Hublot und stellt eine Kurzeinfuehrung in die Thematik dar, der zweite [5] Film ist von der Zeitschrift Nature und ist ausfuehrlicher. Der zweite Film ist auch der, den sie auf Arte gezeigt hatten und der mich zum Schreiben dieses Artikels veranlasst hat.

[4] http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=UpLcnAIpVRA

[5] http://www.nature.com/nature/videoarchive/antikythera/

Mehr Quellen:

[6] http://www.weller.to/his/h03-ersten-mechanischen-rechenmaschinen.htm

[7] http://www.griechenland-urlaubsinfos.com/ende-hellenistischen-zeit.html

[8] http://de.wikipedia.org/wiki/Menschheitsgeschichte#Hochkulturen

Über monstermaschine

Blogger, Diplom-Ingenieur, TU, Raumfahrttechnik, Embedded Systems, Mitglied VDI, DGLR

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